Böblinger Maler: Neue Steisslinger-Biografie erschienen

Zeitreise im Künstlergarten: Autor Werner Irro und Frederica Steisslinger stellen Biografie des Böblinger Malers vor

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    Autor Werner Irro und Frederica Steisslinger stellen das neue Buch vor Foto: Gaetano Di Rosa

Artikel vom 18. Juli 2019 - 17:12

Von Jutta Rebmann

BÖBLINGEN. In seinen Briefen nannte Fritz Steisslinger sie Fridolin, die Frau seines Sohnes Eberhard. Sie - unvoreingenommen, jung, gerade erst angekommen in einem Leben ohne Angst in einem fremden Land, war befangen. Sie fühlte sich nicht vorbereitet auf einen Schwiegervater, der Maler war, ein Künstler, ein Professor. Und doch war es Frederica, die Schwiegertochter, die seit dem ersten Kennenlernen in Rio zunächst abwartend am familiären Rand stehend, mehr und mehr die Zügel in die Hand nahm. Gelassen, immer ordnend, immer mit Rat und Tat im Hintergrund.

So auch am vergangenen Samstag bei der vom Böblinger Galerieverein veranstalteten Präsentation von Werner Irros Buch "Fritz Steisslinger - Zwischen Böblingen und Brasilien". Die Schwiegertochter und Nachlassverwalterin hatte in den Außenbereich des des Künstlerhauses auf dem Tannenberg geladen - den Garten, den Fritz Steisslinger nach eigenen Vorstellungen geschaffenen und gestaltet hat.

"In Böblingen brauchen wir jemanden, der schaffen kann", hatte Fritz Steisslinger sachlich festgestellt und die Schwiegertochter in spe daraufhin in Augenschein genommen. Geschafft hat sie seitdem eigentlich ohne Unterlass. Hat mit ihrem Mann Eberhard, das Werk Fritz Steisslingers geordnet. Das schreibt sich schnell, war aber eine Sisyphus-Arbeit: Ungeordnete Papiere, Bilder, Dokumente in einem vom Krieg arg mitgenommenen Haus am Rande einer Stadt, in der damals nichts zu spüren war vom heutigen Wohlstand. Dazu Eltern, die - traumatisiert vom Verlust zweier Söhne - keine Kraft mehr hatten.

Fritz Steisslinger starb mit 65 Jahren am 16. März 1957 - zu früh für viele heutige, die andere Lebenszahlen erreichen. Er hinterließ eine verbitterte Frau, die das Haus und sein Werk gerne hingegeben hätte für ein Leben im Land ihrer Kindheit, in Brasilien.

Werner Irro erzählt in dem Band nicht nur die Geschichte einer Familie, die in Böblingen heimisch wurde, sondern auch die Geschichte eines Hauses, erdacht von einem Künstler, eine perfekte Hülle für sein Werk. Ein Werk, das wuchs, sich veränderte, das ihm nicht genügte, das nicht den Erfolg hatte, den er sich erwartete. Ein Haus auf einem riesigen Grundstück, das Heimat werden sollte, und sich immer wieder als Belastung erwies.

Das Buch erzählt auch von den Reisen nach Brasilien, ins gelobte Land, in dem alles anders war, in dem die Farben explodierten, Farben, die zu Bildern wurden, die Schönheit und Kraft ausstrahlen und doch nicht den Erfolg brachten.

Es handelt auch von drei Söhnen, immer wieder gemalt, gezeichnet, auf Papier gebannt, festgehalten im Bewegungsablauf, nicht einfach für Kinder. Es berichtet von einem Familienleben - von Böblingen nach Berlin, immer die Existenznot im Nacken. Die NS-Jahre, die Verfemung der Künstler, der sinnlose Tod der Söhne.

Und immer wieder das Haus. Trutzig, an italienische Bauten erinnernd in einem riesigen Garten, der zunehmend verwilderte.

Und dann kam sie, die Schwiegertochter, mit ihr wieder drei Buben, die im Garten aufwuchsen. Hans Werner - der erste, der einzige, den der Großvater noch kennenlernte. Sie wuchsen auf in einem Haus, das zu dem wurde, was sich die Generation davor einst erträumt hatte. Es war Eberhard, der das Werk des Vaters hütete und schützte. Seine Frau Frederica war zunächst diejenige, die die staunenden Besucher mit ihrem Apfelkuchen wieder von der Kunst- in die reale Welt zurückbrachte.

Dann war da noch Frieder, der jüngste Sohn. Er wurde schnell zum Adjutanten der Kunsthistorikerin Ulrike Gauss, die das Werk das Großvaters katalogisierte und damit wissenschaftlich für die Kunstwelt erschloss.

Biografie macht bisher verborgene Seiten des Künstlers sichtbar

Als Eberhard Steisslinger starb, war es Frederica, die das Haus öffnete, die Besucher durch das Atelier führt, die stets neue Ausstellungen möglich macht und dabei das Werk ihres Schwiegervaters in immer wieder neue Facetten gliedert.

Jetzt hat sie mittels dem von Werner Irro nach ihren Angaben geschriebenen Buch die andere, die menschliche Seite des Künstlers und seiner Familie sichtbar gemacht. Sie hat zusammen mit dem Autor dabei geholfen, bisher verborgene Stellen auszuleuchten.

Bei der Vorstellung des Buches am Wochenende haben Werner Irro und Frederica Steisslinger gemeinsam Einblicke in das Leben und Schaffen Fritz Steisslingers gegeben. Damit haben sie bisher offene Fragen beantwortet, für manche Besucher sogar Gänsehautmomente erzeugt. Und ganz nebenbei haben sie auch noch Einblicke gegeben in die Geschichte einer schwäbischen Klein- und Mittelstadt in den vergangenen fast einhundert Jahren. Es waren Einblicke in eine Zeit, als der Tannenberg noch Kühstelle hieß, weitgehend unbebaut war und ein gewisser Maler Tag für Tag vom Bahnhof den Weg nahm zu einer Baustelle, die zum Heim seiner Familie werden sollte.

  Werner Irro: "Fritz Steisslinger: Zwischen Böblingen und Brasilien". Erschienen beim Verlag Books on Demand im Mai 2019. Gebundene Ausgabe. Umfang: 216 Seiten. Preis: 25 Euro.

 

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