Hexen und Narren erobern die Rathäuser

Schmotziger Dorschdich im Kreis Böblingen: Die Bürgermeister müssen den Schlüssel abgeben

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    Die Hasenbühlhexen nehmen Schönaichs Schultes Daniel Schamburek in ihre Mitte. / Foto: Stefanie Schlecht

Seit Wochen sind die Narren und Hexen am Feiern, die brandheiße Phase hat am Donnerstag begonnen. Zur Weiberfastnacht übernahmen wilde Gestalten die Macht in den Rathäusern – natürlich auch im Landkreis Böblingen. Nur Ehningens scheidender Schultes Claus Unger wurde verschont – denn der weilt im Urlaub.

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Rathausstürme im Kreis Böblingen
Am "schmotzige Dorschdich" haben die Narren in vielen Rathäusern im Kreis Böblingen das Sagen
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Artikel vom 20. Februar 2020 - 14:54

KREIS BÖBLINGEN (krü). Ordentlich Material fuhren die Böblinger Narren und Hexen am Marktplatz auf. Grün-Weiss war mit dem Bus gekommen und sorgte für Beschallung von der breiten Bühne herab. Schlossberg-Hexen, Lombamenscher, Kemmla-Hexa, Böblinger Bären sowie Wasserbuggl Hexa ond Deifel belagerten das Rathaus und riefen Oberbürgermeister Stefan Belz ans Fenster.
Der erschien in kompletter OP-Arzt-Montur mit grüner Schürze und Haarhaube am „Balkon“ und lieferte sich mit den Narren zunächst ein Wortgefecht in Reimen. Vom Verkehr über die Kindergartengebühren, vom Rathaus-Glockenspiel bis zum Müllproblem streiften die Redner allerlei städtische Themen in breitem Schwäbisch.
Dann musste der OB auf dem Marktplatz den Rathausschlüssel hergeben, begleitet von Bürgermeister Tobias Heizmann als Teufelchen und Gebäudemanager Timo Nußbaum als Prinz mit Afro-Frisur. Dann donnerte die Grün-Weiss-Kapelle einige Hits über den Platz, zudem zeigten die Jugendlichen von „Flugfeld Move“ ein Tänzchen. Schließlich waren OB und Co. gefragt, um mit Müllzangen unzählige Papierbollen aufzusammeln, die die Narren freudig durch die Gegend kickten – keine leichte Aufgabe für die abgesetzte Rathausspitze.

Feuerhexen holen sich in Weil im Schönbuch den Schlüssel

„Er hat gut mitgemacht“, lobte Zunftmeisterin Sandra Kretzschmar den Bürgermeister-Stellvertreter Wolfgang Brennenstuhl. Weil Bürgermeister Wolfgang Lahl selbst in seiner Allgäuer Heimat närrischen Umtrieben nachgeht und Vize Klaus Finger derzeit im Urlaub ist, musste zum ersten Mal beim Rathaussturm der Feuerhexen Weil im Schönbuch am Schmotzige Dorschdich der zweite Stellvertreter ran.
Brennenstuhl trug´s mit Fassung und wehrte sich nach Kräften, nach dem Verlust seiner Krawatte auch noch den großen symbolischen Rathausschlüssel herauszurücken. Doch gegen die Übermacht von Sandra Kretzschmar und ihre derzeit 57 weiblichen und männliche Feuerhexen war der Schultes auch beim fünften Rathaussturm der 2015 gegründeten Feuerhexen ohne Chance. Im Geschicklichkeitsparcours über Tische und Bänke von vielen Hexenbesen ausgebremst, blieb ihm und der Gemeindeverwaltung nur die Kapitulation.
Süßigkeiten für die eigens gekommenen Weiler Kita-Kinder waren ebenso selbstverständlich wie ein flotter Hexentanz und Verpflegung für die zahlreichen Zuschauer. Für die Feuerhexen ging es am Abend in Schönaich beim Jubiläumsball weiter.

Vöhringer: „Wir können und möchten heute nicht feiern“

Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer hat den Rathaussturm zwei Stunden vor Beginn aus Pietät abgesagt. „Den Opfern der schrecklichen Gewalttaten in Hanau und ihren Angehörigen gilt unser Mitgefühl. Angesichts der Ereignisse vom Mittwochabend können und möchten wir als Stadt, die symbolisch für Toleranz und das friedvolle Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft steht, nicht feiern. Heute steht die Trauer im Vordergrund“, erklärte Vöhringer in einer Pressemitteilung (zu dem Hanau-Attentat siehe Titelseite und folgende Seiten dieser Ausgabe). Jene Narren, die die Absage nicht rechtzeitig mitbekommen hatten, erhielten im Rathaus trotzdem eine Stärkung, aber sie mussten auf das lautstarke Remmidemmi verzichten.

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