Rappen fürs Selbstvertrauen: Integratives Musik-Projekt in Böblingen

Workshop mit Tonaufnahmen und Videodreh

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    Und ... Action! Ein Videodreh gehört bei dem Rap-Workshop für Kinder auch dazu Fotos: Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Böblingen

Einen Rap texten, einsprechen und ein Musikvideo produzieren. Ohne Erfahrung und an nur einem Tag. Geht nicht? Geht doch, haben das Diakoniewerk der evangelischen Gemeinde und das Musiklabel "Von der Straße ins Studio" (VDSIS) bei einem Workshop in der Böblinger Kreuzkirche bewiesen.

Artikel vom 09. Juli 2019 - 17:36

Von Jenny Spitzer

BÖBLINGEN. Noch ziemlich verhalten sitzen 15 Kinder um die Tische herum. Vor ihnen stehen Plastikbecher mit Wasser, Papier und Stifte liegen bereit. Die Aufgabe? Überlegen, was ihre Talente sind. Was sie am Besten können, womit sie sich von anderen abheben. Keine leichte Frage. Aber es dauert nicht lange, da tauen die ersten schon auf. Und ein paar Minuten später sprudeln die Antworten nur so hervor. Ob Schwimmen, Fußball spielen, anderen Helfen, Witze erzählen, chillen oder shoppen - jedem Kind fällt etwas ein. Und mehr und mehr gewinnen sie an Selbstvertrauen.

Aber das war nur der leichte Teil. Jetzt werden die genannten Talente zu einem Rap verarbeitet. Den Beat dazu hat das Musiklabel VDSIS bereits mitgebracht. Rappen müssen die Kids ihr gemeinsam entstandenes Werk aber selbst. "Am Anfang sind die Kinder da immer ziemlich schüchtern", weiß Carmen Werthmüller von VDSIS, "aber sobald sie ihre Zeilen im Studio eingesungen haben, platzen sie fast vor Stolz."

Seit fast zehn Jahren bietet das Musiklabel aus Fulda nun schon Rap-Workshops für Kinder und Jugendliche an. Das soziale Projekt will positive Werte vermitteln und jungen Menschen die Deutsche Sprache näher bringen. Der Name "Von der Straße ins Studio" steht dafür, dass jeder bei dem Projekt mitmachen kann. "Man kann sozusagen einfach spontan von der Straße ins Studio kommen", erklärt Carmen Werthmüller. "Singen kann nicht jeder, aber ein paar Zeilen rappen ist schnell gelernt."

In ganz Deutschland bietet das VDSIS-Label solche Workshops an. Das Ergebnis kann sich hinterher durchaus sehen und hören lassen. Über 100 000 Mal werden die VDSIS-Musikvideos auf YouTube geklickt und zeigen, dass Rap mehr ist, als nur vulgäre Provokation. "Es gibt auch positiven Rap", nickt Carmen Werthmüller. "Und man kann auch positiv provozieren." Vor allem aber gehe es bei dem Projekt darum, das Selbstbewusstsein der Kinder zu stärken.

"Es gibt auch positiven Rap"

"Gerade Kinder mit Fluchthintergrund kann man mit diesen Workshops toll stabilisieren", ist Daria Kraft überzeugt. Die Leiterin der Fachstelle Geflüchtete und Integration im Diakoniewerk Baden-Württemberg hat das VDSIS-Team zusammen mit Markus Gerisch, Gemeindereferent der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde, für diesen einen Tag nach Böblingen geholt. Zielgruppe sind auch hier unter anderem Kinder mit Migrationshintergrund.

"Gerade diese Kinder bekommen so oft ihre Defizite gezeigt", bedauert Daria Kraft. "Hier dürfen sie mal beweisen, wie viel sie können und wie einzigartig sie sind." Das Angebot habe sich aber an alle Kinder aus der Gemeinde gerichtet. "Wir sind eine bunt gemischte Gruppe", beschreibt Daria Kraft. "Und obwohl die meisten Kinder sich vorher gar nicht kannten, ist in kurzer Zeit ein richtiger Zusammenhalt entstanden."

