Corona: Familien kommen zunehmend an ihre Grenzen

Amt für Jugendhilfe: Die Corona-Pandemie kann auf familiäre Probleme wie ein "Brandbeschleuniger" wirken

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    Allein dass die Spielplätze geschlossen sind, ist für viele Familien problematisch Foto: atz

Artikel vom 30. April 2020 - 09:12

KREIS BÖBLINGEN (red/krü). Die Corona-Krise stellt eine Belastung für die ganze Gesellschaft dar - insbesondere aber für Familien mit Kindern. Nach langer Pause öffnen erst nächste Woche wieder die Schulen für die älteren Jahrgänge, in den Kitas wird nur eine Notbetreuung angeboten. Zudem sind Spiel- und Sportplätze sowie die Jugendhäuser geschlossen, da kommen viele Familien an ihre Grenzen.

Insofern hält die Corona-Krise auch das Jugendamt und die freien Träger der Jugendhilfe auf Trab. Viele Kinder und ihre Eltern benötigen mehr denn je Unterstützung, zudem müssen Unterhaltszahlungen zuverlässig fließen, und natürlich soll der Kinderschutz gewahrt bleiben.

Das Jugendamt des Landkreises Böblingen hatte Mitte März im Schulterschluss mit den Einrichtungen und Diensten der freien Jugendhilfeträger auf "Corona-Betrieb" umgeschaltet. "Teams wurden geteilt, damit nicht ein Covid-19-Fall eine ganze Abteilung lahmlegt, Schutzausrüstung beschafft, wenn ein erkranktes Kind in Obhut genommen werden muss", so Jugendamtsleiter Wolfgang Trede, "und viele Absprachen getroffen, zum Beispiel mit dem Roten Kreuz und der Böblinger Kinderklinik".

Vor allem aber mussten die soziale Arbeit und die Beratungstätigkeit fast ganz auf telefonische Beratung oder Videogespräche umgestellt werden. In den Tagesgruppen und den Angeboten der Sozialen Gruppenarbeit läuft gleichzeitig ein Notprogramm ähnlich wie in den Kitas.

In den ersten Wochen der speziellen Situation haben die Familien ihren Alltag offenbar noch ganz gut hinbekommen. "Im Moment ist es noch ruhig und wir haben zumindest bei uns noch keinen Anstieg von Kinderschutzfällen wegen der Ausnahmesituation", sagte Bettina Bergemann, Leiterin der Außenstelle Leonberg des Sozialen Dienstes, noch Anfang April. Doch selbstredend ist die Belastung gewachsen.

"Wir erleben zuletzt schon, dass Familien zunehmend an ihre Grenzen kommen", berichtet Landratsamt-Sprecherin Rebecca Kottmann. Deswegen habe man ab dem 20. April die Notbetreuungen in den Gruppenangeboten ausgeweitet. "Und es finden in der Familienhilfe auch mehr Face-to-face-Kontakte statt - natürlich unter Einhaltung der Vorgaben des Infektionsschutzes." Ab nächster Woche stünden die Träger - in Abhängigkeit von den nächsten Entscheidungen auf Bundes und Landesebene - bereit, den Betrieb sukzessive und vorsichtig wieder hochzufahren

Virus-Situation kann als "Brandbeschleuniger" wirken

Zu den beteiligten freien Trägern gehört zum Beispiel der Verein für Jugendhilfe, der seinen Hauptsitz in der Böblinger Talstraße hat. "In Zeiten von Corona ändern sich die Arbeitsbedingungen massiv, Flexibilität und Fantasie sind an vielen Stellen gefragt", heißt es von Seiten der Einrichtung.

Der Verein für Jugendhilfe betreut in seinem Schwerpunktgebiet "Sindelfingen und Nordwestlicher Landkreis" derzeit rund 90 Familien und Alleinerziehende. 20 Pädagogen unterstützen die Erwachsenen, ihrem Erziehungsauftrag gerecht zu werden, und sind in familiären Krisen ansprechbar. Der persönliche Kontakt ist wichtig, doch Corona macht dies seit Mitte März nur noch sehr eingeschränkt möglich. Die Sozialpädagogen müssen flexibler arbeiten denn je und halten zumeist Kontakt per Telefon. Über geeignete Zugänge sind sie auch per Videochat mit ihren Klienten im Gespräch.

Das funktioniert ordentlich, doch gleichzeitig steht außer Frage, wie belastend diese Zeit für beide Seiten ist. Die letzten Wochen hätten gezeigt, dass das Virus durchaus als "Brandbeschleuniger" wirken kann, schreibt der Verein für Jugendhilfe. "So werden Trennungen schneller vollzogen, und übrig bleiben Alleinerziehende. Zudem verstärken sich finanzielle Sorgen, der normale Alltag wird für alle Klienten herausfordernder." Andererseits sei beeindruckend, wie kreativ manche Familien sind. So gibt es eigene Ideen, wie schon die Kleinsten mit in den "Arbeitsalltag" eingebunden werden und wie mit einfachsten Mitteln Bereiche der Wohnung verschönert werden können - das mache regelmäßig Mut.

Die Psychologischen Beratungsstellen des Landkreises bieten ein allgemeines Familien- und Jugendtelefon an: für Böblingen unter (0 70 31) 22 30 83, für Sindelfingen unter (0 70 31) 663-41 00, für Herrenberg unter (0 70 31) 663-24 20 und für Leonberg unter (0 70 31) 663-41 20.
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