Trickdiebe sagen vor Gericht überhaupt nichts

Familie aus Gärtringen soll unter anderem aus Wohnungen im Kreis Böblingen mehr als 100 000 Euro geklaut haben

Artikel vom 10. Januar 2020 - 15:24

Von Bernd S. Winckler

KREIS BÖBLINGEN. Angeklagte dürfen vor Gericht schweigen, ohne dass ihnen das nachteilig gewertet wird. Dieses Privileg kosten die vier Beschuldigten aus Gärtringen, denen zahlreiche Wohnungs-Trickdiebstähle vorgeworfen werden, vor dem Stuttgarter Landgericht zurzeit voll aus. Sie sollen in 24 Fällen Wohnungsinhaber im Kreis Böblingen und anderswo um Geld und Wertgegenstände gebracht haben. Die Beute wird auf mehr als 100 000 Euro geschätzt.

Seit 19. August 2019 sitzen drei Männer und eine Frau einer Familie, die in Gärtringen wohnt, schweigend auf der Anklagebank der 2. Großen Strafkammer. Man werde zu den Vorwürfen des 25-fachen schweren Bandendiebstahls keine Angaben machen, ließen sie am ersten Prozesstag durch die Verteidiger verlauten. Seitdem sind runde fünf Monate Verhandlungsdauer vergangen. Das Gericht vernimmt Zeuginnen und Zeugen, meist Wohnungsinhaber im betagten Alter, die teilweise auch weite Anreisen auf sich nehmen müssen. Denn die Diebesserie sollen sie nicht nur in Gärtringen, Herrenberg, Sindelfingen und Böblingen begangen haben, sondern auch in Heilbronn, Offenburg, Pforzheim und Stuttgart.

Der Trick: Man klingelt an der Wohnungstüre, gibt vor, man habe im Haus eine Wohnung mit gleichem Grundriss gekauft - und wolle nur etwas ausmessen. Die Opfer sind hilfsbereit, merken nicht, dass sich gleichzeitig ein Komplize umsieht und meist in den Schlafzimmern an Beute - Schmuck, Uhren, Münzen, Bargeld - bedient.

Oder eine Frau kommt mit einem Kind, das unbedingt auf die Toilette muss. Auch hier ist man hilfsbereit und bekommt nicht mit, dass während des Toilettengangs ein Mittäter die Wohnung nach Diebesgut absucht. Die Liste der Tricks ist lang - die Beute der Angeklagten soll sich fast immer gelohnt haben.

Der Prozess vor der Stuttgarter Strafkammer zieht sich hin. Erst wollten die Richter vermeiden, dass die insgesamt über 20 geschädigten Opfer im Zeugenstand auftreten müssen - einige sind inzwischen über 90 Jahre alt. Man macht der angeklagten Familie eine Offerte: Geständnisse mit Strafrabatt. Das jedoch lehnen ihre Verteidiger ab. Eine Praxis, die erlaubt ist, aber Gerichte manchmal zur Verzweiflung bringt.

Gericht will noch viele weitere Zeugen vorladen

So auch am Freitag, dem 14. Verhandlungstag. Es wird bekannt, dass nach bereits angegehörten neun Zeugen nun noch weitere rund 20 Zeugen geladen werden sollen. Bisher sind die Angeklagten bereits von den Zeugen identifiziert worden. Dazu werden jetzt auch Spezialisten der Polizei vernommen, die zu den Tatzeiten und -orten im Nachhinein eine Auswertung der Einbuchung der Mobiltelefone der Angeklagten in den entsprechenden Funkzellen in Gärtringen, Sindelfingen und Herrenberg vorgenommen haben. Auch hier gibt es eine Übereinstimmung, dass sich die Angeklagten jeweils an den Tatorten beziehungsweise in der Nähe aufgehalten hatten. Zudem wurden bei der polizeilichen Durchsuchung der Gärtringer Wohnung des Hauptangeklagten erbeuteter Schmuck und andere Wertgegenstände sicher gestellt.

Der Prozess weitet sich zum Mammutverfahren aus. Am Freitag wurden den Verteidigern vom Gericht jeweils dicke Aktenordner in die Hand gedrückt, in denen sich die Auswertung von Zeugenangaben und Ermittlungsergebnisse befinden. Bis zum nächsten Termin müsse man die selbst durchlesen ("Selbstleseverfahren"), so die Anweisung der Richter, die immer noch auf Geständnisse hoffen.

Auch nach dem 14. Verhandlungstag ist ein Urteil noch in weiter Ferne.

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