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Mit Scharfsinn und Empathie

Buch-Tipp

Artikel vom 17. März 2019 - 19:18

Von Roland Häcker

Der Jerusalemer Literaturprofessor Dror Mishani versteht sein Handwerk als Kriminalschriftsteller, erforscht er doch dieses Genre wissenschaftlich. Der Ermittler in seinen bisher drei Romanen ist ein Detektiv im Wortsinn. Avi Avraham deckt Zusammenhänge auf, die seine Kollegen in der Alltagsroutine leicht übersehen. Dabei ist Avi ein eher zurückhaltender Typ, der manchmal an sich selbst und seiner Arbeit zweifelt. Seine Stärke: Er kann sich in Opfer und Täter einfühlen. Warum, fragt er sich, begeht jemand eine Untat? Was verbindet Opfer und Täter?

Auch der Roman "Die schwere Hand" spielt in Cholon, einem recht gesichtslosen, industriell geprägten Vorort von Tel Aviv. Der Fall: Eine Frau wurde umgebracht. Sie war einige Jahre zuvor Opfer einer Vergewaltigung. In Verdacht geraten ihr Sohn, mit dem sie seit Langem keinen Kontakt mehr hatte, und ein Polizist. Ihn will ein Zeuge in der Nähe des Tatorts gesehen haben. Und welche Rolle spielt die Frau, die unglücklich mit einem Australier verheiratet ist? Auch sie wurde sexuell missbraucht. Avi verbeißt sich in diesen komplexen Fall. Leider merkt er nicht, dass er inzwischen seine slowenische Freundin Marianka vernachlässigt. Die ist gerade bei ihm zu Besuch. Mariankas Eltern wollen nicht, dass ihre Tochter sich mit diesem eigenwilligen Tel Aviver Polizisten einlässt.

"Die schwere Hand" ist ein leiser Kriminalroman, dessen Stärke nicht in vordergründiger Action liegt, sondern in der psychologischen Durchdringung der Geschichte. Man fühlt sich an Simenons Maigret erinnert.

Dror Mishani: "Die schwere Hand" Verlag Zsolnay, 2018.