Auftakt beim Böblinger Pianistenfestival

Die Reihe beginnt mit einer beeindruckenden Konzertlesung zum Beethoven-Jubiläum im Württembergsaal der Kongresshalle

  • img
    Ansprechendes Wechselspiel: Pianistin Gajane Saakjana und Schauspieler Ernst Konarek beim Auftakt des Pianistenfestivals Fotos: Stefanie Schlecht

Am Freitag hat die neue Auflage des Böblinger Pianistenfestivals begonnen. Neben dem Motto "Tänze" liegt der thematische Schwerpunkt im laufenden Jubiläumsjahr selbstverständlich auch auf Beethoven. Das Auftaktkonzert gestalteten die Pianistin Gajane Saakjana und der Schauspieler Ernst Konarek.

Artikel vom 13. Januar 2020 - 21:00

BÖBLINGEN (red). Titan, wilder Dramatiker, Schicksalsbezwinger oder Herkules in Noten - kaum ein Klischee, das dem gebürtigen Rheinländer und späteren Wahl-Wiener Ludwig van Beethoven nicht zugedacht wurde. In diesem Jahr feiert die Musikwelt seinen 250. Geburtstag. Auch wenn es natürlich unmöglich scheint, so müsste man nach dem Ende dieses Jahres einmal zählen können, wie viele Jubiläumsveranstaltungen und -konzerte die gesamte Menschheit diesem einzigen wie einzigartigen Menschen gewidmet hat.

Eine davon fand jetzt zum Auftakt des internationalen Pianistenfestivals im Württemberg-Saal der Kongresshalle statt. Texte von und über Beethoven sowie einzelne Klavierstücke verschmolzen zu einem ebenso ganzheitlichen wie vielgestaltigen Charakterbild. Ausführende waren die aus Lettland stammende Pianistin Gajane Saakjana, die seit geraumer Zeit in Berlin lebt, und der Schauspieler und Rezitator Ernst Konarek, der seit mehreren Jahrzehnten bereits in unserer Region heimisch ist.

Ulrich Köppen, der künstlerischer Leiter des Festivals, hatte in den letzten Jahren als Ergänzung zu den Konzerten stets einen Vortrag mit wechselnder Thematik gehalten. Dieses Jahr gab es als Neuerung statt des Vortrags eine Konzertlesung. Kulturamtsleiter Peter Conzelmann freute sich in seiner Begrüßung, dass zwei so gefragte Künstler das Festivalprogramm bereicherten. Der gebürtige Wiener Konarek ist ein vielbeschäftigter Schauspieler und inzwischen auch Theaterautor mit Aufführungen in Dresden und Kempten. Die junge Pianistin ist eine viel beschäftigte Künstlerin, die in Berlin und auch in anderen Musikmetropolen durchschnittlich ein Konzert pro Monat gibt, häufig als Kammermusikpartnerin von Solisten der Berliner und Wiener Philharmoniker.

Mit Worten und Noten spannten die beiden einen bunten historischen Bogen. Dieser reichte von Beethovens kurzer Begegnung mit Mozart bis hin zur Grabrede, die sein Freund und Dichter Franz Grillparzer in Wien gehalten hatte, nachdem 20 000 Menschen Beethoven auf seinem letzten Weg begleitet hatten. Beide Künstler wechselten sich jeweils mit einem Text und einem Klavierstück ab, wobei Konarek auch anschauliche Überleitungen moderierte.

Natürlich gibt es nicht nur überlieferte Textzeugnisse, sondern auch anekdotenhafte Erzählungen. So wird berichtet, Beethoven habe während eines Besuchs bei Mozart auf dem Klavier improvisiert. Mozart war aber der Meinung, er habe das Stück vorher einstudiert und soll nur eine kühle Anerkennung geäußert haben. Daraufhin habe Beethoven Mozart gebeten, ihm ein musikalisches Thema vorzugeben, und der junge Ludwig hat darauf Variationen improvisiert und folgendes Lob erhalten: "Auf den gebt acht, der wird noch viel in der Welt von sich reden machen". Zur Einstimmung spielte die Pianistin dann Beethovens Tempo di Minuetto aus der Sonate op. 49/2, das noch den Geist des Rokokos atmet: mit kapriziösen Akzenten und rhythmischem Charme.

