Ladislaus Weiss: Der Prophet im fremden Land

Von Böblingen ausgewanderter Maler Ladislaus Weiss wird in Dominikanischer Republik mit großer Ausstellung gewürdigt

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    Feierliche Eröffnung im Kulturzentrum der BanReservas, der größten Bank in der Dominikanischen Republik (v.l.): Bankdirektor Ruenzi Pared Pérez, Ladislaus Weiss mit Ehefrau, Botschafter Volker Pellet mit Ehefrau und Juan Freddy Armando, der Kulturbeauftragte der Bank Fotos: Weiss/red
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    Ladislaus Weiss mit seiner Ehefrau Betty
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    TV-Interview mit einem Botschaftsvertreter
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    Die Einladung zur Vernissage im Kulturzentrum
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    Sein Werk "Antropologia Dominicana" hat Weiss dem dominikanischen Volk geschenkt

Artikel vom 10. Januar 2020 - 18:30

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN/SANTO DOMINGO. Mit Ladislaus Weiss verhält es sich ein bisschen wie mit dem sprichwörtlichen Propheten im eigenen Land: In Böblingen, wo er jahrzehntelang gelebt und gewirkt hat, genoss der Maler zuletzt nur selten die Aufmerksamkeit, die er und viele Kenner seiner Arbeit sich für ihn wünschen würden.

Vor zwei Jahren hat sich die Situation für den 73-Jährigen entscheidend verändert: Seit August 2017 hat Weiss seinen Wohnsitz in der Dominikanischen Republik. In seiner neuen Heimat erfährt der Künstler offenbar große Wertschätzung. Innerhalb des letzten Jahres hat er seine großformatigen Bilder in dem Karibikstaat bereits in mehreren Ausstellungen in der Hauptstadt Santo Domingo präsentiert - darunter im historischen Museo de las Casas Reales (Museum der königlichen Häuser) sowie dem Centro Domínico-Aleman (Deutsch-Dominikanisches Zentrum).

Bisheriger Höhepunkt war eine vom Kulturministerium präsentierte große Einzelausstellung im Centro Cultural Banreservas Santo Domingo, die im November unter großer öffentlicher Aufmerksamkeit eröffnet wurde und erst vor wenigen Tagen zu Ende ging. Mehrere TV-Sender berichteten über die Eröffnung. Während einer Live-Sendung überraschte Ladislaus Weiss den Kulturminister mit einem Geschenk an das dominikanische Volk. Er handelt sich um sein 270 auf 170 Zentimeter großes Werk "Antropologia Dominicana", in dem er symbolhaft die dominikanische Menschheitsgeschichte zwischen Ur-Bevölkerung und Kolonialisierung darstellt. "Der Minister hat sich sehr darüber gefreut", berichtet Weiss, "jetzt will er das Bild in seinem Ministerium dauerhaft für die Bevölkerung zugänglich machen."

Zuletzt war der Maler für einige Tage nach Deutschland geflogen, wo er sich noch bis Mitte kommender Woche aufhalten wird. In Böblingen traf er sich mit Freunden und Kollegen - darunter Alfredo Pucci. Der Böblinger Künstler war Ende der 80er Jahre einer der ersten Schüler in der von Weiss gegründeten Freien Kunstschule für Bildhaftes Gestalten mit Sitz in der Sindelfinger Straße in Böblingen. Weiss führte die Schule bis 1999 und unterrichtete in dieser Zeit fast 300 Kunstschaffende. Der im serbischen Novi Sad geborene Künstler machte sich im Kreis Böblingen und weit darüber hinaus einen Namen mit seinen "endzeitlichen Landschaften". Seine Visionen malte er auf teilweise riesige Flächen. "Das Ende des industriellen Zeitalters" misst beispielsweise 315 mal 525 Zentimeter. Es wurde - ironischerweise - in der Gottlieb-Daimler-Schule aufgehängt.

Zuhause fehlt die Wertschätzung

Als er im Jahr 1999 erkrankte, musste Ladislaus Weiss die Leitung seiner Schule abgeben. Er zog sich für einige Zeit komplett aus dem Kunstbetrieb zurück. Sechs Jahre später nahm er seine malerische Tätigkeit wieder auf. Er bezog die Galerie Blaues Haus in Böblingen, vermisste aber sowohl in künstlerischer als auch in finanzieller Hinsicht die Wertschätzung früherer Jahre.

Das führte zu teilweise kuriosen Situationen: Als er im Januar 2010 zur Biennale Florenz eingeladen war, wo er mit Christo und David Hockney auf der Liste der ausstellenden Künstler stand, musste er erst mühsam jemand finden, der ihm die Anreise bezahlt.

Weiss, dessen Stilrichtung dem visionären Realismus zugeordnet wird, dokumentiert in seinen Werken symbolhaft den Werteverfall unserer Gesellschaft. Was er sieht und fühlt, saugt er in sich auf wie ein Schwamm. "Das kommt alles hier rein und muss wieder raus", erklärt er im Gespräch mit der Kreiszeitung. Er kann gar nicht anders, als in der Malerei ein Ventil für all die angestauten Ideen, Eindrücke und Emotionen zu suchen, die seinen unruhigen Geist umtreiben.

Im fortgeschrittenen Alter steckt der Maler immer noch voller Energie und Tatendrang - anders als noch vor einigen Jahren wirkt er dabei aber deutlich ausgeglichener. Das dürfte wohl vor allem mit seinem Wohnortswechsel zu tun haben. In der Dominikanischen Republik hat Weiss, der in den 60ern zusammen mit dem Sindelfinger Maler Joachim Kupke in der Rockband Les Masques spielte, eine neue Liebe gefunden und geheiratet. Auch die finanziellen Nöte sind deutlich kleiner geworden, weil ihm seine schmale deutsche Rente auf der Insel einen ordentlichen Lebensstandard ermöglicht.

Am wichtigsten dürfte ihm jedoch die Anerkennung sein, die seiner Arbeit hier entgegengebracht wird - sowohl von der Bevölkerung als auch von staatlicher Seite. Spätestens nach der großen Einzelausstellung im Centro Cultural ist Weiss ein gefragter Mann in der Dominikanischen Republik.

Bleibt nur ein Problem: "Leider verdienen die Leute hier zu wenig Geld, um sich meine Bilder zu kaufen", zuckt der Maler mit den Schultern. Er lächelt dabei. Sein neu gefundenes Insel-Glück lässt er sich doch von solchen Nebensächlichkeiten nicht vermiesen.

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