Corona-Infektion: Kommunen im Landkreis ermitteln Kontaktpersonen

Corona: Seit Ende März helfen die Städte und Gemeinden im Landkreis Böblingen, das Virus einzudämmen, indem sie Kontaktpersonen ermitteln - eine aufwändige Arbeit

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    Beim Böblinger Gesundheitsamt laufen die Fäden zusammen Foto: Stefanie Schlecht

Artikel vom 07. April 2020 - 19:00

Von unserer Redaktion

KREIS BÖBLINGEN. Wie lassen sich Corona-Neuinfektionen möglichst verhindern? Neben den geltenden Begegnungs- und Besuchsverboten versuchen die Behörden, bei Krankheitsfällen die vorherigen Kontakte genau nachzuverfolgen. Wenn ermittelt wird, wer mit einem positiv Getesteten längeren Kontakt hatte, wird bei den Betroffenen häusliche Quarantäne angeordnet. Bereits Ende März hat das Gesundheitsamt im Kreis Böblingen den Städten und Gemeinden Anweisung gegeben, im Rahmen der Amtshilfe ihre Unterstützung zu leisten.

Nach Stand vom Dienstag gab es im Landkreis Böblingen bislang insgesamt 1013 nachgewiesene Fälle, davon sind 692 Personen erkrankt. 19 Menschen sind bereits gestorben, andererseits wurden bislang 302 geheilte Fälle gezählt.

Das Gesundheitsamt übermittelt allen Kommunen täglich die Covid-19-Fälle und die Kontaktpersonen, die mit den Infizierten in häuslicher Gemeinschaft wohnen. Die Mitarbeiter der Kommunalverwaltung gehen auf die Betroffenen zu und erfragen weitere Kontakte innerhalb der letzten 48 Stunden. Ermittelt werden Personen der Kategorie 1, die mit einem bestätigten Covid-19-Fall engeren Kontakt hatten - zum Beispiel mindestens 15-minütigem Gesichts-Kontakt, etwa im Rahmen eines Gesprächs. Die Mitarbeiter der Kontaktketten-Verfolgung ordnen bei diesen Personen zunächst telefonisch und anschließend schriftlich die häusliche Quarantäne an.

Auch wenn die Ermittlung in den Gemeinden ordentlich funktioniert, geht das Landratsamt jetzt einen Schritt weiter. "Zuletzt wurde ein Online-Tool entwickelt", berichtet Landkreis-Sprecherin Simone Hotz. Das Tool sei am Dienstag getestet worden und geht heute in Betrieb. So ließe sich die Datenerhebung vereinfachen, auch wenn dieses Vorgehen von der viel diskutierten Handy-App noch weit entfernt ist.

Ermittlungsarbeit ist für die Ämter ein aufwendiges Geschäft

Für die Kommunen bedeutet die Kontakt-ermittlung eine Menge Arbeit - auch wenn die Notwendigkeit allen Beteiligten klar ist. "Bei uns sind drei Personen mit nichts anderem beschäftigt", berichtet die Böblinger Ordnungsamtsleiterin Gisa Gaietto - eine davon stammt aus dem Ordnungsamt, die beiden weiteren wurden aus anderen Ämtern hinzugezogen. "Das braucht viel Zeit, bis man die Kontakte alle ermittelt hat." Die Betroffenen seien nicht erfreut, wenn sie in Quarantäne müssten. "Aber grundsätzlich ist das Verständnis da, derzeit sind ja alle sensibilisiert", sagt Gaietto. In Böblingen wurden bislang 118 positiv Getestete gezählt, 37 gelten als geheilt. Bestätigt wurde bislang ein Todesfall. Zudem befinden sich 38 Kontaktpersonen in Quarantäne.

Dabei gilt: Werden Kontaktpersonen in die Isolation geschickt, bekommen sie gleichzeitig ein Datum kommuniziert, wann die Maßnahme beendet ist - in der Regel 14 Tage nach dem entsprechenden Kontakt. Bei Symptomfreiheit sind sie dann wieder entlassen. Die positiv Getesteten müssen in Quarantäne ein Protokoll führen und abschließend bestätigen, dass sie 48 Stunden lang symptomfrei waren.

Die Stadt Sindelfingen hat für die Kontaktermittlung im Krisenstab einen eigenen Bereich mit sechs Mitarbeitern eingerichtet. Man steht in engem Austausch mit dem Gesundheitsamt. "Die Kontaktkettenverfolgung ist eine wichtige Maßnahme, um die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen - umso bedeutender ist es, dass wir als Stadt hierbei unterstützen können, sagt Roland Narr, der kommissarische Leiter des Sindelfinger Ordnungsamts, "bisher funktioniert die Ermittlung sehr gut, die Infizierten und ihre Kontaktpersonen zeigen sich sehr verständnisvoll."

Waldenbuchs Bürgermeister Michael Lutz erneut in Quarantäne

Prominentes Beispiel ist Waldenbuchs Bürgermeister Michael Lutz, der sich am Montagabend "in eigener Angelegenheit" an die Öffentlichkeit gewandt. Nachdem sich sein Vater Walter mit dem Virus infiziert hatte, war Lutz nach 14-tägiger Quarantäne am 31. März an den Rathaus-Schreibtisch zurückgekehrt (wir berichteten). Nun muss er wieder für zwei Wochen allen Kontakt mit der Öffentlichkeit meiden und sich erneut in häusliche Quarantäne begeben.

Grund: Am vergangenen Donnerstag war nun auch die Mutter des Bürgermeisters, Heidi Lutz, positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Michael Lutz selbst und seine Ehefrau Regina wurden zwar negativ getestet - da er aber inzwischen engeren Kontakt zu seiner Mutter hatte, gilt nun erneute Quarantäne bis voraussichtlich 18. April.

Lutz und seine Ehefrau weisen keinerlei Symptome auf und wollen ihre Arbeit von den heimischen Schreibtischen aus weiterführen. Der Walden- bucher Gemeinderat plant nach Ostern an den Dienstagen, 28. April und 5. Mai in der Stadionhalle zusammenzukommen.

Walter Lutz, dem Vater von Michael Lutz, geht es besser. Er konnte vor wenigen Tagen die Intensivstation und das Beatmungsgerät verlassen. Er ist gestern 87 Jahre alt geworden und lässt via Zeitung ein Dankeschön fürs Daumendrücken ausrichten.

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