Interview zum Thema Missbrauch: "Jeder geht anders damit um"

Nachgefragt: Marion Quellmalz-Zeeb von der Beratungsstelle Thamar in Böblingen gibt Auskunft

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    Wie mit Übergriffen in der Kindeheit und Jugend fertig werden? / Symbolbild: Archiv

Die Beratungsstelle Thamar in Böblingen hat täglich mit Missbrauchsopfern zu tun. Seit mehr als 20 Jahren gehört Marion Quellmalz-Zeeb (58) zum Team. "Je früher der Missbrauch passiert, desto problematischer kann es ein", sagt sie.

Artikel vom 21. August 2019 - 15:48

Von Robert Krülle

Frau Quellmalz-Zeeb, wie verarbeiten Erwachsene, dass sie in ihrer Kindheit missbraucht wurden?

Das lässt sich auf keinen Fall pauschal beantworten, das kann ganz unterschiedlich sein. Aber grundsätzlich gilt: Je früher der Missbrauch passiert, desto größer ist die Gefahr, dass die Opfer stärker unter den Erfahrungen leiden und in ihrer Entwicklung erschüttert werden. Besonders schwierig ist, wenn Kinder innerfamiliär missbraucht werden, denn so kann sich kein positives Fundament bilden. Ich benutze gerne folgendes Bild: Wie eine Pflanze braucht man einen guten Boden, um sich zu entwickeln. Doch wenn der Boden von Beginn an wenig Nahrung bietet, dann wird es schwierig. Das Beste, was diesen Menschen später passieren kann, sind Freunde und Bekannte, die eine verlässliche und vertrauensvolle Größe darstellen. Aber das ist oft nicht einfach.

Frauen sind häufiger Missbrauchsopfer als Männer. Wie ist das im Kindesalter?

Wie die Berichte und Erfahrungen der letzten Jahre gezeigt haben, sind im Kindesalter Mädchen wie Jungen von sexueller Gewalt betroffen - Mädchen häufiger innerfamiliär, Jungen eher durch das soziale Umfeld. Das Gemeine ist, dass sich schlechte Erfahrungen kumulieren können und zu einem Berg anhäufen. Die Kinder mit Missbrauchserfahrungen können in der Folge auffällig sein, zum Beispiel besonders schüchtern oder distanzlos. Sie werden dann von anderen Kinder als komisch wahrgenommen, gehänselt oder gemieden. Da werden Schwachstellen ausgenutzt.

Für zahlreiche Missbrauchsopfer ist es ja ein großes Problem, dass die Taten aus juristischer Sicht irgendwann verjähren. Wie erleben Sie das?

Das ist natürlich ein großes Thema, viele Opfer sind deshalb wütend. Doch seit 2010 hat sich immerhin einiges verbessert. Damals gab es in Berlin einen Runden Tisch zum Thema Kindesmissbrauch, in der Folge wurden die Verjährungsfristen deutlich verlängert - das heißt, dass die Täter viel später noch belangt werden können. Die Verjährung komplett abzuschaffen, würden die Opfer sicher begrüßen, denn für sie verjähren die Folgen nie. Doch die Betroffenen haben häufig noch ein anderes gravierendes Problem, nämlich die Tat zu beweisen. Meist steht Aussage gegen Aussage, häufig kommen die Täter ungeschoren davon.

Was können die Opfer tun?

Auf alle Fälle hilft eine traumatherapeutische Behandlung, um das alles aufzuarbeiten. Wir ermutigen unsere Klienten dazu. Es ist gut, wenn die Betroffenen die Missbrauchserfahrungen in ihr Leben integrieren und behutsam mit den erlebten Verletzungen umgehen lernen, ohne sich zu schämen - oft ein schmerzhafter Prozess. Die Scham und Verantwortung gebührt den Tätern.

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