Müssen die Real-Beschäftigten um ihren Job bangen?

Metro verhandelt mit potenziellen Käufern für die Real-Märkte - Betriebsrätinnen der Märkte am Röhrer Weg und auf der Hulb rechnen mit dem Schlimmsten

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    Werden die Real-Märkte an einen Immobilieninvestor verkauft? Foto: Thomas Bischof/Archiv

Artikel vom 10. April 2019 - 11:26

BÖBLINGEN (red). Die Verhandlungen zum Verkauf der Metro-Tochter Real sind in vollem Gange. Der Konzern führt Gespräche mit verschiedenen Bietern. Die etwa 350 Real-Beschäftigten in Böblingen müssen mit dem Schlimmsten rechnen, heißt es in einer Pressemitteilung: weitere Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen oder gar Verlust des Arbeitsplatzes. Beim zehnten politischen Brunch des Verdi-Ortsvereins Kreis Böblingen und der Evangelischen Betriebsseelsorge berichteten Betriebsrätinnen der Real-Märkte auf der Hulb und am Röhrer Weg über ihre Sorgen aufgrund des beabsichtigten Verkaufs des Konzerns mit rund 34 000 Beschäftigten an einen Immobilieninvestor.

"Rasend schnell verändert sich die Welt bei Real", führt Betriebsseelsorger Andreas Hiller in das Thema ein. Seit Jahren schwelt der wirtschaftliche Niedergang bei der Handelskette der Metro AG mit derzeit bundesweit 274 Märkten. Einzelne Märkte wurden bereits geschlossen, der Konzern verlässt die Tarifbindung, beschließt letztes Jahr den kompletten Verkauf aller Märkte.

"Kaufland" war zunächst als Käufer im Gespräch, letzte Woche dann war in der Zeitung zu lesen, dass die Häuser möglicherweise an einen Immobilieninvestor gehen. Wie es angesichts dieser Unsicherheit den Mitarbeiterinnen geht, will Hiller von den anwesenden Betriebsrätinnen wissen. "Wir fragen uns: Hab ich morgen meinen Job noch?", sagt Edeltraud Bihlmaier, Betriebsratsvorsitzende des Real-Marktes am Röhrer Weg. Sie vertritt 94 Beschäftigte, die meisten Frauen und die meisten in Teilzeit, in dem größeren Real-Markt auf der Hulb arbeiten derzeit 265 Menschen. Niemand weiß wie es weitergeht, das ist die größte Belastung der Beschäftigten.

Real dementiert die Gerüchte

Auf Nachfrage widerspricht die zuständige Real-Pressesprecherin Alja-Claire Dufhues den Gerüchten um eine etwaige Schließung der Märkte in Böblingen: "Es gibt derzeit keinerlei Planungen für Veränderungen zu unseren real Märkten in Böblingen." Zwar ist die Wirtschaftspresse voll von Nachrichten über den Verkauf der Metro-Sparte. Doch Dufhues entgegnet: "Etwaige Gerüchte entbehren jeder Grundlage."

Die Aussagen dürften die Real-Beschäftigten in Böblingen nur vorübergehend beruhigen. Wenn überhaupt. "Es bleibt nichts wie es ist", stellt Edeltraud Bihlmaier als Vertreterin der "Realos", wie sie ihre Leute nennt, fest. Sie sehen, wie die Häuser in den letzten Jahren heruntergekommen sind, zum Teil bleiben Regale leer und es sind viel zu wenig Mitarbeiter. Von 20 bis 22 Uhr sind bloß noch die Kassen besetzt, die Theken sind geschlossen. Seit drei Jahren gilt ein Sanierungstarifvertrag, was bedeutet, dass die Gehälter stagnieren, Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen sind. Dafür werden, quasi mit dem von den Beschäftigten eingesparten Geld die maroden Märkte notdürftig aufgepeppt.

"Die Beschäftigten müssen die Kosten tragen", schließt Suzana Tedesco, die zuständige Verdi-Gewerkschaftssekretärin. Dazu kommt, dass für die neu eingestellten Mitarbeiter ein Tarifvertrag gilt, den die Geschäftsleitung mit der "DHV - Die Berufsgewerkschaft" abgeschlossen hat, einer Organisation, von der nicht klar ist, ob sie rechtlich überhaupt eine Gewerkschaft ist.

Für die neuen gelten Mini-Löhne: Die Verdi-Kollegin bekommt 2879 Euro im Monat bei einer 37,5 Stunden-Woche, der neue Realo tausend Euro weniger für 40 Stunden Arbeit. "Alles legal, eine Riesensauerei," ärgert sich Susana Tedesco. Und ein schlechtes Vorbild für die gesamte Branche.

Schwer auszuhalten für die Verdi-Frau, dass das Gesetz dies zulässt: "Existenzen werden aufgrund von Profitgier vernichtet." Denn die Lage ist für die Beschäftigten besonders unsicher, wenn die Märkte an Finanzinvestoren gehen. Veräußert werden dann bloß die Grundstücke, malt Arbeitsrechtler Ehrenfried Goericke das Szenario auf. Dann könnten die Gebäude saniert und dafür fünf Monate geschlossen werden - und die Mitarbeiter landen auf der Straße. Sich wehren ist nicht einfach und die Chancen für die Realos bleiben trotzdem schlecht.

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