Es ist ein Kreuz mit dem Virus

Die Corona-Krise verdirbt Kirchenmusikern und ihren Ensembles im Kreis Böblingen in diesem Jahr die Passionskonzerte

  • img
    "Die leere Martinskirche" steht für eine außergewöhnliche Veranstaltungsreihe in dem Sindelfinger Sakralbau. Wegen Corona herrscht in diesen Tagen überall Leere in den Kirchen Foto: Martin Körner

Die Tage um das Osterfest sind für Kirchenmusiker normalerweise ein Höhepunkt im Konzertjahr. Auch im Kreis Böblingen hatten Chöre und Ensembles große Oratorien einstudiert und sich in mühevoller Probenarbeit auf die anspruchsvollen Auftritte vorbereitet. Wegen Corona wird daraus nun nichts mehr.

Artikel vom 11. April 2020 - 17:00

Von Eddie Langner

KREIS BÖBLINGEN. Am Gründonnerstag und am Karfreitag hätte in der Sindelfinger Johanneskirche das "Stabat Mater" des walisischen Komponisten Karl Jenkins aufgeführt werden sollen. Neben dem Chor der evangelischen Johanneskirche, dem Chor der katholischen St. Pauluskirche sowie der Stadtkapelle Sindelfingen unter der Leitung von Markus Nau hätte eine Ethno-Sopranistin unter anderem in Jesu Muttersprache Aramäisch gesungen. Nun muss die aufwendige Aufführung bis nächstes Jahr warten.

"Wir hatten uns alle riesig darauf gefreut", erzählt Michael Kuhn. Der Leiter des Chors der evangelischen Johanneskirche hatte wie schon bei der ersten Aufführung des ungewöhnlichen Passionswerks in Sindelfingen vor fünf Jahren die Solistin Arzu Gök aus Istanbul eingeladen. Die Sopranistin hätte allerdings gar nicht kommen können: "Turkish Airlines hatte wegen Corona schon im März nahezu alle internationalen Flüge gestrichen", berichtet Kuhn. In den darauffolgenden Tagen und Wochen überschlugen sich die Ereignisse, eine Absage war nicht mehr zu verhindern. "Ein Passionskonzert kann man ja auch nicht einfach verlegen", beschreibt Michael Kuhn sein Dilemma. Karl Jenkins' "Stabat Mater" soll nun voraussichtlich zu Ostern 2021 aufgeführt werden.

Da auch der reguläre Probenbetrieb wegen der Auflagen nicht mehr möglich ist, sind laut Michael Kuhn nicht nur bis zum Sommer alle weiteren Konzerte des Chors abgesagt, auch die für den Herbst geplanten Termine stehen "auf wackligen Füßen", sagt der Chorleiter. Konkret betrifft dies ein für Oktober und November geplantes Beethoven-Projekt. An drei verschiedenen Terminen hätte der Johanneskirchenchor gemeinsam mit dem Philharmonischen Chor Waiblingen sowie dem ebenfalls von Kuhn geleiteten Chor In Action (CIA) Korntal Werke von Beethoven und Haydn in Waiblingen, Korntal und Sindelfingen aufführen sollen. Zur Begleitung hatte Kuhn die renommierte Vogtland Philharmonie Greiz/Reichenbach eingeladen - wodurch das Finanzvolumen für das Projekt bei weit über 30 000 liege, so der Dirigent. Bisher sei noch völlig unklar, ob diese Konzerte stattfinden können.

Da Kuhn auch als Konzertpianist tätig ist, treffe ihn die Corona-Krise auch finanziell gewaltig. "Aber zum Glück habe ich mehrere Standbeine", sagt der Schönaicher. Sorgen bereitet dem Profi-Musiker aber schon jetzt die Frage, wie es nach Aufhebung der Maßnahmen weitergehen soll.

"Werden wir jemals wieder eine volle Johanneskirche haben?"

"Die Leute haben Angst", fürchtet er, dass die Furcht vor einer Ansteckung auch lange nach Abflauen der Pandemie bestehen bleiben könnte. "Ich frage mich schon, ob wir jemals wieder eine volle Johanneskirche haben werden", schaut Michael Kuhn mit einer gewissen Skepsis in die Zukunft.

Die Absage aller Konzerte von Stadtkirche und Böblinger Kantorei musste Eckhart Böhm, der Kantor der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Böblingen, Mitte März verkünden. Dazu zählt auch ein Bach-Kantatenkonzert mit vier Gesangssolisten, das für 29. März geplant war. Der Termin soll nun auf nächstes Jahr verschoben werden.

Auch Böhm hat das Problem, dass Proben derzeit nicht wie gewohnt möglich sind. Ein für 17. Mai in der Kongresshalle geplantes Konzert ist deshalb abgesagt. Die Böblinger Kantorei sollte "Geschichten und Klänge aus dem Hospiz" präsentieren. Der Titel klingt aus heutiger Sicht geradezu prophetisch: "Letzte Lieder . . . und die Welt steht still".

