"Fata Morgana" im Zugabteil?

"Kunst@Home": Der Galerieverein Böblingen stellt "In der Bahn" von Reinhold Nägele vor

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    Die Frau in Weiß zieht die Blicke auf sich Bildrechte: Yves Siebert Auktionen, Stuttgart

Artikel vom 30. April 2020 - 13:00

Von Corinna Steimel

BÖBLINGEN. Die Bildbeschreibung im Auktionshaus-Katalog lautete ganz sachlich "In der Bahn". Vordergründig handelt es sich um eine szenische Darstellung einer Zugfahrt in der dritten Klasse. Intensiver betrachtet jedoch erzählt das Gemälde viel mehr und gibt Rätsel auf - typisch für den oft so tiefgründigen Maler Reinhold Nägele. Dieses zum Rätselraten anregende Kunstwerk hat der Böblinger Galerieverein für die Städtische Galerie erworben.

Wer ist sie, diese auffallend verwegene Unbekannte, die unsere Blicke auf sich zieht? Unser Neugierde wird geweckt angesichts ihres hellen, fast schon transparent wirkenden Kleids sowie ihrer extravaganten roten Kopfbedeckung. Weil diese Frauengestalt zunächst alle Aufmerksamkeit erhält, beachten wir erst verzögert die weiteren Mitfahrerinnen und Mitfahrer im Zugabteil. Neben zwei vergleichsweise "anständig" gekleideten Damen sieht man am rechten unteren Winkel des Bildrands einen Mann in Rückenansicht sitzen, der eine militärische Uniform und Mütze trägt. Obwohl man ihn nur seitlich angeschnitten von hinten sieht, erkennen Kenner des Künstlers an der physiognomischen Erscheinung sofort, dass es der Maler persönlich ist.

Wieder einmal hat sich der zwischen Witz und Satire bewegende Maler Reinhold Nägele (geboren 1884 in Murrhardt 1884, gestorben 1972 in Stuttgart) selbst in sein Werk eingeschmuggelt, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Markenzeichen von ihm wurde. Dieses Gemälde führte er 1916 aus, während der Ersten Weltkrieg tobte. In dieser krisenhaften Zeit war er als Soldat auf dem Böblinger Flugfeld stationiert, war wahrscheinlich häufig auf der Zugstrecke zwischen seinem Wohnort Stuttgart und Böblingen unterwegs und konnte sich seinen Tagträumen hingeben. Die Versetzung nach Böblingen hatte ihm immerhin den lebensgefährlichen Einsatz an der Front erspart.

Das Leben des in Stuttgart, New York und Murrhardt lebenden Künstlers Reinhold Nägele verlief äußerst tragisch. Die Loyalität gegenüber seiner jüdischen Ehefrau veranlassten ihn, im Dritten Reich vor den Nationalsozialisten zu fliehen. Seine Familie wurde aufgrund der Emigration über Frankreich und Großbritannien bis nach New York lebenslänglich auseinandergerissen. In Manhattan, wo er sich niederließ, traf er nicht den Geschmack seines amerikanischen Publikums, blieb unverstanden und konnte nicht mehr an seine vorherige künstlerische Karriere anschließen. Erst nach dem Tod seiner Frau kehrte er 1963 in die Heimat zurück.

Während des Ersten Weltkriegs war Reinhold Nägele bei der Flieger-Ersatz-Abteilung 10 in Böblingen stationiert und hielt die Stadt und ihre nähere Umgebung in einer beeindruckenden Reihe von Bildern fest. Neben dem fein ziseliert ausgeführten Stil seiner oftmals in Miniaturgröße gemalten Bilder bestechen diese zudem durch die Wahl der Motive, welche sich durch einen hintergründigen, nicht selten ins Skurrile gesteigerten Humor auszeichnen.

"KUNST@home" heißt das gemeinsame Projekt von Böblinger Galerieverein und Kreiszeitung, bei dem in Corona-Zeiten regelmäßig ein Bild aus dem Bestand der Städtischen Galerie und der Steisslinger-Sammlung vorgestellt wird.
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