Humor: Es fährt ein Bus nach irgendwo

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    Bild: Archiv

Artikel vom 01. Juni 2019 - 00:23

BÖBLINGEN (edi). Neulich nachts im Bus von Böblingen nach Grafenau. Ein älterer Herr, der ganz nahe beim Busfahrer sitzt, erinnert ihn an jedem einzelnen Haltepunkt daran, wo er doch bitteschön aussteigen möchte: „Rathausplatz Dätzingen“, „Halten Sie am Rathaushausplatz in Dätzingen?“ „Da muss ich aussteigen: am Rathausplatz in Dätzingen“. Der Impuls, genervt nach vorne zu preschen und demonstrativ auf das „Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen“-Schild zu zeigen, wird immer stärker. Ablenkung muss her. Also Kopfhörer auf die Ohren, Hörbuch einschalten und die Augen zu. Zwischendurch reißen einen die automatischen Lautsprecheransagen aus dem Dämmerschlaf. „Nächster Halt: Haus der Vereine“, sagt die Frauenstimme aus dem Computer. Kurz die Augen auf und rausschauen – passt! Wir sind in Dagersheim. „Rathausplatz Dätzingen, da muss ich ausstei. . .“, dringen noch ein paar Worte ans Ohr, dann fallen die Augen wieder zu. Die Minuten vergehen. . . „Nächster Halt: Rathausplatz Dätzingen“, teilt die automatische Stimme schließlich mit. Die Augen suchen in der Dunkelheit nach Orientierung. Irgendwie will die Umgebung nicht zu der Ansage passen. Der Bus ist mit hohem Tempo auf der B 464 unterwegs, lässt gerade Böblingen hinter sich und fährt in Richtung Holzgerlingen. Plötzlich sind die Augen ganz weit aufgerissen. Was geschieht hier? Werden wir entführt? Sind wir auf der Flucht? Ist der Busfahrer wegen der Dauer-Bequasselung übergeschnappt? Oder ist da womöglich eine Bombe an Bord, die explodiert, sobald der Bus unter eine bestimmte Geschwindigkeit kommt? Plötzlich macht es Klick im Hirn. Richtig, da war ja was! Stand doch in der Zeitung: Der Tunnel ist über Nacht gesperrt. Der Fahrer hat das anscheinend nicht mitbekommen. Jetzt hat der Kondukteur ein Malheur. Aber deswegen gleich ein Dutzend Kilometer in die komplett andere Richtung fahren? Das erscheint dann doch ein bisschen übertrieben. Offenbar ist der arme Kerl abseits seiner gewohnten Route komplett orientierungslos. Die wenigen Fahrgäste, die um diese Uhrzeit unterwegs sind, nehmen die Extra-Runde erstaunlich gelassen. Einer läuft nach vorne zum Fahrer und lotst ihn freundlich zurück an die gesperrte Tunneldurchfahrt in Darmsheim, von dort nach Maichingen und danach über die Felder nach Döffingen bis hin zum Endpunkt der Reise. Und der heißt – man ahnt es schon – Rathausplatz Dätzingen. Oder wie der Busfahrer ihn wohl nach dem Ausstieg eines gewissen Fahrgasts fortan nennen dürfte: „Platz des Himmlischen Friedens“.

Aus unserer Samstagshumorkolumne ("Bonbons")

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