Polizei-Medienprojekt: Kinder und Jugendliche im Netz

Smartphone, Tablet und PC gehören für Kinder längst zum Alltag - Viele Eltern sind besorgt - Die Polizei klärt auf

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    Albtraum für Eltern: Im Internet gelangen Kinder ganz leicht auf Seiten mit verstörenden, teilweise auch gefährlichen Inhalten Fotos: Langner
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    Jürgen Hach im Gespräch mit Eltern. Im Hintergrund rechts: Schulsozialarbeiterin Ute Bayer

"Sicherheit im Umgang mit digitalen Geräten und Medien" unter diesem Motto stehen die Vorträge, mit denen Jürgen Hach Schulklassen und Eltern berät. Der Präventionsbeamte des Polizeireviers Leonberg setzt auf Fachwissen, Humor und eine Prise Einschüchterung.

Artikel vom 01. März 2019 - 18:00

Von Eddie Langner

KREIS BÖBLINGEN. Eine Grundschülerin wacht in der Nacht schreiend auf. Sie hat Albträume. Der Grund ist eine gruselige Ketten-Whatsapp-Nachricht. Darin droht ein vermeintliches Unfallopfer namens Momo aus dem Jenseits mit schlimmen Konsequenzen, falls die Nachricht nicht an 15 Empfänger weitergeleitet wird.

Anderes Beispiel: Ein Teenager speichert ein Bild seines Lieblings-Fußballers von einer Internetseite und macht es zu seinem Profilbild. Ein paar Tage später finden seine Eltern ein Anwaltsschreiben im Briefkasten. Es ist eine Abmahnung wegen "unerlaubter Übernahme und Verbreitung von Bildern in sozialen Netzwerken". Die Strafe: 800 Euro.

Oder dieser Fall: Ein Junge unterhält sich über die Chat-Funktion eines Videospiels mit einem angeblich gleichaltrigen Mitspieler. Was er nicht ahnt: Sein Chat-Partner ist in Wahrheit 30 Jahre älter und ein vorbestrafter Sexualstraftäter.

Diese und weitere Szenarien beschreibt der Präventionsbeamte Jürgen Hach in seinem Vortrag, den er regelmäßig an insgesamt 23 Schulen im Norden des Landkreises hält. Zuletzt sprach er unter anderem bei einem Informationsabend für Eltern von Kindern der Klassenstufen 5, 6 und 7 an der Realschule Weil der Stadt. Dort gestaltet Schulsozialpädagogin Ute Bayer vom Verein für Jugendhilfe für die sechste Klassenstufe jedes Jahr ein Medienerziehungsprojekt namens "Verklickt". In insgesamt drei Doppelstunden behandelt die Leonbergerin eine multimediale Unterrichtseinheit, die in Zusammenarbeit zwischen Polizei und dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik entstanden ist. "Ich biete dieses Präventionsprojekt seit mittlerweile drei Jahren an", sagt Bayer, die seit 2015 an der Realschule Weil der Stadt tätig ist.

Die letzte Doppelstunde gestaltet sie jeweils gemeinsam mit Jürgen Hach vom Polizeirevier Leonberg. Der Polizeioberkommissar blickt zurück auf 30 Dienstjahre. Nach anfänglicher Tätigkeit bei der Autobahnpolizei und später beim Polizeiposten Rutesheim wechselte er schließlich in die Präventionsarbeit. Seine Einsatzgebiete reichten von Kinder- und Jugendkriminalität bis hin zu Internetkriminalität, Drogen- und Alkoholmissbrauch.

Seit drei Jahren besteht Jürgen Hachs Hauptaufgabe darin, vor Menschen zu sprechen. Vor allem für Schulkinder und ihre Eltern, aber auch für Senioren hält er Vorträge zum "Enkeltrick" oder zur Betrugsmache mit falschen Polizeibeamten.

Bei dem Informationsabend an der Realschule Weil der Stadt bekommen die Eltern einen Eindruck davon, wie der 51-Jährigen Familienvater bei seinen Klassenbesuchen Fachwissen und Humor mit einer kleinen Prise Einschüchterung vermischt. Zum Beispiel, wenn er die Kinder fragt, wer den schon alles auf Whatsapp ist. "Da gehen dann immer fast alle Hände hoch", berichtet er amüsiert, wie die Sechstklässler dabei offenbar stets vergessen, wen sie da vor sich haben. Wenn Hach die Kinder daran erinnert, dass die Kurznachrichten-App laut Allgemeinen Geschäftsbedingungen erst ab 16 Jahren erlaubt ist, schaut er jedesmal in ziemlich betretene Gesichter. "Da herrscht dann Totenstille. Den Moment genieße ich immer", erzählt er mit breitem Grinsen.

Vorsicht bei Profilbildern

"Meine Mama war's", höre er in diesem Zusammenhang gerne mal als Ausrede - und tatsächlich werfen einige Eltern, die Hach an diesem Abend gegenübersitzen, sich ihrerseits peinlich berührte Blicke zu. Lächelnd klärt der Präventionsbeamte darüber auf, dass die Einhaltung von AGBs bei der Polizei keine Rolle spiele.

