Die Schönbuchbahn rollt wieder

Nach über zwei Jahren Bauzeit ist die Verbindung nach Dettenhausen nun elektrifiziert – Großes Fest zur Eröffnung

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    Die Schönbuchbahn am Eröffnungstag / Foto: Stefanie Schlecht

Hartnäckiger Fels, unerwartete Eidechsen, Bomben, Planungspannen und ein Jahr Bauverzögerung: Es war kein Traumstart, den die Schönbuchbahn nach über zwei Jahren Ausbau jetzt hinlegte. Umso glücklicher war die Festgemeinde, als am Samstagmorgen der erste Zug über die neue Trasse nach Böblingen rollte – versorgt mit Strom.

Von Michael Stürm

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Wiedereröffnung Schönbuchbahn
Jungfernfahrt der elektrifizierten Schönbuchbahn mit viel Prominenz aus Stadt, Kreis und Land.
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Artikel vom 16. Dezember 2019 - 09:55

KREIS BÖBLINGEN.  Gäste waren an Bord als sich das blumengeschmückte Fahrzeug von Dettenhausen nach Böblingen aufmachte. Die erste Fahrt unter Strom geriet dabei zum Bummelereignis. Rund 90 Minuten dauerte die Tour bis ins 17 Kilometer entfernte Böblingen. Statt den Fahrplan einzuhalten gab?s erst mal großen Bahnhof an den Haltepunkten der angrenzenden Kommunen – feierliche Worte der jeweiligen Bürgermeister inklusive.

Rollendes Kulturgut: Erwartet wurde der Promi-Tross dort, wo in Zukunft die Wagen gewartet und untergestellt werden: Im neuen Betriebshof beim Böblinger Bahnhof blies die Bigband des Böblinger Albert-Einstein-Gymnasiums zur Feier des Tages schon mal mit viel Schwung in die Hörner, bevor Landrat Roland Bernhard am Mikrofon den Stein offiziell von seinem Herzen fallen ließ: „Es ist geschafft“, atmete er auf und erhob den 14. Dezember zu einem „Tag der Freude“. Man erkenne erst, was einem fehlt, wenn man es nicht mehr hat, meinte er angesichts der mehr als zweijährigen Zeit ohne durchgehende Schienenverbindung nach Dettenhausen und jede Menge Kummer bei Pendlern und Schülern. Für Bernhard ist die Bahn daher längst „ein Kulturgut auf der Schönbuchlichtung“. Da dessen Elektrifizierung rund 120 Millionen Euro gekostet hat und die teuerste Infrastrukturmaßnahme ist, die der Landkreis jemals gestemmt hat, bat Bernhard das Land angesichts der entstandene Mehrkosten, zu den 50 Millionen Euro Fördermitteln nochmals was dazuzulegen. Schließlich sei der Kreis ja der erste im Land, der eine Nebenbahn elektrifiziert hat.

Vorbild fürs Land: Aus Stuttgart gekommen war derjenige, an den diese Orte gerichtet waren. Verkehrsminister Winfried Hermann konzentrierte sich am Freudentag zunächst auf das verbale Kompliment: „Beachtlich, beachtlich“, nannte er das, was die beiden Landkreise Böblingen und Tübingen da auf die Gleise gestellt hätten. „An solchen Tagen wie heute“, bekannte er, „bin ich richtig gerne Bahnminister.“ Er lobte die Verantwortlichen für ihre Weitsicht und bezeichnete die Schönbuchbahn als „Vorbild“ für fünf bis zehn weitere Kleinbahnen, die in absehbarer Zeit reaktiviert oder ohne fossile Brennstoffe betrieben werden sollen. Und dann setzte der Mann aus dem Landeskabinett doch noch ein Hoffnungszeichen. „Wir werden Sie auch weiterhin unterstützen“, versprach Hermann den Schönbuchbahnlern. Dank hatte Böblingens OB Stefan Belz für die Bahnmacher mitgebracht. Er bezeichnete den Zug mit seinen fünf städtischen Haltestellen als „wichtigen Teil der Mobilitätsstrategie der Stadt“.

Dampf, Diesel, Strom: 109 Jahre nachdem die erste Dampflok im Jahr 1910 über die Strecke ächzte, rauscht die Schönbuchbahn nun mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde über die Gleise – im komfortablen 15-Minuten-Takt zwischen Böblingen und Holzgerlingen. 1966 hätte wohl jeder für ein solches Szenario nur den Zeigefinger an die Stirn geführt. Damals wurde der Bahnbetrieb eingestellt. 30 Jahre später fuhr dann die Schönbuchbahn wieder. Reaktiviert für den Dieselbetrieb und 2500 Nutzer pro Tag. Aus denen sind mittlerweile knapp 10 000 geworden. Für 2025 rechnen die Bahnexperten mit 14 000 Fahrgästen, die dann die Straßen entlasten. Zahlen, bei denen manche S-Bahnstrecken in der Region nicht mithalten können.

Holzklasse: Und dennoch mag sich mancher Besucher der Eröffnungsparty an die alten Holzklasse-Zeiten zurückerinnert haben. Denn die komfortablen Plätze mit Tischdecken, Bedienung und Festmahl blieben den Ehrengästen vorbehalten. Wer da nicht dazugehörte, weder Bundestagsabgeordneter, Landesparlamentarier, Bürgermeister oder gewählter Bürgervertreter war, musste draußen bleiben aus der abgegrenzten ersten Klasse, das Programm von den hinteren Bierbankreihen betrachten und sich seinen Festschmaus selbst besorgen. Ein Fass Freibier fürs Volk? Hätte den Freudentag für die zukünftigen Nutzer abgerundet.

