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Kurioses aus der Geschichte des Saxofons in Leonberg

Das Quartett Belle Époque präsentiert im Leonberger Theater im Spitalhof historische Saxofonmusik auf originalen Instrumenten

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    Auf historischen Instrumenten spielte das Quartett Belle Époque mit Nikola Lutz, Thomas Reil, Andreas Francke und Harald Schneider (von links) unter anderem frühe Saxofonmusik Fotos: Bernd Epple
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    Heute ein Kuriosum, früher ein normales Instrument: Thomas Reil hält den schlangenförmigen Serpent. Dahinter weitere Instrumente seiner Sammlung, wie die Ophikleide (drittes von rechts)

Ein Blasinstrument in Schlangenform, eine Posaune mit sechs Ventilen und sieben Schalltrichtern und ein Konkurrenzkampf zwischen Instrumentenbauern - das Konzert von Belle Époque am Dienstag im Leonberger Theater im Spitalhof bot Kurioses aus der Musikgeschichte und qualitativ hochwertige Saxofonmusik.

Artikel vom 14. März 2019 - 17:42

Von Florian Ladenburger

LEONBERG. Adolphe Sax war ein Teufelskerl. Als Kind hieß der Belgier noch Antoine Joseph und überlebte eine Reihe von Unfällen. Er stürzte eine Treppe hinunter, verschluckte eine Stecknadel, wäre fast in einem Fluss ertrunken, an einem Schluck Vitriol gestorben und in den Dämpfen der väterlichen Werkstatt erstickt. Trotzdem - oder gerade deswegen - hatte er einen unglaublichen Erfindergeist.

Eine Dampforgel, eine Signalanlage für die Eisenbahn und eine Superkanone sind seinem Hirn entsprungen. Doch heute kennt man den Daniel Düsentrieb des 19. Jahrhunderts, geboren 1814 im Süden Belgiens, nur für eine Erfindung: das Saxofon. Das Patent dafür wurde am 21. März 1846 eingetragen. Damit ist das Musikinstrument noch nicht einmal 200 Jahre alt.

Ein Konzert für das Küken der Blasinstrumente

Und diesem Küken der Blasinstrumente widmete am Dienstag das Saxofon-Quartett Belle Époque ein ganzes Gesprächskonzert, also eine Art Vortrag, unterbrochen von mehreren Musikblöcken. Nikola Lutz am Sopransaxophon, Thomas Reil am Altsaxophon, Andreas Francke am Tenorsaxofon und Harald Schneider am Baritonsaxofon spielten dabei unter anderem Musik aus der Anfangszeit des Instruments. Darunter das Premier Quatuor von Jean-Baptiste Singelee, das älteste noch erhaltene Originalwerk für Saxofonquartett aus dem Jahr 1857.

Verschiedene Originalkompositionen der damaligen Zeit waren von zeitgenössischen Komponisten inspiriert. Einige Stücke des Konzerts erinnerten an Beethoven oder Mendelssohn. Andere Werke wurden für Saxofon bearbeitet. So spielten die Musiker auch Kompositionen von Tschaikowski, später auch Moderneres wie die bekannte Titelmusik des Kino-Klassikers "Der dritte Mann". Das wurde im Original eigentlich auf der Zither gespielt. Ob alt oder neu - die vier Musiker waren ein hörbar eingespieltes Team und lieferten hohe musikalische Qualität, trotz einer Schwierigkeit: Sie spielten auf historischen Instrumenten. Zwar keine, die von Sax selbst gebaut wurden - das wäre aus konservatorischen Gründen fahrlässig gewesen - aber auf Instrumenten der Zeit, die Sax's Instrumenten sehr nahe kamen, so Thomas Reil.

Diese seien vom Ansatz und von der Intonation schwieriger zu spielen, erklärten die Musiker. Außerdem sei auch die Grifftechnik ungewohnt. Moderne Saxofone haben mehr Verbindungshebel, mit denen man manche Klappen leichter greifen kann. Der Erfinder Sax hätte das damals zwar auch machen können, doch wäre damit die Herstellung teurer und damit die Vermarktung schwieriger geworden. Zudem hatte Sax sein Fon als Militärinstrument konzipiert und als solches sollte es möglichst störungsarm sein. Deswegen baute er nur so viel Schnickschnack wie nötig dran.

