Selbsternannter "Robin Hood" steht in Böblingen vor Gericht

Ein Baufinanzierer der Böblinger Sparkassenversicherung bringt Kunden um viel Geld und bezahlt anderen die Rechnungen

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    Ende Februar wird der Fall weiterverhandelt

Artikel vom 14. Februar 2020 - 17:32

Von Kathrin Haasis

BÖBLINGEN. Der Zeuge klingt fast euphorisch: "Er war mein Robin Hood", sagt er über den Angeklagten. Wegen Betrugs in mehreren Fällen steht ein ehemaliger Mitarbeiter der Böblinger Sparkassenversicherung vor dem Amtsgericht: Er soll 15 Kunden um mehr als 850 000 Euro gebracht haben.

Dem Zeugen half er jedoch mit 45 000 Euro aus, als sich die Auszahlung der Kredite für den Hausbau verzögerte. Weder Zinsen wurden dafür vereinbart, noch ein Rückzahlungstermin. Dabei kannten sich die Männer eigentlich nicht. "Er ist sehr gutmütig", sagt der Zeuge auf den Hinweis des Vorsitzenden Richters, dass es sich um eine unübliche Geschäftsbeziehung handelte.

Der ganze Fall scheint unüblich zu sein. Mehrfach fragt der Staatsanwalt nach, was der Angeklagte mit dem ganzen Geld gemacht hat. Reisen? Eine Luxuslimousine? Oder eine Wohnung gekauft? Ein Englandaufenthalt seiner Tochter? Der 56-Jährige verneint alle Fragen. Seinen Angaben zufolge verwendete er das Geld vor allem, um seine monatlichen Beträge für die Krankenversicherung und die Rente zu bezahlen, weil er als freier Berater teilweise nicht genug dafür verdiente.

Und offensichtlich betätigte er sich als Robin Hood, wenn es mit den von ihm vermittelten Finanzierungsverträgen Probleme gab. Einem anderen Kunden bezahlte er die Auslagen für Notarkosten in Höhe von 17 000 Euro, weil eine von ihm in Aussicht gestellte Kreditzusage doch nicht von der Bank genehmigt wurde. In manchen Fällen habe er die Zinsen für Bereitstellungskredite übernommen. "Ich wollte den Konflikten aus dem Weg gehen", sagt er.

Vor 20 Jahren wechselte der in Aidlingen wohnende Bankkaufmann von einem Angestelltendasein in die Selbstständigkeit. Zuerst arbeitete er als als Berater für Baufinanzierungen für eine Bausparkasse, vor zehn Jahren ging er zur Sparkassenversicherung. Mindestens seit dem Jahr 2014 hat er aber nicht nur Kredite vermittelt haben. Die Kunden seien auf ihn zugekommen und hätten gefragt, ob er ihr Geld anlegen könne, berichtet er vor Gericht: "Da habe ich leider ja gesagt." Er versprach Mitarbeiterkonditionen für Tagesgeldkonten, jedoch keine exorbitanten Zinsen. Die Geschädigten überwiesen ihm die Beträge auf sein Geschäftskonto, er legte es nicht weiter an. Die Kunden, die etwas Schriftliches haben wollten, hätten eine Urkunde erhalten. "Ich kann nicht erklären, was ich mir dabei gedacht habe", sagt er und zuckt mit den Schultern.

Die Hälfte des von ihm entgegen genommenen Geldes stammt von einer Frau. Etwa 245 000 Euro davon will er ihr zurückbezahlt haben, weil sie eine Wohnung kaufen wollte. Andere Kunden vertrauten ihm Beträge von 40 000 Euro, 10 000 Euro oder 7000 Euro an. "Ist niemand hellhörig geworden?", fragt der Richter und der Angeklagte schüttelt mit dem Kopf. Er habe nie gedacht, das Geld nicht zurückzubezahlen, erklärt er. "Dass es so ein großer Berg ist, habe ich nicht erfasst." Die Forderungen summieren sich mit Anwaltskosten und sonstigen Ausgaben mittlerweile auf 600 000 Euro.

Sein Chef aus der Versicherungsagentur ist "aus allen Wolken gefallen", als er über den Betrug informiert wurde. Seinen ehemaligen Mitarbeiter lobt er auch jetzt noch - als zuverlässig, eigenständig, fleißig. Die Zusammenarbeit sei harmonisch gewesen, nie sei ein Verdacht aufgekommen, sagt er im Zeugenstand. Von den geprellten Kunden habe sich keiner bei ihm gemeldet. Für die Frage, was mit dem Geld geschehen ist, hat auch er keine Erklärung: Sparsam sei der Angeklagte gewesen ein Familienmensch, er habe ein kleines Auto gefahren. Sein Bruttogehalt beziffert er auf 50 000 bis 60 000 Euro im Jahr.

Der Angeklagte hat angekündigt, seine Schulden zu begleichen. Die Verhandlung wird am Mittwoch, 27. Februar, fortgesetzt.

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