In Panik eine Polizeibeamtin angefahren

Routinemäßige Kontrolle eskaliert - 21-Jähriger vom Amtsgericht Böblingen zu Bewährungsstrafe verurteilt

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    Im Mai ist eine Polizeikontrolle in der Zeppelinstraße in Böblingen eskaliert Foto: Archiv

Artikel vom 07. November 2019 - 18:24

Von Daniel Gruner

BÖBLINGEN. Auf einmal hat Mario S. (Name geändert) Rot gesehen. Und eine Polizistin angefahren. Was ihm jetzt eine Bewährungsstrafe einbrachte. Doch der Reihe nach.

Auf dem Parkplatz am Albert-Einstein-Gymnasium war er am 15. Mai 2019 mit drei weiteren Personen von zwei Streifenpolizisten kontrolliert worden. Mario S. gab seine Personalien an, trug aber keinen Ausweis zur Bestätigung bei sich. Also ging der 21-Jährige in Begleitung einer Polizeibeamtin zu seinem Auto, um ihr den dort befindlichen Führerschein zu zeigen - und spurtete auf einmal los und sprang hinter das Steuer. Beim rückwärts Ausparken verfehlte er die Polizistin nur knapp. Die Beamtin wollte ihn aufhalten, stellte sich vor das Fahrzeug. Und da gab Mario S. Vollgas. Im letzten Moment konnte sich die Polizistin so zur Seite drehen, dass sie zwar angefahren, aber immerhin nicht überfahren wurde.

Dafür musste sich der 21-jährige Leiharbeiter nun vor dem Jugendschöffengericht vor dem Böblinger Amtsgericht verantworten. Dort räumte er die Tat ein. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Ralf Rose, was ihn da eigentlich geritten habe, antwortete Mario S., dass er in Panik verfallen sei. Denn einige Monate zuvor war er bereits mit der Polizei in Konflikt geraten: Der Tod seines Großvaters hatte ihn derart mitgenommen, dass er sich damals überreden ließ, Marihuana zu rauchen - zum ersten und einzigen Mal, wie er beteuert - und dann prompt bekifft am Steuer erwischt wurde. Eine medizinisch-psychologische Untersuchung stand daraufhin an.

Als die Polizisten bei der Kontrolle am AEG im Mai dieses Jahres bei einem seiner Begleiter ein Päckchen Marihuana fanden. Und da steckte er wieder in einer Situation mit Polizei und Drogen - und wollte nur weg, wie er dem Richter erklärte. Da seien ihm die Sicherungen durchgebrannt, und in seiner Panik konnte ihn auch die Polizeibeamtin konnte nicht aufhalten.

Beamtin: "Sinnlose Tat"

Seine Begleiter blieben verwundert zurück, schließlich hatte Mario S. seine Daten ja bereits korrekt angegeben, sie sollten nur noch anhand des Führerscheins überprüft werden. Auch die Beamtin selbst spricht von einer "sinnlosen Tat" - die für sie dafür umso schwerere Folgen hatte. Die Polizistin zog sich verschiedene Prellungen an Knie, Hüfte und Hand zu und war drei Wochen lang nicht außendienstfähig. Beim Prozess trat sie daher als Nebenklägerin auf.

Unterschiedliche Auffassungen hatten die Prozessbeteiligten bei der Frage, ob der Täter, der die Tat kurz vor seinem 21. Geburtstag begangen hatte, noch nach Jugendstrafrecht verurteilt werden sollte. Die Jugendgerichtshilfe befürwortete dies. Marco S. sei als Heranwachsender einzustufen, da er noch bei seinen Eltern lebt und erst in einem Jahr plant, eine Ausbildung zu beginnen. Auch sein völlig irrationales Handeln sei nicht besonders erwachsen. Der junge Staatsanwalt hingegen vertrat die Auffassung, dass jemand, der am Straßenverkehr teilnimmt, strafrechtlich wie ein Erwachsener behandelt werden müsse.

Als anstößig bezeichnete Rose den Versuch der Verteidigung, der Polizistin einen Teil der Schuld anzulasten, da diese sich nicht vorsichtig genug verhalten habe, als sie sich allein dem Auto in den Weg gestellt hat. "Das ist unanständig", wurde Rose deutlich.

Führerschein ist 18 Monate weg

Am Ende wurde Marco S. aufgrund eines gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in Tateinheit mit einem tätlichen Angriff und gefährlicher Körperverletzung nach dem Jugendstrafrecht zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt. Diese wurde für zwei Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Richter Rose wies den Verurteilten mit aller Deutlichkeit darauf hin, dass er es nur der schnellen Reaktion der Polizeibeamtin zu verdanken hätte, dass er nun nicht in Handschellen vor dem Stuttgarter Landgericht für weitaus schwerwiegendere Taten verurteilt werde.

Der Polizistin wurden außerdem 1000 Euro Schmerzensgeld zugesprochen. Zudem bleibt der Führerschein von Mario S., der schon direkt nach der Tat eingezogen worden war, für mindestens weitere 18 Monate unter Verschluss.

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