Das Soprillo ist gerade einmal 30 Zentimeter groß

Das war mit ein Grund, warum es aus Metall gebaut wurde. Trotzdem ist es ein Holzblasinstrument. Die Streber wollen hier gleich erklären: "Weil das Blättle aus Holz ist!" Thomas Reil korrigierte das. Denn das sogenannte Blättle im Mundstück, mit dem der Ton erzeugt wird, gehört eigentlich zu den Gräsern. Die Klassifizierung Holzblasinstrument richtet sich nach der Erzeugung des Tons. Deswegen ist eine Flöte, die komplett aus Metall ist (ohne Holz- oder Grasblättle) trotzdem ein Holzblasinstrument.

Um das Ganze auf die Spitze zu treiben, spielte Nikola Lutz dann noch ein kleines Solo auf ihrem Tárogató - ein Saxofon aus Holz, entwickelt um 1895 in Ungarn. "Manches sieht aus wie ein Saxofon, ist aber eine Klarinette und umgekehrt", sagte Thomas Reil abschließend zum Instrumenten-Verwirrspiel.

Ein weiterer Unterschied zwischen neu und alt? Das Gewicht. Wiegen heutige Saxofone etwa 1400 Gramm, brachten die alten gerade einmal 700 Gramm auf die Waage. Das liegt schon daran, dass die Instrumente früher kürzer waren und eben weniger Schnickschnack hatten.

Die präsentierten Instrumente, knapp 20 an der Zahl, stammten aus der Sammlung von Thomas Reil. Der hat insgesamt an die 1500 Klarinetten, Saxofone und auch manche Kuriosität zusammengetragen. In der Pause wurde er dazu regelrecht mit Fragen überhäuft. Mit Freude präsentierte er zum Beispiel den Serpent, ein schlangenförmiges Blasinstrument. Auch das Soprillo zog viele Blicke auf sich. Dabei handelt es sich um die kleinste Art des Saxofons, gerade einmal 30 Zentimeter groß.

Zwischen den kurzen Vorträgen der Musiker, die durch Bilder auf einer Leinwand anschaulich illustriert wurden, spielten die Musiker jeweils mehrere Stücke und kosteten damit den warmen Klang des Instruments voll aus. Läufe gingen ineinander über, Harmonien schwebten leise getragen durch den Raum. Mancher Zuschauer schloss genussvoll die Augen.

Auch der Pate des Saxofons wurde vorgeführt, die Ophikleide. Das Blechblasinstrument ähnelt von der Form einem Fagott, hat große Klappen wie ein Saxofon und ein Mundstück wie eine Trompete. Daraus entwickelte sich später die Tuba. Mit im Gepäck hatte er auch ein Klappenhorn, eine Art Trompete mit Saxofon-Klappen. Daraus entwickelte sich später das Flügelhorn.

Das Sarrusophon war eine Kampfansage an das Saxofon

So genial Sax' Erfindergeist auch war - er war nicht der Einzige. Der Belgier lebte in einer Zeit, in der es Mode war, Instrumente zu erfinden. So wurde 1856, kaum zehn Jahre nach dem Saxofon, das Sarrusophon erfunden, von - Überraschung - Pierre-Auguste Sarrus. Es war auch aus Metall, mit ähnlichem Klappensystem versehen, hatte aber ein anderes Mundstück - eine Kampfansage an Adolphe Sax. Doch die Geschichte zeigt: Die Zahl der Sarrusophone in modernen Orchestern ist äußerst klein.

Viel hatte Sax davon aber nicht. Immer wieder musste er vor Gericht gehen, um sich als Erfinder zu behaupten. Mitarbeiter plauderten Produktionsgeheimnisse aus, Musiker weigerten sich, auf seinen Instrumenten zu spielen und als sein Patentschutz abgelaufen war, konnte sowieso jeder sein eigenes Saxofon bauen. Sax musste Insolvenz anmelden, lebte von einer kleinen Rente und starb verarmt und nahezu vergessen in Paris.

Heute ist eine Welt ohne Saxofone, zumindest für Nikola Lutz, nicht mehr vorstellbar. Wer erlebt hat, mit welcher Spielfreude das Quartett Belle Époque durch die Saxofon-Geschichte wanderte, kann sich dieser Meinung nur anschließen. Das Publikum gab langanhaltenden Applaus.

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