Ehrenamt: Die Neuen begeistern, die Alten weiter motivieren

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    Auch beim Fußball gibt es regelmäßig Aktionen, die das Ehrenamt unterstützen sollen - dennoch bleibt die Frage: Wer übernimmt heute noch viel Verantwortung? Foto: Eibner/Gruendl

Rund 31 Millionen Menschen in Deutschland engagieren sich ehrenamtlich. Ohne diesen Einsatz wären viele Bereiche des öffentlichen Lebens nicht vorstellbar. Trotzdem ist in vielen Vereinen die Sorge groß: Es fehlt der Nachwuchs, der auch bereit ist, Ämter zu übernehmen.

Artikel vom 13. November 2019 - 12:03

Von Daniel Gruner

BÖBLINGEN. Deshalb hat die Stiftung Zenit zuletzt zu einem Dialogforum ins Sparkassen-Forum nach Böblingen eingeladen. Unter dem Motto "Ehrenamt - Quo vadis" wurde diskutiert, wie in Zukunft die Suche nach jungen Vorstandsmitgliedern gestaltet werden kann. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen mit Nachteilen berufliche und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Dafür engagiert sie sich in regionalen Projekten, hauptsächlich in den Landkreisen Böblingen und Calw.

Der Einladung gefolgt waren am vergangenen Donnerstag rund 130 Ehrenamtliche, viele engagiert in Vorständen unterschiedlichster Vereine und Organisationen. Feuerwehrmänner waren genauso vertreten wie Kirchengemeinderäte, Sportvereinsvorstände und Lokalpolitiker. Alle treibt die Sorge um, wie und vor allem mit wem es in ihren Vereinen weitergehen soll, wenn sie sich einmal aus ihren Ämtern zurückziehen.

Katja Stamer, Professorin an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, kennt sich mit der Problematik bestens aus. In ihrer Doktorarbeit hat sie sich mit der Förderung des Ehrenamts in Sportvereinen auseinandergesetzt. In einem Impulsreferat benannte sie die beiden Kernprobleme, unter denen freiwilliges Engagement derzeit leidet: Zum einen gibt es viel mehr Vereine als früher - inzwischen sind es siebenmal so viele wie noch vor 50 Jahren. Zum anderen haben sich die Erwartungen und Wünsche der Menschen an ihr Ehrenamt, die sich vor allem aus der privaten und beruflichen Situation ergeben, komplett verändert.

Daher müssten sich die Verantwortlichen immer wieder die Frage stellen: Ist mein Verein noch aktuell unterwegs? Oder sollten die Ziele vielleicht neu formuliert werden? Bietet mein Verein Möglichkeiten für die "Neuen", sich einzubringen und mitzubestimmen? Oder bedeuten die vorhandenen Strukturen eher Hürden?

Katja Stamer gab Tipps, wie die Vereine potenzielle Ehrenamtliche ansprechen sollten und wie man auch die, die schon lange dabei sind, immer wieder neu motivieren könnte. Dabei sei wichtig, mit dem zu werben, was den Verein besonders macht. "Regelmäßige Sitzungen mit anschließendem Stammtisch sind kein Alleinstellungsmerkmal", stellte Stamer klar. Auch sollte bei der Verteilung der Aufgaben die wöchentlich verfügbare Zeit der Ehrenamtlichen am meisten ins Gewicht fallen - und die Posten dementsprechend auch einmal durchgetauscht werden.

Das Engagement als Vereinschef selbst vorleben

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion äußerten sich Ehrenamtliche aus diversen Bereichen zur aktuellen Situation. So berichtete beispielsweise Daniel Wengenroth, dass er bei den Böblinger Schwimmern wenig Probleme damit habe, Nachwuchs für die Trainer- und Vorstandsposten zu finden. "Das funktioniert aber nur, wenn man das Engagement selbst vorlebt", betonte Wengenroth, der nicht nur die Schwimmabteilung der SV Böblingen leitet, sondern sich auch als Stadtrat für die Freien Wähler engagiert. Der Vorsitzende des Kreisfeuerwehrverbands Calw, Klaus Ziegler, beobachtet, wie wichtig Quereinsteiger bei der Feuerwehr sind. Denn: "Ehrenämter werden nicht mehr wie früher vererbt. Wenn der Vater bei der Feuerwehr war, waren es die Söhne auch. Das ist jetzt nicht mehr so."

Auf dem Podium war man sich einig, dass die Verdichtung im Alltag von Schülern, nicht zuletzt durch G-8 und die Ganztagsschule, das Ehrenamt in seiner bisherigen Form herausfordert. Es wurde deutlich: Das Ehrenamt muss sich an eine Gesellschaft im Wandel anpassen. Denn an vielen Stellen wird es gebraucht wie nie zuvor.

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