"Jetzt hoffe ich, dass wir im Juli unser Programm wieder aufnehmen können", erklärt Böhm. Bis dahin ist er unter anderem bei Online-Gottesdiensten gefragt. Seine Erfahrungen mit Kommunikation und Unterricht per Videokonferenz findet er eher ernüchternd. "Ich habe Orgelschüler. Die bekommen ihr Übungsmaterial per Telefon. Skype funktioniert da nicht, weil man beim Orgelspiel gleichzeitig Hände und Füße sehen muss." Den aktuellen Zustand empfinde er als sehr merkwürdig: "Das lähmt die Kreativität", stellt er an sich fest. "Man merkt einfach, was einem fehlt", hofft Böhm deshalb, dass bald wieder Normalität zurückkehren möge.

"Tägliche Impulse aus der Stiftskirche" - unter diesem Motto präsentieren der Herrenberger Kirchenmusikdirektor (KMD) Ulrich Feige und seine Frau Christa derzeit Orgelstücke in Verbindung mit Wortbeiträgen von Geistlichen (die Clips gibt es unter http://www.evangelische-kirche-herrenberg.de). Für Ulrich Feige (Jahrgang 1955) hat die "verordnete Zwangspause" nicht nur schlechte Seiten: "Das ist eine gute Gelegenheit, schon mal meinen Ruhestand auszuprobieren. Der beginnt in einem Jahr", schmunzelt er.

Bei der Katholischen Gesamtkirchengemeinde in Böblingen sorgt das Coronavirus bei der neuen Kantorin Marion Kaßberger momentan nicht nur für einen holprigen Start, sondern vermasselt ihr auch das Debüt im Rahmen des Böblinger Orgelfrühlings. Die traditionelle Konzertreihe muss in diesem Jahr komplett entfallen (ausführlicher Bericht folgt). Wer die Kirchenmusikerin zumindest virtuell erleben möchte, hat dazu auf der Homepage der Katholische Gesamtkirchengemeinde Böblingen (http://www.se-bb.drs.de) die Gelegenheit, dort sind unter anderem Mitschnitte von Gottesdiensten zu sehen.

Krise trifft Böblinger Orgelfrühling und Orgelreihe in der Martinskiche

Bereits am 4. und 5. April hätte Sindelfingens Bezirkskantor Daniel Tepper mit Pawe ukaszewskis "Via Crucis" ein großes Oratorium in der Martinskirche präsentiert. Neben vier Gesangssolisten sollten Ingo Sika als Sprecher sowie der Jugend- und Kinderchor Sindelfingen, die Cappella Nouva Sindelfingen und das Sinfonische Stiftshoforchester Sindelfingen bei dem Konzert mitwirken.

Das Werk des polnischen Komponisten wurde bisher erst einmal in Deutschland aufgeführt. "In seinem Passionswerk verbindet er cineastische Dramatik mit altkirchlicher Liturgie", schwärmt Tepper. Nun spielt Tepper mit dem Gedanken, das Programm in die Passionszeit 2022 zu verschieben. Der Grund: Die Gemeinde plant für das Frühjahr 2021 wieder die "Leere Martinskirche" - das "Via Crucis"-Oratorium sei mit diesem besonderen Format nicht kompatibel.

Die Pandemie wirkt noch weiter hinein in das Konzertjahr in der Martinskirche. Auch die Orgelreihe ist davon betroffen: "Die ersten drei Konzerte mussten wir leider bereits absagen - da Veranstaltungen bis Mitte Juni offiziell untersagt sind", sagt Tepper. "Wir hoffen natürlich, so viele Veranstaltungen wie möglich durchführen zu können", betont der Kirchenmusiker.

Teppers Berufsalltag hat sich wie bei so vielen Menschen zuletzt stark ins Digitale verlagert. "Da persönliche Kontaktzeiten wie Chorproben oder Gottesdienste gerade nicht möglich sind, versuchen wir als Martinskirchengemeinde, über andere Kanäle mit den Leuten in Kontakt zu bleiben", erzählt er. So seien einige kleine Videoclips mit Musik für Trompete und Orgel gemeinsam mit Markus Nau entstanden, für Karfreitag und Ostern sind sogar zwei aufwendige Film-Produktionen entstanden.

"Zudem ist nun etwas Zeit, sich den im Alltag unerledigt gebliebenen Büroarbeiten zu widmen, oder eben das sich nun ändernde Jahresprogramm neu zu erfinden", so der 29-Jährige, "da gibt es einige Engagements und Verträge zu aktualisieren." Und schließlich müsse wegen wegfallender Einnahmen die Finanzierung des laufenden Jahres überarbeitet werden.

Wie nachhaltig die Corona-Krise sich auf das lokale Kultur- und Kirchenleben im Allgemeinen sowie auf Disziplin und Können von Musikern und Sängern im Besonderen auswirken wird, lässt sich schwer vorhersagen. Der Kirchenmusiker ist aber überzeugt davon, "das die Menschen sich nach Gemeinschaft, kulturellen Erlebnissen und dem Erarbeiten gemeinsamer Projekte sehnen." Das werde gerade in den Tagen der häuslichen Quarantäne deutlich. Daher rechne er mit hoher Beteiligung, wenn irgendwann der persönliche Kontakt wieder möglich sein wird, und seine Gemeinde Proben und Veranstaltungen anbieten kann.

"Die aktuelle Lage und das Verhalten der Menschen zeigt eindrücklich, dass Kultur kein reines Luxusgut ist, sondern einen wichtigen Teil unseres Lebens beziehungsweise unserer Persönlichkeit ausmacht", betont Daniel Tepper.

Verwandte Artikel