"Für den Zuckerberg aber schon", verweist er auf den ungenierten Datenhandel, den der Facebook-Konzern mit seinen Kunden - und dazu gehören auch Whatsapp-Nutzer - betreibt. Hach mahnt deshalb zur großer Vorsicht beim Thema Profilbilder. Abgesehen vom eingangs beschriebenen Problem mit Urheberrechten, lauern hier noch viele weitere Fallen. Zum Beispiel beim Selfie mit der besten Freundin. Wenn deren Eltern nicht wollen, dass ein Bild der Tochter als Profilbild durchs Netz geistert, kann das mächtig Ärger geben. Noch schlimmer, wenn ein Profilbild Triebtäter anlockt - oder andere Menschen, die man eigentlich so weit wie möglich von seinem Kind fernhalten will. Der Polizist hat deshalb einen simplen Rat, der übrigens auch für Erwachsene gilt: Profilbilder am besten mit der eigenen Kamera schießen und dafür ein unverfängliches Motiv wählen - ein Stofftier vielleicht, oder ein paar schicke Kickstiefel.

Sonst könne es theoretisch passieren, dass die Kinder eines Tages im Supermarkt ihr eigenes Gesicht auf einem Nutella-Glas entdecken. Mit dem Akzeptieren der AGBs übertrage man nämlich sämtliche Nutzungsrechte an den Konzern. "Deshalb dürfen die mit den Profilbildern machen, was sie wollen", betont Hach. Wenn Eltern das nicht wollen, können sie ihre Kinder sperren lassen. Bei Facebook und Instagram liegt das Mindestalter übrigens bei 13 Jahren.

Dass Kinder bereits ab Klassenstufe 5 ein Smartphone haben, über Whatsapp chatten oder zum Teil schon einen eigenen Youtube-Kanal haben - für den Präventionspolizisten Jürgen Hach gehört dies alles längst zum normalen Alltag. Sein Ansatz ist daher nicht, Smartphones, Computer und Apps zu verteufeln. Auch die vielzitierte Verrohung der Sitten kann der Polizist so nicht bestätigen. Allerdings stelle er fest, dass Kindern und Jugendlichen in Fällen von Beleidigungen oder Mobbing auf digitalen Plattformen oft gar nicht bewusst ist, dass sie es mit ihren Opfern zu weit getrieben haben.

Angstmache sei nicht nicht sein Ziel. "Aber vielleicht ein bisschen Kopfkino", lächelt er verschmitzt, nachdem er den Eltern gerade beschrieben hat, wie er Kindern bei Unterrichtsbesuchen sehr anschaulich und auch ziemlich abschreckend das Szenario einer Hausdurchsuchung samt Beschlagnahmung sämtlicher Digitalgeräte schildert. Präventionsarbeit bestehe für den Polizeibeamten stattdessen darin, zu informieren und für Probleme zu sensibilisieren - Kinder ebenso wie Eltern.

Genau darum geht es auch in dem Medienprojekt, das er gemeinsam mit Schulsozialarbeiterin Ute Bayer in Weil der Stadt anbietet. Im Zentrum der Unterrichtseinheit steht ein auf Kinder und Jugendliche zugeschnittener Film namens "Verklickt". Bei dem Informationsabend an der Realschule bekommen auch die Eltern einen Ausschnitt davon zu sehen. Der Film greift ganz alltägliche Themen aus dem Alltag von Jugendlichen auf und zeigt, welche Probleme und Gefahren aus dem sorglosen bis rücksichtslosen Umgang mit digitalen Medien entstehen können.

Da leiht zum Beispiel ein Mädchen einer Freundin ihren Laptop samt Passwort. Der Leichtsinn hat nicht nur für die Besitzerin des Laptops schlimme Folgen. In einer anderen Szene wird das Mädchen unfreiwillig zum Lustobjekt, weil sie nach dem Duschen unbekleidet durch ihr Zimmer läuft - ohne zu bemerken, das ihre Laptopkamera aktiv ist. Aus genau diesem Grund verteilt der Polizist bei seinem Schulbesuch kleine, kreisrunde Sticker, mit denen sich die Kameras von Handys, Tablets und Notebooks ganz einfach abkleben lassen.

Vertrauen statt Strenge

In dem Film wimmelt es nur so von Beispielen für Fehlverhalten von Jugendlichen, aber auch von Eltern. Jürgen Hach hat deshalb auch für Mütter und Väter eine wichtige Botschaft: "Hören Sie zu, schauen Sie hin", mahnt er. Bestrafungen wie Handyentzug oder Internetsperre mögen vielleicht kurzfristig Wirkung zeigen, auf Dauer helfe Kindern aber nur die Gewissheit, dass sie mit ihren Sorgen und Problemen jederzeit zu ihren Eltern kommen können.

  Nützliche Internetseiten
    http://www.polizeifürdich.de - Informationen rund um Jugendschutz, Jugendkriminalität und andere Themen.
    praevention.polizei-bw.de - umfassende Übersicht zu sämtlichen Kriminalitätsfeldern von Digital bis Drogen.
    http://www.polizei-beratung.de - hier sind unter anderem Links zum Medienpaket "Verklickt" und zu der sehr hilfreichen Broschüre "Klicks-Momente" für Eltern und Erziehungsberechtigte.
    http://www.app-geprüft.net - Risikobewertungen von bei Kindern beliebten Apps.
    http://www.klicksafe.de - EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz.
    http://www.juuuport.de - Hilfe bei Mobbing und Hasskommentaren im Netz.
  http://www.handysektor.de - medienpädagogische Seite mit vielen Tipps und Infos rund um Smartphones, Tablets und Apps.
    http://www.spielbar.de - hier informiert die Bundeszentrale für politische Bildung über Videospiele und sagt, für welches Alter diese geeignet sind.
    http://www.juuuport.de - Hilfe bei Mobbing und Hasskommentaren im Netz.
 

 

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