Junge Bühne Sindelfingen: Workshop für Tanzprojekt

Die jungen Teilnehmer lernen, auf ihr Körpergefühl zu hören

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    Ein Gefühl für den eigenen Körper entwickeln: Profitänzer Pascal Sangl (vorne rechts) übt mit den Workshopteilnehmern Foto: Junge Bühne
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    Und jetzt zur Seite drehen . . . die jungen Bewerber sind mit vollem Einsatz bei der Sache
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    Regisseur Ingo Sika im Gespräch mit KRZ-Mitarbeiterin Simone Mücke

Am Wochenende fand ein Workshop inklusive Casting für "Small Town Boy" an der Sindelfinger Musikschule statt. Interessierte Jugendliche konnten hier erste Eindrücke mit Tanz- und Schauspielübungen gewinnen und begaben sich dabei tanzend mit Seifenstücken auf wackelige Eisschollen.

Artikel vom 18. Juli 2019 - 17:12

Von Simone Mücke

SINDELFINGEN. "Ihr habt euren Körper noch nie gespürt und probiert jetzt alles aus", ruft Choreograf Pascal Sangl über die Musik zu seiner Gruppe, die sich alle schlängelnd bewegen, kreuz und quer den Raum einnehmen und ganz nach eigener Nase umhertanzen. Passend dazu spielt Shawn Mendes "There's nothing holding me back".

"Wie ein Stück Butter in der Mikrowelle" sollen sich die jungen Teilnehmer beim Tanzen fühlen. Mal befinden sie sich bei ihren Übungen auf einer Eisscholle und müssen als Gruppe gleichmäßig verteilt in wechselndem Tempo umhertanzen. Mal halten sie ein imaginäres Stück Seife in der Hand, das sie über den ganzen Körper führen sollen, ohne es aus den Augen zu verlieren. "Den Kopf abschalten und drauflos tanzen", lautet die Vorgabe - einfacher gesagt, als getan.

Beim Sichtungsworkshop für das Tanztheaterstück "Small Town Boy" (Premiere am 18. Januar im Theaterkeller Sindelfingen) wird der Übungsraum in der Musikschule Sindelfingen zum Tanzstudio. Die Junge Bühne Sindelfingen sucht Tänzer und Schauspieler für ihr nächstes Projekt.

"Das hier hat eigentlich nicht viel mit einem klassischen Casting zu tun. Wir wollen vor allem wissen, was wir umsetzen können. Heute wird einfach alles ausprobiert", erklärt Ingo Sika, der Regisseur der Inszenierung. Der Sindelfinger tanzt selbst gerade auf vielen Hochzeiten. Unter anderem spielt er derzeit den Elfenkönig Oberon in der Biennale-Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" auf der Freilichtbühne auf dem Herrenwäldlesberg.

Vor gut einem Jahr hat er die Junge Bühne gegründet. Der Gedanke dahinter: Nachwuchstalente sollen die Chance bekommen, sich auf und abseits der Bühne zu beweisen und sich so langfristig an die Sindelfinger Kulturszene binden (wir berichteten).

Eine Musical-Gala mit prominenten Künstlern am 29. Februar in der Stadthalle, das Musical "Frühlingserwachen" als Eigenproduktion im Juni und schon in einem halben Jahr "Small Town Boy" - für kommendes Jahr hat sich die Junge Bühne mit drei Großprojekten wirklich viel vorgenommen. Weil es bei "Small Town Boy" besonders auf tänzerischen Elemente ankommt, holte Ingo Sika den Profi-Tänzer Pascal Sangl als Choreografen mit an Bord.

