Vom Hörsaal ans Krankenbett: Wie Freiwillige die Kliniken unterstützen

Kinderkrankenpflegerin Leonie Motzkus tauscht ihr Studium gegen den Kampf an der Corona-Front

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    Volker Held, Chef der Intensivpflege, weist die neue Kollegin Leonie Motzkus ein Foto: factum/Bach

Vor drei Jahren beschloss Leonie Motzkus, den Beruf der Kinderkrankenpflegerin an den Nagel zu hängen. Sie begann ein Psychologiestudium in Holland. Doch nun ist sie ins Krankenhaus zurückgekehrt. Wegen Corona.

Artikel vom 14. April 2020 - 14:06

Von Gerlinde Wicke-Naber

KREIS BÖBLINGEN. "Als meine Uni auf Online-Vorlesungen umgestellt hat, gab es für mich keine Ausrede mehr", sagt die junge Frau. "Überall werden in den Kliniken Leute gesucht. Das weiß ich von ehemaligen Kolleginnen. Also hab ich mich gemeldet."

Seit einigen Tagen ist die 30-Jährige nun im Einsatz im Böblinger Krankenhaus - direkt an der Corona-Front. Eingesetzt wird sie auf der Intensivstation, wo die Schwerkranken liegen, die beatmet werden. Noch läuft Leonie Motzkus mit einer erfahrenen Intensivschwester mit, erledigt einfache, aber wichtige Aufgaben wie das Desinfizieren von Geräten oder hilft beim Umlagern der Patienten.

Leonie Motzkus ist eine von fast 650 Menschen, die sich in den vergangenen Wochen nach einem Aufruf des Klinikverbunds Südwest gemeldet haben, um in der Corona-Krise zu helfen. "Wir sind sehr froh über diese zusätzlichen Helfer", sagt Volker Held, der Chef der Intensiv- und Anästhesiepflege an der Böblinger Klinik. Aktuell arbeitet er acht neue Kollegen ein.

Examen als Voraussetzung

Nicht jeder, der willig ist zu helfen, ist auch geeignet. "Wir schauen uns die Leute genau an", sagt Held. Bei Leonie Motzkus habe es gepasst. "Sie hat ein Examen als Kinderkrankenpflegerin und Erfahrung in der Intensivpflege mit Kindern gesammelt." Einen Vertrag für vier Monate hat Motzkus erhalten, vier Tage pro Woche arbeitet sie in der Klinik, einen Tag studiert sie. Entlohnt werden die Helfer nach Qualifikation.

Doch die Bezahlung sei für die meisten nicht ausschlaggebend, sagt Marina Iakovou von der Personalabteilung des Klinikverbunds, die die Aktion zur Personalgewinnung koordiniert. "Die meisten sind überrascht, wenn sie hören, dass sie etwas verdienen. Die Leute wollen einfach helfen", erzählt sie.

Vor allem Menschen mit einer medizinischen Ausbildung sucht Iakovou: Ärzte, Krankenpfleger, Hebammen, medizinische Fachangestellte, Pflegehelfer, Rettungssanitäter. "Viele Studenten melden sich, die eine medizinische Ausbildung haben", berichtet Iakovou. "Aber auch Frauen in Elternzeit, Rentner und viele Medizinstudenten." Auch Menschen ohne medizinischen Hintergrund wollen helfen. Bei der Hotline gehen Angebote von Lehrern, Arbeitslosen und Technikern ein. Wer bereit ist, im Reinigungs- oder Wachdienst einzusteigen, ist willkommen.

Über 250 Arbeitsverträge verschickt

524 Personen mit medizinischer Ausbildung und 121 ohne haben sich beim Klinikverbund für den Einsatz gemeldet. 246 Arbeitsverträge an medizinische Angestellte und 21 an nichtmedizinisches Personal hat der Klinikverbund verschickt. Ein Großteil der Leute hat bereits unterschrieben und wird aktuell eingearbeitet.

"Manche haben nur wenige Tage im Monat Zeit, andere arbeiten in Vollzeit", berichtete Volker Held. Alle erhalten zunächst einen Vertrag für drei bis vier Monate. Je nachdem wie lange die Corona-Krise noch dauert, kann er auch verlängert werden. Die Arbeitsbedingungen sowie die Versorgung der Patienten seien auch dank der neuen Helfer in den Kliniken noch sehr gut, betont Held. "Wir haben noch immer freie Intensivbetten."

Ein Job wie jeder andere ist die Arbeit in der Klinik freilich nicht. Die Angst vor Ansteckung schwingt immer mit, auch bei Leonie Motzkus. Doch die stellt sie hintan: "In einer solchen Situation muss man einfach helfen", sagt sie.

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