"Die Welt schaut auf Deutschland"

Moritz Winkelmann ("Klassik im Klösterle") im Interview

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    Moritz Winkelmann

Artikel vom 23. Mai 2020

Von Florian Mader

WEIL DER STADT. Moritz Winkelmann ist normalerweise weltweit unterwegs, ob als Pianist, als Dozent in Stuttgart und Bern oder als künstlerischer Leiter von "Klassik im Klösterle". Bedingt durch Corona hat der Schafhausener eine unfreiwillige Pause, der er aber auch Positives abgewinnt.

Herr Winkelmann, was fehlt Ihnen derzeit ganz besonders?

Die Ziele fehlen, die Vorfreude - und sogar die Deadlines. Und das Publikum fehlt. Die Menschen, für die man spielt. Der Moment, in dem man Musik macht, die von anderen Menschen empfunden wird. Dieses "Von Herzen - möge es wieder zu Herzen gehen" von Beethoven fehlt. Und wir wissen nicht, wann es wieder losgeht.

Wie geht es Ihren Kollegen, die nur von den Konzert-Einnahmen leben?

Wenn bei Künstlern auf einmal alle Einnahmequellen wegbrechen, dann ist die Lage schlichtweg prekär. Viele stehen mittlerweile mit dem Rücken zur Wand. Was staatliche Hilfen betrifft, bekomme ich gemischte Informationen - die einen haben Soforthilfen bekommen, die anderen nicht, wieder andere sollen sogar Arbeitslosengeld beantragen. Deutschland ist einer der führenden Kulturstandorte weltweit. Die Welt schaut in Sachen Kultur auf Deutschland. Deshalb ist Deutschland auch verantwortlich dafür, dass jetzt flächendeckende finanzielle Hilfen gewährt werden. Und das sehe ich bedauerlicherweise noch nicht.

Droht nun auch für "Klassik im Klösterle" eine finanzielle Schieflage?

Auch wir müssen laufende Kosten decken, aber es ist noch nicht existenzbedrohlich. Uns war in erster Linie wichtig, für ausgefallene Termine Ersatz anbieten zu können, damit die Konzerte nicht einfach so platzen. Das bedeutet für die Künstler und auch für unser Publikum sehr viel.

Wollen viele Zuschauer ihr Geld zurück?

Nein, auch wenn sie selbstverständlich die Möglichkeit dazu haben. Sie können uns aber auch per E-Mail darüber informieren, dass sie ihre Karte spenden möchten, wenn sie an dem Ersatztermin keine Zeit haben.

Nun sind Konzerte auf Sicherheitsabstand angedacht. Begrüßen Sie das?

Als Künstler schon. Für Veranstalter ist es eher eine wirtschaftliche Frage. Auch bei "Klassik im Klösterle" leben wir quasi von der Hand in den Mund und sind darauf angewiesen, dass wir Karten verkaufen. Wenn jetzt nur ein Bruchteil unserer Zuhörer in den Saal darf, dann müssen neue Konzepte erprobt werden, wie wir kostendeckend arbeiten können. Allein die Möglichkeit wäre aber in jedem Fall ein Schritt in eine gute Richtung und ein wichtiges Zeichen für die Kulturwelt.

Sehen Sie trotz allem Positives in der Krise?

Ich kann dieser neuen beziehungsweise vorübergehenden Langsamkeit einiges abgewinnen, vor allem im Bezug auf meine künstlerische Arbeit. Außerdem sieht man zur Zeit vermehrt Gesten von Solidarität, die unsere Gesellschaft dringend nötig hat, ganz unabhängig von Corona. Ich hoffe dennoch, dass wir Musiker bald wieder Konzerte spielen dürfen, das ist klar. Ich glaube an das Live-Konzert.

http://www.klassikimkloesterle.de

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