Falk Richters Stück über die schmerzhafte Suche nach sexueller Selbstbestimmung bei jungen Menschen feierte 2013 Jahren am Berliner Maxim-Gorki-Theater Premiere. Abgeleitet und inspiriert durch den gleichnamigen Song von Bronski Beat, handelt das Stück von Menschen, die in der Hoffnung auf Freiheit und Verständnis in der Großstadt ihr Glück auf ein besseres Leben suchen. "Das Stück ist allerdings sexuell sehr explizit", warnt der Regisseur die junge Truppe von Anfang an. Deswegen sollen die Darsteller über besonders heikle Szenen in der Vorlage abstimmen dürfen. "Ihr müsst euch am Ende in euren Rollen wohlfühlen", betont Sika.

Warnung an die Teilnehmer: Das Stück ist sexuell sehr explizit

Choreograf Pascal Sangl ist erst letztes Jahr nach Maichingen gezogen. Die Liebe führte in vom nordbadischen Weinheim hierher. Der 28-Jährige studierte vier Jahre Modernen Theatertanz an der Amsterdamer Universität der Künste. In Sindelfingen fand er zur Jungen Bühne, hörte von "Small Town Boy" und erklärte sich bereit, bei der Inszenierung mitzuwirken. "Das Stück ist eine Herausforderung: thematisch wie auch tänzerisch. Aber das ist ja gerade das Spannende," erklärt der freiberufliche Tänzer.

Für die elf Workshopteilnehmer hat er zunächst ein paar Lockerungsübungen im Gepäck. Nicht nur für den Körper, sondern auch für den Kopf. Dafür sollen alle entspannt kreuz und quer durch den Raum laufen. Man hört nur die Musik und das Trampeln der Füße auf dem Parkett - mal schnell, mal langsam. Die Gruppe soll "ein anderes Körpergefühl" entwickeln, fordert Sangl. Die eine oder andere ulkige Bewegung gehört da schon dazu. Das stört aber niemand. Alle machen begeistert mit, ganz gelöst von Beklemmungen.

Nach gut drei Stunden Tanztraining gibt es eine kleine Verschnaufpause. Danach geht es unter der Leitung von Ingo Sika mit Schauspieltraining weiter. Sprech- und Konzentrationsübungen helfen bei Aussprache und Ausdruck. "Alle meine Entchen" ganz deutlich auszusprechen gehört da ebenfalls dazu wie Kennenlern-Spiele.

"Obwohl ich davor hier niemanden kannte, war die Atmosphäre angenehm. Die Übungen, die wir gemacht haben, kann ich wertschätzen, weil sie einem wirklich helfen, sich zu lösen und lockerer zu werden", berichtet die 22-Jährige Katja Pfaffenrot, die beim VfL Sindelfingen selbst Tanzunterricht gibt. Jetzt will sie zum ersten Mal bei einem Tanztheaterstück mitwirken. Auch Tiska Lambert ist begeistert: "Ich bin total ehrfürchtig, wie gut alle sind" sagt die 19-Jährige. "Ich nehme von heute so viele neue Eindrücke mit", schwärmt die junge Tänzerin, die schon ab ihrem dritten Lebensjahr Unterricht in Modern Dance und Tanztheater in Böblingen genommen hat.

Weil die Junge Bühne ganz nach den Vorstellungen der Jungen Darsteller arbeiten will und das Stück viel individuellen Spielraum bietet, soll erst nach dem Workshop mit der konkreten Probenarbeit begonnen werden. Wie schon bei vorherigen Inszenierungen der Jungen Bühne will Sika auch hier eine Art interaktives Videoformat integrieren. Während der Entwicklung des Schauspiels plant der Schauspieler und Regisseur, Videos und Interviews mit den Mitwirkenden zu drehen und diese als Bilderstrecke in das Stück miteinzubauen.

"Letztendlich wollen wir das weitergeben, was euch wichtig ist" plädiert der Regisseur, denn dafür hat er die Junge Bühne ins Leben gerufen: jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten ihr Talent zu entdecken, ihre Anliegen vorzuführen und sich gleichzeitig auf dem unbekannten Terrain der Theaterbühne wohlfühlen. Theater von und für junge Talente, eben.

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