Böblingen: Archäologen stoßen auf 400 Jahre altes Säuglingsskelett

Bei Bauarbeiten in der Unteren Gasse in Böblingen machen Archäologen einige erstaunliche Entdeckungen

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    Funde bei den Ausgrabungen auf einer Böblinger Baustelle geben den Archäologen Rätsel auf: Was hat sich damals vor rund 400 Jahren im Böblinger Stadtkern zugetragen? Foto: red
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    Legende KRZ-Foto:

Der Bau eines Mehrfamilienhauses in der Altstadt förderte ungewöhnliche Zeugnisse aus der frühen Neuzeit zutage. Neben rund 30 Nachgeburtstöpfen stießen Archäologen auf ein komplettes Säuglingsskelett. Ein Fund, der auch für die Experten ungewöhnlich ist.

Artikel vom 15. April 2019 - 17:28

Von Michael Stürm

BÖBLINGEN. Dort, wo Böblingen früher einmal endete, rückten im vergangenen Sommer die Bagger an. Unterhalb des Neuen Rathauses in der Unteren Gasse 15 sollte ein Mehrfamilienhaus entstehen. Ein Standort, der auch die Archäologen neugierig machte. Denn das bisher als Parkplatz genutzte Grundstück grenzt direkt an die ehemalige Böblinger Stadtmauer.

Als die Baugrube vor einem Jahr ausgehoben wurde, waren daher auch Archäologen vor Ort, um die Überreste des schon lange abgerissenen Hauses zu dokumentieren. Keineswegs überrascht waren die Fachleute darüber, was sie zunächst im Untergrund vorfanden: Teile der Stadtmauer sowie der direkt daran angebaute und noch vollständig erhaltene Keller des Hauses.

Nicht unbedingt erwartet hatten die Graber jedoch, was sie entlang der Kellerwände fanden: Etwa 30 teilweise in Scherben zerbrochene Gefäße. Die vor Kurzem abgeschlossene Analyse dieser Funde ergab nun, dass diese Tontöpfe vor etwa 300 bis 400 Jahren dort vergraben worden waren und Nachgeburten beinhalteten. Dass Geburtsreste in Gefäßen im Keller deponiert werden, ist ein Brauch, der seit dem Mittelalter bekannt ist (siehe Hintergrund).

In Böblingen gab es bisher noch keinen Fund, der dieses Phänomen nachweist. Die Töpfe aus der Unteren Gasse sind die ersten Belege in der Stadt. Einzigartig in Baden-Württemberg ist hingegen wohl, was der Keller des ehemaligen Hauses an seiner Nordseite freigab: ein komplett erhaltenes Skelett eines Säuglings, das wohl in Stoff gewickelt oder bekleidet dort abgelegt wurde. Der Fund wurde unmittelbar nach seiner Entdeckung im vergangenen Jahr in die Obhut der Wissenschaftler übergeben.

Um herauszufinden, wann das Baby in dem Keller verscharrt wurde, inspizierten Spezialisten in Mannheim die menschlichen Überreste. Sie kamen jetzt zu dem Ergebnis, dass dies um das Jahr 1650 geschehen sein muss, also zur Zeit als in Europa der Dreißigjährige Krieg gerade zu Ende war. Ein Anthropologe wies nach, dass es sich bei dem Kleinkind um keine Frühgeburt handelte. Das Kind, teilt das Landesamt für Denkmalpflege mit, sei wohl "um oder bald nach der Geburt gestorben".

Warum das Kind nicht, wie damals üblich, auf einem Friedhof begraben wurde, ist bisher nicht bekannt. Denkbar ist, dass es eines unnatürlichen Todes gestorben ist, oder dass dessen Existenz verborgen bleiben sollte. Dass diese Art der Bestattung ungewöhnlich ist, darüber sind sich die Experten einig. Um mehr über die Hintergründe des Schicksals dieses Erdenbürgers zu erfahren, sollen noch weitere Untersuchungen angestellt werden. Von einer DNA-Analyse versprechen sich die Forscher zum Beispiel Aufschluss darüber, ob sich in dem Körper Krankheitserreger befunden haben. Wann diese Untersuchungen stattfinden, ist noch nicht klar.

Fund darf nicht in der Stadt Böblingern bleiben

Geklärt ist jedoch bereits, dass dieser Fund nicht in der Stadt bleibt und Teil eines vielleicht einmal realisierten Böblinger Stadtmuseums werden wird. Dafür sorgt das Denkmalschutzgesetz. "Bewegliche Kulturdenkmale" heißt es dort, "werden Landeseigentum, wenn deren Eigentümer nicht mehr zu entdecken ist und wenn sie für die Forschung interessant sind".

Letzteres haben die Denkmalsachverständigen des Landes bereits beantwortet: "Es steht außer Frage, dass das Säuglingsskelett von hervorragendem wissenschaftlichen Wert ist", schreibt das zuständige Regierungspräsidium.

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