Corona-Tagebuch: Amerikanischer Albtraum

Das Virus und wir

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    Foto: Dimitri Karastelev/Unsplash

Artikel vom 14. April 2020 - 08:42

Das Coronavirus bestimmt unseren Alltag. Die vielen kleinen Geschichten rund um unser Leben mit dem Virus fasst die Redaktion der Kreiszeitung in dieser Rubrik zusammen.

Dienstag, 14. April:

Vier Wochen Quarantäne und ein Todesfall: Unser Leben mit dem Corona-Virus schreibt viele Geschichten. Manche sind ärgerlich, manche witzig, andere einfach nur unsagbar traurig. So wie die meines ehemaligen Nachbarn. Der amerikanische IT-Spezialist arbeitet für die US-Regierung. Schon letztes Jahr im Sommer sind seine Familie und seine Kinder in die USA zurückgezogen. Er selbst lebt seitdem in einer kleinen Wohnung in Vaihingen, wenige Minuten entfernt von seinem Arbeitsplatz. Seit Monaten wartet er darauf, dass in der Nähe seiner Familie ein passender Job frei wird. Mitte April sollte es soweit sein.

Dann kam Corona. "At least 60 days", mindestens 60 Tage müsse er seinen Heimflug verschieben, schrieb er mir Mitte März per Whatsapp. Es sollte aber noch schlimmer kommen: Anfang April verstarb sein Vater an den Folgen eines Schlaganfalls. "Mein Boss lässt mich für die Beerdigung nach Hause fliegen", erzählte er mir. Und so packte er seine Sachen und flog gleich am nächsten Tag von der Airbase in Ramstein mit einem Militärtransporter in die USA.

Sobald er dort ankam, musste er für 14 Tage in Quarantäne. Zwar durfte er seine Familie sehen und in der Trauer mit seinen Lieben vereint sein. Aber da Deutschland beziehungsweise Europa insgesamt in den USA als Risikogebiet gilt, mussten alle, die mit ihm in Kontakt kamen, ihrerseits für zwei Wochen in Isolation.

Damit aber nicht genug: Weil er vor dem eigentlichen Umzug nach Amerika noch einmal nach Deutschland zurück muss, erwarten ihn bei uns zwei weitere Woche Quarantäne - schließlich gelten die USA mittlerweile überall als Hochrisikogebiet.

Für meinen Freund und ehemaligen Nachbarn tut es mir furchtbar leid, dass er diesen Albtraum erleben muss. Wenn überhaupt kann ich nur ein Gutes in all dem erkennen: Sein bisher unerschütterliches Republikaner-Weltbild gerät nämlich mit Blick auf die erschreckenden Zustände in seiner Heimat und das chaotische Krisenmanagement "seines" Präsidenten zunehmend ins Wanken. Und damit dürfte er wohl nicht alleine sein. Wenn die Corona-Krise am Ende also Donald Trump die Wiederwahl kostet, dann war dieses verdammte Virus wenigstens für eine einzige Sache gut. (Text: edi, Foto: red)

Anmerkung der Redaktion: Dies ist ein Beitrag im Rahmen unserer "Corona-Tagebuch"-Rubrik ("Das Virus und wir"). Die Texte sind per Definition persönlich und geben die subjektiven Ansichten des jeweiligen Autors wieder.

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