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Seine Sprache war geschmeidig, musikalisch und virtuos

Buch-Tipp

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Artikel vom 01. März 2019 - 17:30

Von Jan Renz

In der Nachrichtenredaktion der "Frankfurter Rundschau" kursierte eine Geschichte: Zwei Redakteure der Zeitung wollten sich mit Marcel Reich-Ranicki treffen, um ihn zu entzaubern und der Lächerlichkeit preiszugeben. Sie kehrten als Marcel-Reich-Ranicki-Fans zurück.

MRR war eine einzigartige Erscheinung und ein großer Essayist. Er konnte über Bücher sprechen, dass alle (auch Schüler) gebannt zuhörten. Er konnte über Bücher schreiben, dass man staunte. Er war nicht der einflussreichste deutsche Literaturkritiker seiner Zeit, wie oft zu lesen ist, sondern der einflussreichste deutsche Kritiker überhaupt. Diesen Status verdankte er dem Fernsehen: Es machte ihn zum Medienstar. Allerdings sollte man ihn nicht nach seinen TV-Beiträgen beurteilen. Seine Essays haben ein ganz anderes Niveau.

Marcel Reich-Ranickis war als Literaturchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein Nachfolger Friedrich Sieburgs. Wie MRR war Sieburg der mächtigste Literaturkritiker seiner Zeit, er schrieb aber nicht so aufregend und temperamentvoll wie MRR, sondern deutlich trockener und gediegener. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Sieburg in Gärtringen. Er starb 1963 in der Villa Schwalbenhof. Beide leiteten viele Jahre die Redeaktion Literatur und literarisches Leben der FAZ. Marcel Reich-Ranicki hat einen prägnanten Essay über seinen Vorgänger geschrieben.

Natürlich war Marcel Reich-Ranicki ein bedeutender Literaturkritiker. Er war aber auch ein glänzender Stilist und ein Meister der deutschen Sprache. Er hat viel vom Essayisten Heinrich Heine gelernt, in seinen besten Momenten kommt er ihm nahe. Wie Heine besitzt auch Reich-Ranickis Sprache Geschmeidigkeit, Musikalität und Virtuosität, vor allem aber eine konkurrenzlose Anschaulichkeit. Für alles findet er eine treffende Formel.

Konkurrenzlose Anschaulichkeit

Früh zitiert er in diesem Buch Novalis: "Formeln für Kunstindividuen finden". Für solche Formeln hat der "Literaturpapst" eine Schwäche. Sie sind seine Stärke. Über Martin Walsers "Halbzeit" schreibt der Kritiker etwa: "Vielleicht noch nie hat ein so schlechtes Buch eine so große Begabung bewiesen." Er hat sich zu fast allen wichtigen Autoren der Gegenwart geäußert, nur zu einem nicht: Ernst Jünger. Seine wichtigsten Kritiken zur deutschen Literatur nach 1945 sind nun in einem Band versammelt.

Mehrere Dinge bestechen: Seine Liebe zur Literatur und zur Sprache: In den Aufsätzen fällt die Kultiviertheit auf. Seine Klarheit: Man muss keinen Satz, zweimal lesen. Seine Prägnanz und sein Temperament: Er war nicht in der Lage, auch nur eine langweilige Seite zu schreiben. Seine Belesenheit, sein weiter Horizont: Er befand sich immer auf der Höhe seines Gegenstandes. So beschwert auch dieser Band, obwohl von einem unerbittlichen Kritiker stammend, reichlich Leseglück. Reich-Ranicki verstand sich auch als Pädagoge, daher die Neigung, unentwegt Zensuren zu erteilen.

Über die Geschichte der deutschen Literatur hat er schon geschrieben, als nächstes wäre ein Band über Weltliteratur fällig. Denn auch zu ihr hat sich der Kritiker geäußert.

Reich-Ranickis große Sorge war es, eines Tages in Vergessenheit zu geraten. Sie ist wohl unbegründet.

Marcel Reich-Ranicki: "Meine deutsche Literatur seit 1945". Herausgegeben von Thomas Anz. DVA, 2015.
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