Das Virus und wir: neue Einträge in unserem Corona-Tagebuch

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    Die KRZ-Redaktion führt ein Corona-TAgebuch. Foto: Zoran Borojevic/Unsplash

Artikel vom 29. März 2020 - 09:19

Mittwoch, 25. März
Rettung für das Homeschooling: Ex-Bundeskanzler Helmut Schmidt hat einmal gesagt: „In der Krise beweist sich der Charakter“. Dieser Tage zeigt sich durchaus, wie recht der große Politiker hatte. Bei manchen Aktionen, die man so mitbekommt, möchte man das Zitat sogar noch erweitern: „In der Krise beweisen sich Charakter und Kreativität“. Wie bei Andreas John vom Kfz-Service Andreas John aus Aidlingen. Der hat mit seiner Aktion eine Nische gefunden, von der bisher eher selten bis gar nicht zu lesen war und die sicherlich von vielen dankend angenommen wird. Auf der Facebook-Seite seines KFZ-Services schreibt er: „Liebe Eltern, sollten Sie aufgrund von fehlendem Drucker, Patrone, Papier oder warum auch immer für Ihre Kinder die Hausaufgaben nicht ausdrucken können, erledigen wir das gerne und kostenlos für Sie.“ Eine tolle Idee! (atz)

Donnerstag, 26. März
Corona geht in Serie: Zuhause bleiben, heißt das Gebot der Stunde. Wer da nach ein bisschen Ablenkung sucht, landet gerne mal bei einem Streaming-Dienst wie Amazon Prime oder Netflix. Als ich zuletzt durch meine Empfehlungen gescrollt bin, musste ich mir allerdings ungläubig die Augen reiben: Auf Amazon stehen „Outbreak“ und „Contagion“ ganz oben auf der Liste – beides Filme, die von der Ausbreitung einer tödlichen Viruserkrankung handeln. Und auf Netflix ist ausgerechnet jetzt eine Serie namens „Pandemie“ gestartet, die sich offenbar viral auf den Flachbildschirmen in unseren Wohnzimmern verbreitet. Woher das wohl kommen mag? Ich hätte da ja so eine Vermutung: Sensationslust. Es ist derselbe Impuls, der Menschen bei Autounfällen dazu treibt, stehen zu bleiben und stumpfsinnig auf das Unglück anderer Leute zu gaffen. Irgendwie gruselt mich der Gedanke, dass offenbar so viele gerade nichts Besseres im Sinn haben, als sich mit Virendramen in der Glotze zu berieseln, während draußen eine wirkliche Pandemie wütet und echte Menschen ihr Leben verlieren. (edi)

Freitag, 27. März
Backen für die Apokalypse: Wer zum Einkaufen sein Haus verlässt, kann es deutlich sehen: Neben Klopapier und Nudeln zählen Mehl und Hefe derzeit offenbar zu den wertvollsten Rohstoffen auf dem Planeten. Allerdings frage ich mich, wieso? Fangen jetzt plötzlich alle damit an, in ihrem Tausend-Euro-Thermomix ihr eigenes Brot zu backen? Wissen die etwas, was ich nicht weiß? Zuletzt waren die Auslage der Bäckereifilialen doch eigentlich noch bestens bestückt. Aber vielleicht wollen diese Mehl- und Hefe-Hamster ja einfach nur für alle Eventualitäten vorbereitet sein.
Allerdings frage ich mich dann schon, was diese Leute mit den nur für kurze Zeit haltbaren Hefewürfeln aus der Kühltheke anfangen wollen. Trockenhefe gab es bei meinem letzten Einkauf merkwürdigerweise noch genug.
Falls die Apocalypse wirklich über uns hereinbricht, sollte das also besser möglichst schnell passieren. Sonst läuft bei den Unmengen an gebunkerter Hefe bald die Haltbarkeit ab. Und das wäre dann wirklich eine Katastrophe. (edi)

Samstag, 28. März
Entfernte Verwandte: Unlängst, am Sonntagabend, kurz nachdem Angela Merkel uns die neuen Verhaltensregeln im Fernsehen mitgeteilt hat, waren wir bei meinen Schwiegereltern zum Essen eingeladen – vielleicht zum letzten Mal in den nächsten Wochen. Meine Frau, mein Sohn und ich wohnen nur wenige Häuser entfernt von den beiden. Trotzdem halten wir im Moment ganz bewusst Abstand von einander. Auch bei dem gemeinsamen Essen – es gab übrigens ein sehr leckeres Lammcurry und dazu einen sehr feinen portugiesischen Rotwein – haben wir uns streng an die von Frau Merkel vorgegebene Mindestdistanz von anderthalb Metern gehalten. Die Mahlzeit wurden aus jeweils getrennten Töpfen an den gegenüberliegenden Seiten des langen Esstischs serviert. Die Szenerie erinnerte mich an eine Filmkomödie, deren Name mir jetzt nicht mehr einfällt. In dem Film sitzen ein paar Leute ewig weit voneinander entfernt an einer Tafel und wer sich mit jemand unterhalten will, muss dafür erst den Knopf auf seiner Gegensprechanlage drücken. Ganz so schlimm war es zwar nicht, aber ein bisschen merkwürdig ist es schon, wenn der Enkelsohn im weiten Bogen um den Opa herumlaufen und die Oma zum Einschenken das Glas mit spitzen Fingern in die Tischmitte schiebt muss. Wir leben in merkwürdigen Zeiten, in denen die engsten Familienmitgliedern zu entfernten Verwandten werden. Wenn auch hoffentlich nur vorübergehend. (edi)

 

 

 

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