Zwei markante Köpfe der verschollenen Generation

"Kunst@Home": Der Galerieverein Böblingen präsentiert Porträtbilder von Hermann Sohn und Tell Geck aus dem Bestand der Städtischen Galerie

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    In Tell Gecks Porträt mit dem Titel "Der Raucher" aus dem Jahre 1926 finden sich deutliche Bezüge zu dem von ihm verehrten Maler Vincent van Gogh
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    Grimmige Entschlossenheit spiegelt sich in Hermann Sohns Selbstporträt aus dem Jahre 1923 wider

Artikel vom 23. Mai 2020

Von Rotraud Heyder

BÖBLINGEN. Wir leben in einer Zeit der sich ablösenden Krisen, eine davon erleben wir heute. Doch eine Krise ist seit Jahren schleichend, mehr oder weniger unterschwellig vorhanden, die "Krise der Männlichkeit", jene, die den traditionellen Mann, den Mann, der das Sagen hat, in Frage stellt.

Diese beiden Selbstporträts hingegen dürfen wir als Ausdruck einer nicht hinterfragten, nicht verunsicherten Männlichkeit sehen. Selbstbewußt präsentieren sich die zwei Maler. Hermann Sohn mit Ballonmütze und hochgestelltem Mantelkragen. Die Augen sind zu Schlitzen verengt, die Mundwinkel herabgezogen. Der Gesichtsausdruck zeigt grimmige Entschlossenheit. Die Ballonmütze (man denkt an Bert Brecht), sowie das diskrete blau-rote Abzeichen am unteren Rand, der einzige Farbfleck im Bild, könnten die Nähe zur Arbeiterbewegung vermuten lassen. Warum sollte diese, die in der Zwischenkriegszeit einen Höhepunkt erreichte, nicht auch in dem Esslinger Wengertersohn, dem schwerverletzten Kriegsheimkehrer, neue Hoffnungen aufkeimen lassen?

Freigeist Geck zeigt sich mit freiem Oberkörper

Tell Geck, aus einem musischen Elternhaus in Offenburg stammend, könnte dagegen in Verbindung mit einer anderen großen Bewegung der Zeit gesehen werden. Der nackte Oberkörper erinnert an Freikörperkultur und Jugendbewegung. Der flott nach hinten geschobene Sonnenhut jedenfalls, das demonstrative Pfeifenrauchen, die ansatzweise Unrasiertheit suggerieren den Naturburschen, den Wandervogel. Auch diese Vermutung sei dahingestellt! Dass er von Jugend an Cello spielte und später seinen Lebensunterhalt mit Cellounterricht verdiente, steht nicht im Gegensatz dazu.

Beide Porträts sind formatfüllend. Dadurch und durch die angeschnittene Komposition erhalten die eher kleinen Bilder eine monumentale Wirkung.

Bei Hermann Sohn wird diese noch verstärkt durch zwei ins Bild eingefügte seitliche Vertikalen und durch die plastische Wirkung durch Licht und Schattenpartien. Seine Malweise in ihrer reduzierten Farbigkeit aus Grau- und Rosatönen ist nicht denkbar ohne französische kubistische Vorbilder. Sie ist von großer malerischer Delikatesse und Zartheit. Sicher hat er im Jahr 1919 im Kunstgebäude in Stuttgart Bilder von Georges Braque gesehen, denn erst 1926 reiste er zu einem Studienaufenthalt nach Paris.

Tell Geck bezieht sich in Motiv und Farbgebung - sonnige Gelb-und Ockertöne vor blauem Hintergrund - auf van Gogh, für den man sich in Deutschland früh begeisterte und den der junge Maler verehrte. Die kühle, genaue Beobachtung dagegen - man beachte die Hände, das Anzünden der Pfeife und die Betonung des Zeichnerischen, die dunklen Umrisslinien - all diese Element zeigen den Einfluss der Neuen Sachlichkeit, die an der Akademie Karlsruhe ihren Schwerpunkt hatte.

Hermann Sohn und Tell Geck waren, wie ihre Bilder zeigen, in den 20er-Jahren künstlerisch auf der Höhe der Zeit. Ihre Studienzeit an der Stuttgarter Akademie fiel in die Nachkriegswirren, dennoch oder gerade deshalb geprägt vom begeistertem Willen zum Neuanfang, für den ihnen nur wenige Jahre bleiben sollten. Sie beteiligten sich an den Ausstellungen der "Stuttgarter Sezession", gegründet 1923, aufgelöst durch die Nazis 1933. Etwa zur gleichen Zeit ereilte sie das Malverbot und in Gecks Fall nochmals Kriegsdienst.

Nach 1945 geriet die Kunst der beiden in Vergessenheit

Nach 1945 geriet ihre Kunst ins Abseits, einmal weil alles, was halbwegs an Gegenständliches gemahnte, mit Nazi-Kunst gleichgesetzt wurde, zum anderen durch die Dominanz der abstrakten Malerei. Dieses Schicksal teilten sie mit vielen ihrer in den 1890er Jahren geborenen Altersgenossen, mit der sogenannten "Verschollenen Generation".

Ein Anliegen der Städtischen Galerie Böblingen ist es deshalb, dieser Generation eine Heimat zu bieten.

"KUNST@home" heißt das gemeinsame Projekt von Böblinger Galerieverein und Kreiszeitung. Im Zusammenhang mit den Corona-Einschränkungen wird hier auf der Kulturseite bis zum Abschluss der Reihe regelmäßig ein Bild aus dem Bestand der Städtischen Galerie und der Steisslinger-Sammlung vorgestellt.
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