Hilfe für digitale Spätaussiedler

Das Virus und wir

Artikel vom 13. April 2020

Das Coronavirus bestimmt unseren Alltag. Die vielen kleinen Geschichten rund um unser Leben mit dem Virus fasst die Redaktion der Kreiszeitung in dieser täglichen Rubrik zusammen.

Dienstag, 7. April

Pronto geronto: Meine Schwiegermutter ist mit ihren bald 80 Jahren mit einer bewundernswerten körperlichen und geistigen Fitness gesegnet. Auch in Sachen PC-Nutzung und digitale Kommunikation ist sie erstaunlich firm: Sie schreibt E-Mails, macht Online-Banking und skypt mit Verwandtschaft und Freunden in Übersee.

Dennoch stößt sie - verständlicherweise - in diesen Tagen immer wieder an ihre Grenzen. Zum Beispiel wenn es um ihren Italienischkurs an der Volkshochschule geht. Der findet wegen Corona via Video-Konferenz statt. Per Mail hat sie dafür eine Anleitung für die Installation der entsprechenden Software und weitere Instruktionen bekommen. Für alle Menschen, die statt mit einer Nabelschnur bereits mit W-Lan-Anschluss geboren wurden (auch bekannt als "Digital Natives"), ist das natürlich ein Kinderspiel. Auch für mich als "digitalen Einwanderer" mit immerhin drei Jahrzehnten PC-Erfahrung ist so eine Aufgabe durchaus lösbar, verlangt mir aber schon ein einige Konzentration ab.

Digitale Spätaussiedler wie meine Schwiegermutter sind dagegen schnell überfordert: Irgendwo zwischen Installation, Registrierung samt achtstelligem Passwort und Anklicken des Links in der Bestätigungsmail hat sie den Faden verloren. Wie immer in solchen Fällen ruft sie dann ihre persönliche Computer-Hotline an: mich. Da wir nur wenige Häuser entfernt wohnen, endet so ein Telefonat normalerweise damit, dass ich einfach schnell rüberkomme. Dann ist das Problem in der Regel mit wenigen Mausklicks gelöst.

In Corona-Zeiten ist das nicht ganz so einfach. Da muss alles per Telefon laufen. Geduld ist leider nicht meine Stärke. Als Amateur-Computer-Doktor kostet mich die komplizierte Fernbehandlung deshalb den letzen Nerv. Am Ende bekommen wir es aber doch gemeinsam hin. Alles ist bereit für die Videokonferenz mit dem Italienischkurs um 10 Uhr am nächsten Morgen.

Oder auch nicht: Kurz nach 10 Uhr klingelt mein Telefon. "Der Ton funzt nicht . . .", sagt die verhinderte Italienischstudentin. Diesmal versuche ich es gar nicht erst per Telefon. Stattdessen stürme ich die Straße hoch. Drinnen geht meine Schwiegermutter sofort auf gebührenden Abstand. Einen Mausklick später ist die Sache geritzt: Die Schalte läuft, "Andiamo und pronto geronto", der Kurs kann beginnen.

Szene wie diese dürften sich in diesen Tagen vermutlich in vielen Haushalten im Land abspielen. Und auch wenn es vielleicht manchmal nervt: Ich finde, wir können froh sein, wenn unsere Eltern- und Großeltern noch so aktiv am Leben teilnehmen. Gerade jetzt kommt es deshalb für uns Kinder und Enkelkinder auf Zusammenhalt an - auch wenn wir dabei auf Abstand bleiben müssen. (Text: edi, Foto: Archiv)

Ellbowdocking statt Shakehands: Zusammenhalt schon, aber bloß kein Händeschütteln. . . Da sitzen wir nun in trauter Familienrunde beisammen - und lassen uns nieder zum Abendmahl. Schön ist diese Runde - fast wie in früheren Tagen sind all unsere Kinder zurückgekehrt in den heimischen Schoß der Großfamilie. Doch in so ausgelassener häuslicher Gemeinschaft gelten Corona-Regeln eisenhart. Hat man sich früher bei den Händen genommen um allerseits einen guten Appetit zu wünschen, so sind wir nun aufs Ellebogen-Docking verfallen. Sieht zwar komisch aus, die Tafelrunde Ellebogen an Ellebogen zu schließen - macht aber auch mächtig was her! (mmü)

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