Attacke auf Polizisten in Böblingen: Messerstecher trug Stahlhelm

Vor dem Landgericht: 24-Jähriger sticht im Juli 2019 auf Beamte ein und wird mit Schüssen lebensgefährlich verletzt - Täter fühlte sich von Agenten verfolgt und ist wohl schuldunfähig

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    Großes Aufgebot von Polizei und Rettungskräften in der Nacht Anfang Juli in der Bunsenstraße in Böblingen Foto: SDMG/Dettenmeyer

Artikel vom 20. Februar 2020 - 14:18

Von Marc Schieferecke

BÖBLINGEN/STUTTGART. Womöglich war der Auslöser schlicht ein Irrtum. Am Polizeinotruf waren mehrere Meldungen eingegangen, eine über laute Musik, Ruhestörung, eine über einen Mann, der vor dem Haus brüllte. Dessen Schwester hatte sich mehrfach gemeldet, nicht um die Polizei zu rufen, sondern um zu warnen. Ihr Bruder wüte, er sei leicht schizophren, sie werde womöglich erneut anrufen müssen. Nebenan feierten die Gäste einer Gartenparty, eben bei lauter Musik.

Es war der 4. Juli 2019, ein Donnerstag. Kurz vor Mitternacht fuhr eine Streife los. Eine 28-jährige Polizistin und ihr Kollege, 21 Jahre jung, noch in der Ausbildung, sollten sich um beide Fälle kümmern. Sie klingelten, eine ältere Frau öffnete. Die Polizistin sagte, sie seien wegen der Ruhestörung hier. Sekunden später steckte ein Messer in ihrem Hals. Zugestochen hatte der 24-jährige Sohn der Frau. Er trug eine schusssichere Weste und einen Stahlhelm. Er war offenkundig im Wahn. Er stach immer wieder zu. Die Polizisten schossen. Im Gemenge traf der 21-Jährige seine Kollegin und sie sich sogar selbst ins Bein.

Der 24-Jährige ist vor dem Landgericht Stuttgart angeklagt. Er hat gestanden, aber strafrechtlich wird er wohl nicht zu belangen sein. Auch der Staatsanwalt geht davon aus, dass der Angeklagte die Tat in einem schizophrenen Wahn begangen hat. Er hält den Mann für schuldunfähig, aber für gemeingefährlich. Kommt das Gericht zu dem gleichen Schluss, wird das Urteil eine Zwangseinweisung in die Psychiatrie sein. Seit der Tatnacht ist der Angeklagte bereits in Therapie.

Auf der Anklagebank beantwortet der Mann jede Frage augenblicklich. Der 24-Jährige ist gebildet, auch wenn er zwei Studien abgebrochen und nur gelegentlich gejobbt hatte. Mal arbeitete er als Kassierer, mal als Wache in der Stuttgarter Staatsgalerie. Mangels Geld lebte er zwangsläufig noch bei den Eltern. Er ging selten aus, hatte wenige Freunde. Seine Hobbys waren Computerspiele und eine Kräutersammlung. Er glaubt an Gott und glaubte zumindest an die geheime Macht einer Weltregierung.

Zwei konkurrierende Regierungen haben Spione auf ihn angesetzt

Er spricht schnell, wohlformuliert. Er beschönigt nichts. Allerdings ist die Zuverlässigkeit seines Gedächtnisses fraglich. Bei Nachfragen widerspricht er sich in Details. Er erzählt, dass er an jenem Abend Alkohol getrunken habe, etwa eine halbe Flasche Wodka und eine Flasche Rotwein. Erst habe sein Gehirn ihm vorgegaukelt, seine Nachbarn machten sich fortwährend über ihn lustig. Später habe er sich von Agenten verfolgt gefühlt. Zwei konkurrierende Regierungen hätten je eine Gruppe von Spionen auf ihn angesetzt. Seine Versuche, sie zu stellen, seien erfolglos geblieben. Er fühlte sich nicht zum ersten Mal verfolgt. Er sagt, dass er heute wisse, all dies sei nur Einbildung gewesen.

Der Mann hätte vor Schmerzen schreien müssen, nicht nur wegen seiner Schusswunden. Davon ist die Notärztin überzeugt, die ihn erstversorgte. Helfer hatten den Verletzten ein paar Meter bis in eine Waschküche getragen. Er lag gefesselt am Boden, in Lebensgefahr. Er tobte und wehrte sich gegen jede Behandlung.

Um zu verhindern, dass er verblutet, musste die Ärztin ihm für eine Druckinfusion ins Knie bohren, im Wortsinn, mit einem Spezialbohrer, ohne Narkose. Er schien nichts zu spüren. "Ich dachte, womöglich sind andere Substanzen im Spiel", sagt die Ärztin im Zeugenstand. Gemeint sind Drogen. Nach eigener Aussage hat der 24-Jährige mit Ausnahme von gelegentlichen Joints nie Drogen genommen.

Im Böblinger Polizeirevier hörten sie die Schreie und Schüsse über Funk. "Es war sofort klar, dass da etwas fürchterlich schiefgegangen sein muss", sagt der Einsatzleiter vor Gericht. Zwei, drei Minuten später waren mehrere Streifen vor Ort. Der Boden im Hausflur war voller Blut und Scherben. Der Angreifer lag auf dem Rücken. Die schwer verletzte Polizistin kniete auf ihm. Aufstehen konnte sie nicht mehr, aber sie erzählte, was passiert war. Die Schwester und die Mutter des 24-Jährigen schrien. Der 21-jährige Polizist saß auf der Treppe, einen Messerschnitt an der Hand und eine Platzwunde am Kopf.

Auch er schien seine Verletzungen nicht zu spüren. "Er war komplett weggetreten", sagt der Einsatzleiter, "absolut aus."

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