Juden erzählen aus erster Hand

"Rent a Jew"-Projekt gibt Schülern des Böblinger Otto-Hahn-Gymnasiums Einblicke ins Judentum

  • img
    Das einmalige "Rent a Jew"-Projekt brachte Haim und Holinstat mit Schülern zusammen. Foto: red

Artikel vom 23. Januar 2020 - 18:42

BÖBLINGEN (red). Eine Wohnung kann man mieten, ein Auto ebenfalls. Aber einen Juden mieten? So provokant und ironisch wie der Titel des Projekts "Rent a Jew", so ernsthaft ist sein Hintergrund. Seit Jahrhunderten leiden Juden in Europa unter Vorurteilen und Verfolgung. Der Tiefpunkt der Geschichte: Die Vernichtung von etwa sechs Millionen Juden durch den deutschen Faschismus. Seitdem ist jüdisches Leben größtenteils aus dem Alltagsleben verschwunden.

In Baden-Württemberg leben heute ungefähr 3000 Juden. Um zumindest zwei von diesen jüdischen Mitbürgern kennenzulernen, lud die sechste Klasse des Otto-Hahn-Gymnasiums Böblingen David Holinstat und Oron Haim in ihre Klasse ein - ganz nach dem Motto "Lieber miteinander reden als übereinander". Initiatorin der Einladung war die Religionslehrerin der Klasse, Stefanie Edelmann.

Mit Holinstat, 64 Jahre und gebürtig aus den Vereinigten Staaten und Haim, israelischer Student der Sozialen Arbeit an der DHBW in Stuttgart, konnten zwei unterschiedliche Perspektiven auf das Judentum und die jüdische Lebenswelt geboten werden. Als Eisbrecher diente zunächst die eigene Lebensgeschichte. Holinstat war früher Informatiker, heute ist der Kalifornier pensioniert und lebt in Herrenberg.

Aufgrund seines amerikanischen Akzents kam in der Klasse die Frage auf, wie viele Sprachen er sprechen könne. Mit einer gewissen Selbstironie antwortete der Gast: "Ich spreche Deutsch und Englisch. Das Erlernen der Hebräischen Sprache aber blieb auch nach zwei Versuchen erfolglos."

Wie viele andere säkulare Juden wurde auch Holinstat nicht jüdisch erzogen, sondern habe sich erst mit über 30 Jahren vermehrt mit seiner Religion auseinandergesetzt. Für die Schüler waren vor allem Fragen über die religiösen Seiten des Judentums von Interesse.

Dabei tauchten Fragen wie ,,Welche Feste gibt es im Judentum? oder ,,Dürfen Juden Christen heiraten? auf. Thematisiert wurden unter anderem die traditionelle jüdisch-orthodoxe Kleidung, die jüdischen Speisegebote, der Ablauf eines Synagogengottesdienstes, die jüdischen Feste sowie eigene Erfahrungen mit dem Antisemitismus.

Eine der bekanntesten Institutionen des jüdischen Glaubens sei der Sabbat, also der Samstag. Für Holinstat und Haim sei der Sabbat der Tag, zum Nachzudenken, Auszuruhen und der Tag, an dem man nicht arbeitet. Während Holinstat und Haim detailliert auf die Fragen der Schüler eingingen, hörten alle im Raum sehr aufmerksam zu.

Die durchaus denkwürdige Veranstaltung endete mit einem Interview der beiden "gemieteten Juden" und sechs Schülern mit dem Stuttgarter Radiosender Antenne 1. Für Schüler und Lehrerin hinterließ der Besuch von Holinstat und Haim einen bleibenden Eindruck. Das Projekt "Rent a Jew" hat an diesem Tag wohl genau das geschafft, was sich die Gründer des Projekts gewünscht haben: Begegnungen, Dialog und Respekt für einander schaffen.

Verwandte Artikel