Banger Blick ins Ungewisse

"Kunst@Home": Der Galerieverein Böblingen stellt heute eine Arbeit von Käthe Löwenthal vor

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    "Alpenhütte im Berner Oberland" nannte Käthe Löwenthal dieses Bild

Artikel vom 17. April 2020 - 18:24

BÖBLINGEN (red). "Kaum ein Bild passt besser zu unserer derzeitigen bedrohlichen Situation. Eine dunkle Wand versperrt den Blick auf die vor uns liegenden Wochen, ja Monate, und erfüllt viele von uns mit einem Gefühl des Bangens", schreibt der Böblinger Galerieverein zu dem hier vorgestellten Werk.

Es entstand vor knapp hundert Jahren in den Berner Alpen, wo es Käthe Löwenthal immer wieder zum Malen hingezogen hat. Schon in früher Jugend hatte sie sich für die Schweiz als Wahlheimat entschieden, unter anderem, weil ihre jüdische Familie aufgrund des väterlichen Berufes oft umzog. In Bern lebte sie in einer protestantischen Familie und wurde dort auch getauft. Ihr Schweizer Pass hätte sie später vor der Verfolgung durch die Nazis retten können.

Sie studierte bei Ferdinand Hodler in Bern, bei Leo von König in Berlin und besuchte ab 1909 die "Damenmalklasse" von Adolf Hölzel in Stuttgart. Käthe Löwenthal war Mitglied im Württembergischen Malerinnenverein, nahm an vielen Ausstellungen teil (zum Beispiel an der Stuttgarter Sezession) und war als freie Malerin erfolgreich bis zu ihrem Malverbot 1935. Ihrer Freundin Erna Raabe zuliebe blieb sie in Deutschland - trotz aller Warnungen. 1942 wurde sie deportiert und in Polen ermordet. Der größte Teil ihres Werkes fiel den Bomben zum Opfer, doch eine Mappe mit circa 250 Arbeiten, ihre "Testamentmappe", wurde von dem elfjährigen Sohn ihrer Putzfrau Marie Nothdurft in Sicherheit gebracht.

Zu diesen Arbeiten gehört auch das hier gezeigte Bild "Alpenhütte im Berner Oberland": Ein Weg durchzieht die Talaue, zwei Bäume begrenzen die Hütte, menschenleer und klein ist die Landschaft. Darüber erhebt sich nahezu formatfüllend und nach vorne drängend das dunkle Gebirgsmassiv. Wenig Farben, durchsichtig, verrieben das Grün und Ocker, das Schwarz in zügigen, kraftvollen Kreidestrichen aufgetragen. "Die sichtverwehrende Wucht des Gebirgsstocks vermittelt uns ein Gefühl von Unheimlichkeit und Bedrohung - eine Metapher auch für das Leben von Käthe Löwenthal", so das Fazit des Galerievereins.

Damit die Kunst in Corona-Zeiten nicht ganz ausfallen muss, hat der Böblinger Galerieverein zusammen mit der Kreiszeitung das Projekt "KUNST@home" gestartet, bei dem regelmäßig ein Bild aus dem Bestand der Städtischen Galerie und der Steisslinger-Sammlung in der KRZ vorgestellt wird.
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