Musikalischer Streifzug über die Insel Ischia

CD-Tipp

Artikel vom 23. Mai 2020

Von Bernd Epple

ISCHIA. Der sizilianische Liedermacher Pippo Pollina, einst Tournee-Gefährte von Konstantin Wecker, baut seit Jahren auf die hohe Spielkunst seines Klarinettisten und Saxofonisten Roberto Petroli. Und das nicht ohne Grund, zählt er doch zur Crème de la Crème der europäischen Klarinettisten-Szene. Bereits in den 80er-Jahren stand er an der Seite von Jazzgrößen wie Gerry Mulligan oder Chet Baker. Dennoch lässt sich der klassisch ausgebildete Petroli keinem bestimmten Genre zuordnen.

"Der will nur spielen!", könnte man über diesen quirligen Musiker sagen: Und das tut er auf beeindruckende Weise auf seinem zweiten Album unter eigenem Namen zusammen mit weiteren Pollina-Weggefährten wie der Cellistin Stefania Veritá und dem Pianisten Gianvito Di Maio mit denen er auch das "Roberto Petroli" Trio bildet. Als weitere Musiker wirken Daria Zappa (Violine), Pippo Pollina (Gitarre) und die Schlagzeuger Marco Calise und Rore Saitto bei dieser CD mit.

"La mia Isola" (meine Insel) - das ist für den, in Bari geborenen Petroli die Insel Ischia im Golf von Neapel, wo er seit einigen Jahren auch Livemusik-Wochen am schönen Citara-Strand veranstaltet. Dieses Album beschreibt facettenreich die Stimmungen dieser Vulkaninsel, die auf kleinstem Raum eine Vielfalt von Eindrücken bietet.

Zunächst konzentriert sich das Auge beziehungsweise das Ohr auf die gesamte Insel vor Neapel. Im Intro wird "Ischia" von sanftem Meeresrauschen umspielt, mit glitzernden Akkord-Kaskaden Di Maios garniert, bevor Petroli mit markantem Klarinettenspiel die Führung übernimmt. Schon nach einigen Takten offenbart er seine individuelle Spieltechnik mit Drop-Offs und nahtlos hochgeschraubten Tönen in die höchsten Lagen, gefolgt von jazzigen Breaks und einem leichten, sonnigen E-Piano-Solo.

Danach wird in den folgenden elf Stücken zum Streifzug über die Insel eingeladen, der bei den Felsen der Liebenden, den "Scogli degli Innamorati", bei Forio beginnt. Petroli lockt mit weichem Sopransaxofon zum Tête-à-Tête und Veritá streicht den Cellobogen mit einer Intensität und Zartheit, die auch Pippo Pollina an ihr schätzt. "Le fumarole", die vulkanischen Dampfaustritte sind im "Pink Panther"-Stil gehalten und laden förmlich zum Mitschnipsen ein. Es swingt, dampft und wabert ordentlich aus den Fumarolen-Feldern, die auf Ischia mannigfaltig vorkommen. Weiter geht es zum altehrwürdigen "Torrione" von Forio in dem sich zunächst die Geister der alten Inselprotektoren mittels jazziger Tenorsax-Phrasen zu unterhalten scheinen, bevor dies in einen jazzrockigen Groove mündet, der kurzfristig an Weather Reports "Birdland" erinnert.

In der Folge bedient sich die Formation verschiedenster musikalischer Stilmittel und führt dabei auf die kleine, vorgelagerte Felseninsel in die Burganlage "Castello Aragonese", in die Pracht der botanischen Gärten "Giardini la Mortella" oder in die über dem Meer ansteigende "Poseidon"-Therme.

Album strahlt süditalienische "Dolce Vita"-Gelassenheit aus

Das Album ist überaus abwechslungsreich und strahlt eine süditalienische "Dolce Vita"-Gelassenheit aus. Vor allem besticht es mit der grandiosen und unverwechselbaren Phrasierung und Instrumentenbeherrschung Petrolis. Ganz gleich ob Klarinette oder Saxofone; ihm scheinen keine Grenzen gesetzt. Dabei wirkt sein Stil nie aufdringlich, auch wenn er bisweilen alle Register zu ziehen scheint. Bei Roberto Petroli formieren sich Töne zu Gemälden. Lebendige Rhythmen verwandeln sich in ein Feuerwerk aus Temperament und Dynamik, und dank seiner Virtuosität zaubert er immer wieder phantasievolle Improvisationen. Auch seinen kongenialen Begleitmusikern ist es zu verdanken, dass dieses Konzeptalbum zum absolut runden Hörgenuss wird. Jeder Ischia-Fan sollte es in seiner CD-Sammlung haben, jeder Musikfreak sowieso! CD-Tipp

Roberto Petroli: "La mia Isola". Erhältlich über http://www.stefaniaverita.com sowie über http://www.robertopetroli.com oder Amazon als MP3-Album.
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