Passend zu jeder markanten Lebensphase wurden ein oder zwei Texte rezitiert, die überwiegend von Beethovens Freunden und Zeitgenossen stammen, wie etwa seinen Schülern Cerny oder Ries, aber natürlich auch von Beethoven selber, die teilweise von emotionaler Wucht sind. Themen waren die meistens unglücklichen Verliebtheiten, Natur, Humor, Musik, Krankheit und Gesellschaft. Legendär sind seine Briefe an die unsterbliche Geliebte, deren Identität in der Wissenschaft umstritten ist.

Zu den beträchtlich vielen Kandidatinnen gehört auch Antonie Brentano. In ihrem Tagebuch spricht sie von einer "Wahlverwandtschaft". 1811 schreibt sie an ihre Verwandte Bettina, Beethoven sei ihr "einer der liebsten Menschen" geworden und sie besuche ihn "beinahe täglich". Demselben Brief ist zu entnehmen, dass sie ihren Gatten schon sechs Monate nicht gesehen hatte.

Zitat aus Liebesbrief: "Welche Sehnsucht mit Thränen nach dir"

Ein berühmtes Zitat aus Beethovens Brief lautet: "Welche Sehnsucht mit Thränen nach dir". Dazu interpretierte die Pianistin den ersten Satz aus der träumerischen Mondscheinsonate und den letzten Satz aus der Sonate Opus 109, der der Tochter von Antonie Brentano gewidmet war und mit "innigster Empfindung" zu spielen ist.

Ein unerlässlicher Aspekt war bei Beethoven die Natur, denn er wanderte speziell im Norden Wiens oft laut singend durch die Wälder und "verguckte" sich schnell in reizende Dorfmädchen. Dort gibt es auch heute noch eine Straßenbahnhaltestelle mit der Bezeichnung "Beethovengang". Nicht fehlen durfte natürlich das dramatische Heiligenstädter Testament, in dem Beethoven versuchte, mit seiner Taubheit fertig zu werden und Suizidgedanken äußerte. Passend dazu interpretierte Gajane Saakjana das todtraurige Adagio aus der Sonate Opus 110.

Weitere Themenkomplexe waren unter anderem Beethovens mitunter rüder Humor. Zu erleben mit dem pointenreichen Rondo "Die Wut auf den verlorenen Groschen" oder durch Konareks Anmerkungen über sein "rotziges" Verhalten in Gesellschaften. Köstlich war natürlich die etwas verunglückte Begegnung Beethovens mit dem anderen Alphatier dieser Zeit: Goethe. Dieser beklagte sich bei einem gemeinsamen Spaziergang bei Beethoven über die vielen Begrüßungen und Ehrerbietungen, worauf Beethoven ihm antwortete: "Die meinen doch wahrscheinlich mich". Der Dichterfürst notierte aber auch: "Abends bey Beethoven. Er spielte köstlich!" Der Pianistin gelangen eindrucksvolle Beethoveninterpretationen, geprägt durch Empfindungstiefe, klangliche Brillanz und teilweise auch stürmisches Temperament.

Konarek erwies sich als souveräner Textrezitator mit angenehm unaufgeregter Betonung, aber auch als ein gut gelaunter Erzähler, der durch seine lockere Art, die Pointen zu betonen, etliche Lacher erntete, denn in Beethovens Leben waren Tragik und Humor immer beide präsent. Den Abschluss bildete der mit orchestraler Leuchtkraft interpretierte erste Satz aus der hochvirtuosen Waldsteinsonate. Beide Künstler ernteten stürmischen Applaus und Bravi. Aber es gab nach diesem reichhaltigen Abend für das konzentriert lauschende Publikum keine Zugabe im voll besetzten Württembergsaal.

 

  Das kommende Recital bestreitet am 17. Januar Natalia Ehwald, zu ihren Programmhöhepunkten zählen Bachs attraktive Klavierpartita Nr. 1 B-Dur BWV 825 und Schuberts große, letzte Sonate in B-Dur, die zu den größten Herausforderungen für Pianisten zählt. Weitere Konzerte sind am Freitag, 24. Januar (Honggi Kim), Freitag, 31. Januar (Andrew Tyson) und am Freitag, 7. Februar (Alexandra Mikulska). Außerdem gibt es das Frühlingskonzert im Sparkassenforum. Matthias Kirschnereit und das Südwestdeutsche Kammerorchester spielen unter anderem Klavierkonzerte von Beethoven. Hinweis: Der Termin wurde vom 20. März auf den 3. April verlegt.
Verwandte Artikel