Kultur braucht Klarheit

Das Interview: Veranstaltungsmanager Ralf Püpcke will trotz Corona-Krise nach vorne schauen

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    Ralf Püpcke (rechts) organisiert gemeinsam mit Tilman Jäger die Böblinger Jazztime Foto: Epple

Um Musik und Kultur dreht sich alles bei Ralf Püpcke: Er organisiert die Böblinger Jazztime, er spielt Schlagzeug bei der STB Bigband und betreut die A-Cappella-Band Füenf. Nichts von alledem findet derzeit statt. Es sind schwierige Zeiten für einen Kulturmanager. Wie geht Püpcke damit um? Mit der Kreiszeitung sprach er darüber.

Artikel vom 30. April 2020 - 09:00

Von Bernd Epple

Guten Tag Herr Püpcke, wie geht es Ihnen in diesen schwierigen Zeiten?

Corona nervt, aber mir geht es gut soweit. Meine Familie ist gesund und wir machen das Beste aus der Situation. Es sind herausfordernde Zeiten mit drei Kindern daheim, aber wir haben nun auch viel mehr Zeit füreinander und genießen die sonnigen Tage. Beruflich bin ich in erster Linie Absage-Manager oder mit langfristigen Projekten beschäftigt, also weiterhin voll eingespannt.

 

Wie kamen Sie zum Kulturmanagement?

Mit dem gutartigen "Veranstalter-Virus" infiziert habe ich mich als AEG-Musikzug-Schüler am Schlagzeug und Anfang der 90er als Zivildienstleistender im damaligen Café Diabolino in Böblingen, dem heutigen Casa Nostra. Oft war ich umfassend an der Organisation beteiligt, und es machte mir zunehmend Freude, etwas zu veranstalten. So kam ich schließlich dazu, Kultur- und Veranstaltungsmanagement zu meinem Beruf zu machen [siehe "Zur Person"].

 

Wie muss man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Ich agiere an der Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Kultur, der Politik, den Medien und der Öffentlichkeit. Die Schwerpunkte liegen in der strategischen Beratung, Konzeption, Organisation und Vermarktung sowie Reflexion und Weiterentwicklung meiner Auftraggeber. Oft stellt sich die Frage, wie man neues Publikum gewinnt und dauerhaft bindet, oder wie ein Projekt finanziert werden kann. Dabei hilft der Blick von außen, ein langjähriges Netzwerk und die Offenheit für den stetigen Wandel - sowohl analog als auch digital.

Wie sehen Ihre beruflichen Visionen aus?

Durch Corona nutzen wir verstärkt digitale Angebote. Sie helfen uns sehr, den Alltag zu meistern. Das sollten wir als Chance nutzen und die positiven Errungenschaften in unser zukünftiges Leben integrieren. Trotzdem spüren wir auch, wie sehr uns das reale, analoge Leben fehlt. Dazu gehören auch Live-Events, Stadtfeste oder Konzerte, die hoffentlich bald wieder zahlreich besucht werden können. Auch deshalb engagiere ich mich seit drei Jahren in Stuttgart für ein neues Konzerthaus als lebendiges Musikzentrum. Und ich würde mir wünschen, dass systemrelevante Tätigkeiten wie etwa Pflegeberufe nach der Wertschätzungs-Welle nun auch konkret besser honoriert werden.

 

Was bedeutet Kultur für Sie persönlich und welche Stellung kommt ihr in der Gesellschaft zu?

Auch wenn die Kultur- und Veranstaltungsbranche derzeit ernüchtert feststellen muss, dass sie in Corona-Zeiten nicht systemrelevant ist, so ist Kultur doch ein wichtiger Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie ist weltoffen und regt zum Nachdenken an, vermittelt Inhalte und ermöglicht gemeinsame, unterhaltsame Erlebnisse. Sie ist Bildung und Entspannung zugleich.

 

Wie hart trifft Sie persönlich die Einstellung des Kulturbetriebs?

Direkt oder indirekt bin ich von rund 20 Veranstaltungsabsagen betroffen, ein Ende ist noch kaum in Sicht. Wir bemühen uns um Ersatztermine, auch für die Jazztime. Aber so wie es momentan absehbar ist, habe ich bis Sommer schon rund 40 Prozent Honorar-Umsatz verloren. Damit falle ich wohl trotzdem durch das Raster der Corona-Hilfe, weil diese nur einen Teil der Lebenshaltungskosten mitträgt. Zum Glück ist meine Frau Lehrerin am Goldberg-Gymnasium in Sindelfingen.