Mit etwas Unterstützung des VDSIS-Teams ist ein paar Stunden später auch der Text geschrieben. Jetzt geht es ans Eingemachte. Im oberen Stock der Kreuzkirche ist, während des Textschreibens, nämlich mal eben ein kleines Produktionsstudio entstanden. Hier trudeln jetzt nach und nach die jungen Nachwuchsrapper ein. Zögerlich setzen sie sich die riesigen Kopfhörer auf die Ohren und stellen sich hinter das Mikrofon.

Vor einigen Monitoren sitzt VDSIS-Gründer Timm Fütterer und schneidet die einzelnen Zeilen zusammen, die die Kinder nach und nach einsprechen. Der frühere Profi-Rapper versorgt seine Schützlinge dabei mit Tipps. "Versuch mal, die Betonung auf die erste Silbe zu legen", schlägt er einem Mädchen vor. "Pri - Ma." Aber Rhythmus und Tempo zu finden, ist gar nicht so einfach.

Sprechgesang ist Sprachförderung

"Deshalb ist Rappen auch eine tolle Möglichkeit zur Sprachförderung", erklärt Daria Kraft leise, während sie die Aufnahmen beobachtet. "Da bekommt man ein richtiges Gefühl für die Sprache."

Vor dem provisorischen Tonstudio stehen schon die nächsten Kids in den Startlöchern. Während die einen ihre Aufnahmen kaum abwarten können, haben die anderen eher ein mulmiges Gefühl. Timm Fütterer findet aber für alle beruhigende Worte, hilft beim Tempo etwas nach und motiviert. "Bisher haben wir noch alle vor das Mikro gekriegt", schmunzelt Daria Kraft.

Und wer sich einmal ins Aufnahmestudio getraut hat, kommt mit stolzgeschwellter Brust wieder heraus. "Mein Bauch hat gekribbelt und ich war ganz nervös", meint die neunjährige Giada. "Aber jetzt bin ich echt stolz." Auch die ebenfalls Neunjährigen, Asina und Micha, haben bei den Aufnahmen ihren Spaß. Während Micha sich vorab noch ganz gelassen gibt, hadert Asina aber ein wenig damit, in den Aufnahmen die eigene Stimme zu hören. "Das ist irgendwie peinlich", gibt die Böblingerin zu. "Aber meine Freundinnen sind ja dabei, dann ist es nicht ganz so ungewohnt."

Die meisten Teilnehmer sind durch die Jungschar von Markus Gerisch auf den Workshop aufmerksam gemacht worden. Für den Gemeindereferenten ist es ebenfalls etwas besonderes, seine Schützlinge beim Rappen zu erleben. "Es ist interessant, wie sich die schüchternen Kinder überwinden, die Verse aufzusagen", staunt Gerisch. "Keiner kneift, alle sind integriert, fühlen sich wohl und niemand wird ausgeschlossen."

Würde sich jemand aber wirklich absolut nicht vor das Mikro trauen, wird der auch nicht gezwungen. "Dann gibt es ja noch die Möglichkeit, sich später im Musikvideo stärker einzubringen", bestätigt Carmen Werthmüller. Auch dieses entsteht, so wie die Texte, ziemlich spontan. Während Timm Fütterer den Sprechgesang der Nachwuchs-Rapper aufnimmt, überlegt der Rest des Teams schon mal, wo man das Video drehen könnte. "Schöne Orte finden wir immer", bleibt Carmen Werthmüller da ganz entspannt. "Und wir haben auch für dieses Video schon ein paar Sachen in Aussicht."

Jetzt haben die Kinder aber erstmal Pause und können sich auf dem Fußballplatz ihre Anspannung von der Seele kicken. "Ich hab's geschafft", kommt ein Mädchen jubelnd dazu gerannt. Carmen Werthmüller muss lächeln: "Das ist der schönste Moment", schwärmt sie: "Wenn die Kinder ihre Angst überwunden haben und vor stolz zehn Zentimeter größer geworden sind."

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