Gärtringer Großfamilie als Trickdiebe angeklagt

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Artikel vom 20. August 2019 - 15:00

KREIS BÖBLINGEN (red). Wegen gewerbsmäßigen und besonders schweren Bandendiebstahls sitzen seit gestern drei 22 bis 35-jährige Männer einer Großfamilie aus Gärtringen und eine 37-jährige Frau auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts. Weit über 100 000 Euro sollen die vier Angeklagten mit Trickdiebstählen in Sindelfingen, Böblingen und Stuttgart erbeutet haben.

Es war fast immer derselbe Trick, mit dem sich die vier den Zutritt in Wohnungen besonders betagter und gebrechlicher Wohnungsinhaber verschafft haben sollen: Man klingelt an der Wohnungstüre, gibt vor, dass man im Hause gerade eine ähnliche Wohnung gekauft oder gemietet habe und man wolle nur kurz einige Zimmer nachmessen, um festzustellen, ob die eigenen Möbel reinpassen, oder ob zum Beispiel der Rollstuhl der kranken Mutter durch die Badtüre geht. Dann verwickelt einer der Täter den Wohnungsinhaber in ein Gespräch, während der andere heimlich ins Schlafzimmer geht und dort nach Diebesbeute sucht.

So geschehen am 26. September des letzten Jahres bei einer 93-jährigen Frau in deren Böblinger Wohnung, bei der zwei der Angeklagten das Opfer um ein Glas Wasser baten, während ihre Brüder im Schlafzimmer auf Beutesuche gehen. Sie fanden eine Kassette mit Schmuck im Wert von 1500 Euro, darunter eine wertvolle Taschenuhr, und 200 Euro Bargeld. Am 1. November sollen die Angeklagten an der Wohnungstüre einer 80-jährigen Sindelfingerin geklingelt haben. Diesmal sei ein kleines Kind mit den Tätern gekommen, welches plötzlich Hunger bekam. Hilfsbereit schmierte die 80-Jährige für das Kind ein Brot, während zur selben Zeit einer der Angeklagten sich im Schlafzimmer über mögliche Diebesbeute informierte und dabei Schmuck im Wert von 800 Euro und 10 000 Euro in bar an sich nahm,

Dieselben Täter sollen laut Anklage am 10. Januar dieses Jahres wieder in Sindelfingen auf Diebestour gewesen sein. Diesmal traf es einen 76-jährigen Wohnungsinhaber in der Tilsiter Straße, dem man vorgaukelte, man habe im oberen Stockwerk des Mehrfamilienhauses gerade eine Wohnung angemietet und würde gerne in der vergleichbaren Wohnung des Opfers einige Räume ausmessen. In diesem Fall konnten die Angeklagten offensichtlich keine Beute machen, denn der Mieter blieb ihnen bei dem Ausmessen auf den Fersen. Dagegen traf es am 30. Januar erneut in Sindelfingen eine 76-jährige Wohnungsinhaberin, die mit demselben Trick um eine Schatulle mit 1250 Euro erleichtert wurde.

Der Staatsanwalt listet einen Schaden von 100 000 Euro auf

In weiteren 22 ähnlichen Fällen wirft der Staatsanwalt der auf der Anklagebank sitzenden Sinti-Familie derartige Trickdiebstähle in Stuttgart, Ludwigsburg, dem Rhein-Main-Gebiet und Heilbronn vor. Der Gesamtschaden soll bei über 100 000 Euro liegen. Dass die Masche nicht immer funktioniert, bewiesen mehrere der Opfer, die entweder die Angeklagten erst gar nicht in ihre Wohnung ließen, oder aber - wie in einem Fall in Sindelfingen - den Verdächtigen beim Ausmessen der Zimmer stets auf den Fersen blieben.

Die Beute sollen die Angeklagten später in verschiedenen Pfandhäusern in Stuttgart und Karlsruhe, wo sie als Stammkunde bekannt waren, zu Geld gemacht haben. Am 8. Februar dieses Jahres war die Polizei der Bande bereits auf der Spur, konnte aber nicht verhindern, dass bis zu den Festnahmen am 20. Februar noch weitere sechs Diebstähle verübt wurden. Der Staatsanwalt sieht die Vorwürfe als 26-faches Verbrechen des schweren Bandendiebstahls, besonders schweren Diebstahls und versuchten Bandendiebstahls. Die Opfer, so der Ankläger gestern bei der Anklageverlesung, seien nach den Diebstählen teilweise schwer traumatisiert gewesen.

Die Richter der zweiten Großen Strafkammer kamen zum Auftakt noch nicht dazu, in die Verhandlung einzutreten. Die Verteidiger rügten die Besetzung der Schöffen, weil eine der Schöffinnen erkrankte und durch deinen Ersatzschöffen ausgetauscht werden musste. Dies verstoße gegen das Gerichtsverfassungsgesetz, meinen die Anwälte. Daraufhin wurde der Prozess auf Donnerstag dieser Woche vertagt.

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