Gemeinsame Stimme: Dafür geizten die Promis nicht mit verborgenen Talenten: Als die Reden geschwungen waren, marschierte der Chor des Landratsamtes auf und intonierte zur Feier des Tages „Uff d?r schwäbische Eisebahne“. Eifrig beschmettert vom Landrat, dem Verkehrsminister, dem Oberbürgermeister und dem Geschäftsführer. So viel gemeinsame Stimmerhebung ließ die Zuversicht wachsen, dass die Zukunft der neuen Bahn gesichert ist.

S-Bahn-Feeling: Wer den Selbsttest bei den kostenlosen Schnupperfahrten machte, erlebte, wie die Schönbuchbahn mit einem sanften Surren ins Elektrozeitalter startete. Kein Ruckeln, kein Zuckeln, flotte Beschleunigung: Das S-Bahn-Feeling ist garantiert. Auch die Inneneinrichtung der roten Triebwagen, die den Betrieb übernehmen bis die neuen Elektrofahrzeuge bereitstehen, erinnert an die S-Bahn. Nur die eingebauten Toiletten zeigen, dass es sich um geringfügig anders designte Züge handelt - Züge, die bisher in Nordrhein-Westfalen und bei der Schusterbahn zwischen Untertürkheim und Kornwestheim im Einsatz waren. Allerdings: Das stille Örtchen wird auf der Schönbuchbahn still bleiben: „Wir haben hier keine Möglichkeit, die Toiletten zu entleeren“, erklärte Jens-Ulrich Beck, Geschäftsführer der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft (WEG), die die Schönbuchbahn betreibt.

Mehr Komfort: 30 Zentimeter und rund eineinhalb Jahre trennen die Schönbuchbahn noch vom ultimativen Komfort. Bis die eigens für die Bahn entwickelten Züge fahrbereit sind, wird es Mitte 2021. Dann, so verspricht Schönbuchbahn-Geschäftsführer Reinhard Bauer, werden sämtliche Annehmlichkeiten des Bahnfahrens mitrollen: Klimaanlage, W-LAN, Platz für Rollstühle und Fahrräder, Spurtstärke und Energiesparsamkeit sollen ab diesem Zeitpunkt zum Standard auf der Strecke zählen. So lange heißt es beim Ein- und Aussteigen noch Obacht: Zwischen Fahrzeug und Bahnsteig klafft eine rund 30-Zentimeter-Lücke, die erst durch die neuen Triebwagen geschlossen wird.

Schnuppern erlaubt: Die Neugierde auf die neue Schönbuchbahn war am Samstag bereits groß. Die Schnupperfahrten ließen sich viele Bürger nicht entgehen. Als der Zug fast pünktlich um 13.16 Uhr den Böblinger Bahnhof verließ, waren in den zwei aneinandergehängten Elektroflitzern so gut wie alle Sitzplätze belegt. Nach Fahrplan kann die Schönbuchlichtung per Bahn seit gestern wieder staufrei erreicht werden. Heute muss sich die Bahn zum ersten Mal im Werktagsverkehr bewähren.
Schonfrist: Da das Finish eng und die Einarbeitungszeit knapp war, bittet der Landrat noch um eine Schonfrist, bis der Betrieb störungsfrei läuft. „Am Anfang wird es ruckeln“, meinte Roland Bernhard und bat um Verständnis, wenn der Fahrplan in den ersten Tagen auch einmal nicht ganz eingehalten wird. „Anfang nächsten Jahres“, versicherter er, „klappt?s.“

Fahrschule: Sechs Übungsfahrten hat jeder der 22 Fahrer absolviert, bevor er die Fahrgäste auf der 17-Kilometer-Strecke zwischen Böblingen und Dettenhausen befördern darf. „Angenehmer“ zu fahren sind die Stromfahrzeuge, sagt Ronny Teuchert. Der Chefausbilder der WEG steuerte bereits am Donnerstag die offizielle Probefahrt mit den Bahnverantwortlichen über die Gleise. „Das ist, wie wenn Sie ein anderes Auto fahren“, zog er den Vergleich zu den Dieseltriebwagen. Gewöhnungsbedürftig ist jedoch das Bremsverhalten. Damit die Bahnsteige, die nur fünf Meter länger als zwei aneinander gekoppelte Fahrzeuge sind, auch richtig angesteuert werden, heißt es, im richtigen Moment die Bremse zu ziehen. Denn bis der Zug aus 100 Stundenkilometern zum Stillstand kommt, dauert es eine Weile. Manch einer der Fahrer muss sich daher neu orientieren, auch weil die eine oder andere gewohnte Bremsmarke der Streckenverbreiterung zum Opfer gefallen ist. „Mir haben sie meinen Baum gestohlen“, hat ein Fahrer bei der ersten Fahrt auf der neuen Strecke beklagt.

Zukunftsaussichten: Nach dem Neustart ist vor dem nächsten Spatenstich: Die Bahnverantwortlichen denken bereits über eine Verlängerung des 15-Minuten-Taktes bis zur Haltestelle Buch/Sol zwischen Holzgerlingen und Weil nach. „Sinn würde das machen“, sagte Schönbuchbahn-Geschäftsführer Reinhold Bauer während der Probefahrt. Eine Machbarkeitsstudie empfiehlt diesen Schritt zumindest. Allerdings muss dann ein weiteres Gleis gelegt werden. „Wir reden da von einem Realisierungszeitraum von fünf bis zehn Jahren“, erklärte Bauer. Und ein 15-Minuten-Takt für die komplette Strecke bis Dettenhausen? Da ist der Bahnmann skeptisch: Dann müsste in Weil eine weitere Straße unter- oder überführt werden. „Eine kritische Sache“, glaubt Bauer.

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