Ein Bericht voller Anteilnahme

Buch-Tipp

Artikel vom 27. Oktober 2019 - 16:18

Von Roland Häcker

Beiläufig nennt der Autor diesen Bericht "seinen Roman", aber der Verlag hat auf diese Kennzeichnung verzichtet, er wollte wohl nicht dem Gedanken Vorschub leisten, das hier Geschilderte sei frei erfunden. Die Ferieninsel Lampedusa ist seit Jahren das Ziel afrikanischer Flüchtlinge. Zu Tausenden sind sie dort nach ihrer Fahrt über das Mittelmeer angelandet - oder auch nicht, denn Hunderte ertranken kurz vor dem Ziel. Tote im Wasser - die Taucher der Insel berichten dem Autor von grauenhaften Begegnungen. Die von der Küstenwache oder von privaten Rettungsschiffen Geretteten werden von den Inselbewohnern freundlich begrüßt und mit dem Nötigsten versorgt. Unter ihnen sind Babys vergewaltigter Frauen, Schwangere, die in den Lagern Libyens Schreckliches erlebt haben, Kranke, für die keine Hoffnung auf Heilung besteht. Die Gräber der toten Opfer sind fast anonym. Manchmal haben sie nur einen Namen, wenn Überlebende sich zufällig an sie erinnern.

Davide Enia lässt in diesem Buch vor allem die Helfer zu Wort kommen. Viele von ihnen sind nach gescheiterten Rettungsaktionen traumatisiert. Mit seiner Reportage über die "Flüchtlingsinsel" Lampedusa verknüpft Enia die Geschichte seines alten Vaters und des an Krebs sterbenden Onkels. Der Tod spielt in diesem Buch eine wichtige Rolle, dennoch macht die Lektüre nicht depressiv, denn erzählt wird auch vom Leben, zum Beispiel von der überschwänglichen Freude der Geretteten.

Davide Enia (geb. 1974) schreibt vor allem Theaterstücke. Sein Lampedusa-"Roman" ist dramatisch und doch eher leise. Anschaulich und präzise erzählt er von den Ereignissen, manchmal anklagend, aber auch voller Anteilnahme.

Davide Enia: Schiffbruch vor Lampedusa. Verlag Wallstein, 2019.
Verwandte Artikel