"Für manche stellt sich derzeit die Existenzfrage"

Was bedeutet die Krise für Künstler und Veranstalter?

Die trifft es leider mit voller Wucht, viele haben kaum noch Einnahmen und für manche stellt sich derzeit die Existenzfrage. Für die sind staatliche Corona-Hilfen absolut notwendig. Ob für die Veranstalter die vom Bund verpflichtende Gutschein-Regelung kommt und auch sinnvoll ist, wird derzeit noch diskutiert. So ein privates Eintrittspreis-Darlehen ist besser als nichts, aber man muss die Leistung auch noch zeitnah oder spätestens bis Ende 2021 erbringen können, sonst droht spätestens dann eine Rückzahlungswelle. Aber einige Veranstalter berichten auch von einem solidarischen Publikum, welches freiwillig das Eintrittsgeld nicht zurückverlangt und somit spendet.

Viel Interpretationsspielraum, kaum verlässliche Planungsperspektiven

Können Sie noch planen?

Aktuell sind alle Großveranstaltungen bis 31. August bundesweit verboten. Aber was ist eine Großveranstaltung? 1000, 2000 oder mehr Besucher? Was ist mit den kleineren Veranstaltungen für 100 bis 500 Besucher? Momentan gibt es viel Interpretationsspielraum und kaum verlässliche Planungsperspektiven, deshalb ziehen viele Veranstalter die Reißleine. Manche mussten schon die Verschiebung der Verschiebung organisieren und planen nun lieber gleich mit 2021.

 

Ist der Lockdown bis Ende August für Sie nachvollziehbar?

Ja, es ist eine weitreichende, aber nachvollziehbare und klare Entscheidung. Und Klarheit hilft derzeit einfach mehr als nebulöse Spekulationen. Trotzdem wäre es schön, wenn man im Falle von positiven Entwicklungen bereit wäre, kurzfristig eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, auf die sich die Stadtgesellschaft freuen kann. Zudem als Dank für die mehrheitlich geduldige Disziplin und großartige Solidarität.

 

Was halten Sie von Live-Streamings als Alternative zu öffentlichen Veranstaltungen?

Das ist derzeit eine gute Idee und kreative Spielwiese, aber es stellt sich die Frage nach der Qualität und Relevanz. Einige Künstler empfinden den Auftritt ohne Publikum als interessante Erfahrung, aber dauerhaft wünscht sich das niemand. Zudem gilt dabei wohl der Grundsatz "weniger ist mehr", in Bezug auf die Anzahl und die Konzertdauer. Für die Böblinger Jazztime prüfen wir derzeit, ob wir zumindest ein Live-Streaming-Konzert auf die Beine stellen können.

 

Haben Sie selbst Angst vor dem Virus?

Nein, Angst habe ich keine, aber Respekt, die Natur ist einfach stärker als wir. Besondere Sorgen mache ich mir natürlich um meine eigene Familie oder Risikogruppen wie meine Eltern oder Schwiegereltern.

 

Welche Einschränkungen treffen Sie persönlich am meisten?

Die Verwandtschaft und den Freundeskreis nur mit Abstand treffen zu dürfen, das empfinde ich schon als besonders traurig. Allerdings entdecken wir gerade die Video-Telefonie. Die Proben mit meiner Bigband fehlen mir so langsam auch. Der Lockdown war dennoch notwendig, die Gesundheit geht vor und es gab weltweit genügend Beispiele für einen bedrohlichen Verlauf. Trotzdem bleibe ich ein kritischer Wegbegleiter, weil mir auch die wirtschaftlichen Folgen einige Sorgen bereiten. Und weil ich mich gerne wieder frei bewegen will.

 

Zur Person: Ralf Püpcke
■ 1971 kommt Ralf Püpcke in Kirchen/Sieg bei Bonn zur Welt.
■ 1990 Abitur am Albert-Einstein-Gymnasium in Böblingen (Musik-Leistungskurs, Mitglied der AEG-Bigband). Seit 1991 Schlagzeuger der STB Bigband.
■ 1992 bis 1995 Mitarbeit in einer Sponsoringagentur in Bonn, unter anderem das Kulturengagement der Telekom mitbetreut.
■ 1995 bis 1998 Studium an der Fachhochschule Pforzheim zum Diplom-Betriebswirt, Fachrichtung Marketing/Kommunikation.
■ 2000 Gründung der Agentur Püpcke Kulturmarketing in Stuttgart. Seit November 2001 Mitorganisator der Böblinger „Jazztime“ Böblingen. Heute lebt und arbeitet Püpcke mit seiner Familie in Stuttgart.

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