Nadja Verena Marcin präsentiert im Schauwerk Sindelfingen ihre Unterwasser-Performance

  • img
    Bei der Presseführung war sie noch im Blümchenjäckchen. Am Sonntag wird die Künstlerin Nadja Verena Marcin im Schauwerk Sindelfingen in einem weißen Kleid in das schon aufgebaute Aquarium im Hintergrund steigen. Das ist Teil ihrer Ausstellung Ophelia Fotos: Florian Ladenburger

Es ist eine Premiere für das Schauwerk Sindelfingen. Zum ersten Mal zeigt es eine Performance: Ophelia von der in Würzburg geborenen Nadja Verena Marcin. Das Werk, das aus einer Live-Aktion und einer Videoskulptur besteht, wurde vorher schon in New York, San Francisco und Köln gezeigt.

Artikel vom 09. Februar 2019 - 12:00

Von Florian Ladenburger

SINDELFINGEN. Wir haben das doch alle schon einmal als Kind gemacht. In der Badewanne den Kopf unter Wasser getaucht und drauf los geblubbert. Nadja Verena Marcin ist Jahrgang 1982 und damit heute kein Kind mehr. Doch am Sonntag wird auch sie unter Wasser blubbern. Nicht zu Hause in der Badewanne, nein, im Schauwerk Sindelfingen, in einem Aquarium. Sie blubbert auch nicht irgendwas, sondern rezitiert aus dem Gedicht "The Werld" des russischen Schriftstellers Daniil Kharms. Da sie neben einer Taucherbrille auf der Nase auch noch eine Atemmaske im Mund hat, versteht man aber auch davon eben nicht mehr, als Geblubber.

Shakespeares Ophelia waren Inspiration für Titel und Darstellung

Das ist also die Performance-Premiere in Sindelfingen. Kuratorin und Schauwerk-Direktorin Barbara Bergmann hatte die Künstlerin in Köln getroffen, sich ihr Werk zeigen lassen und war schnell überzeugt: "Das passt sehr gut in die Sammlung."

Mit ihrer Performance schneidet Marcin viele Themen an. Der Titel und die visuelle Darstellung sind angelehnt an die Figur der Ophelia aus Shakespeares Hamlet. Im Wasser treibend, kurz vor ihrem Tod, hat sie unter anderem schon John Everett Millais gemalt. So steigt Marcin am Sonntag auch nicht im flotten Bikini in ihr Aquarium, sondern im weißen Kleid. Einen Unterschied zum englischen Schriftsteller gibt es: "Meine Ophelia überlebt", verrät die Künstlerin.

Das Gedicht, das sie zitiert, beschäftigt sich mit der menschlichen Wahrnehmung. Daniil Kharms schreibt darin: "Aber dann realisierte ich, dass ich die Welt bin. Aber die Welt ist nicht ich. Gleichwohl ich zur gleichen Zeit die Welt bin. Aber die Welt ist nicht ich." Oder, wie es am Sonntag klingen wird: "Blubberdiblubb."

Marcin zeigt dabei den Gegensatz zwischen dem "Wunsch zu kommunizieren, aber isoliert zu sein". Das lasse sich auch direkt auf die Neuzeit projizieren: "Wir haben so viele Möglichkeiten der Kommunikation, sind aber doch isoliert."

Marcin, die in Würzburg geboren wurde, lebt zeitweise in New York. Dort sieht sie, wie viele neue Gebäude gebaut werden, "viel mit Stahl und Glas". Sie stellt sich vor, wie die Gebäude mit Wasser vollaufen und zu Glassärgen werden. An so einen gläsernen Sarg erinnert auch ihr Aquarium.

Gut 15 Minuten wird ihre Performance mit dem Bad dauern. Bei der Vorführung im Februar letzten Jahres in New York sank das Thermometer draußen auf minus 15 Grad. Die Temperatur im Becken war wohl ähnlich, zumindest fand Marcin es damals "schweinekalt".

Gespannt ist sie auf die Reaktionen in Sindelfingen. Bei ihren bisherigen Präsentationen hat sie schon gemerkt, dass die Mentalitäten an den unterschiedlichen Enden des Atlantiks sehr verschieden sind. "Die Amerikaner wollen Entertainment und sind voll mitgegangen", erzählt sie. "Das Publikum in Köln war reservierter. Ich dachte, hört mir überhaupt jemand zu?" In Deutschland sei es schwieriger, eine emotionale Verbindung herzustellen.

Marcin zitiert in Schwerelosigkeit ein Text von Friedrich Nietzsche

Neben Ophelia sind weitere Video- und Fotoarbeiten von Marcin zu sehen. Darunter der Film "Zero Gravity" (Schwerelosigkeit), in dem die Künstlerin in einem Flugzeug Friedrich Nietzsche zitiert. Das besondere dabei ist: Das Flugzeug macht einen Parabelflug und erzeugt damit kurzzeitig Schwerelosigkeit. So taumelt sie durch die Fluggastkabine und erklärt dem Zuschauer durch die Kamera, dass Gott tot ist. Nietzsche im neuen physikalischen Kontext. Das findet selbst Marcin ein bisschen "komisch".

"Jedi" ist ein Foto, das in Bolivien auf einer alten Ritualstätte geschossen wurde. Marcin hält dabei ein Kaktus-Schwert in der Hand - ein entwaffnetes Schwert also. Ein Gedanke der Künstlerin dahinter: "Wenn mehr Frauen an der Macht wären, gäbe es weniger Gewalt auf der Welt."

Ebenfalls in Bolivien entstand "Bride", ein Foto von Marcin im Hochzeitskleid in einem roten See. Entstanden in einer Salzwüste, angelehnt an die tatsächlich existierende Tradition, dass bei Hochzeiten oft Fotos nur von der Braut geschossen werden. Dabei werden sie gerne als Engel dargestellt. Gleichzeitig wird laut Marcin in 90 Prozent der Ehen in Südamerika Gewalt ausgeübt.

 

  Nach der Live-Performance am Sonntag um 11.30 Uhr wird das Kunstwerk bis 30. Juni als Video-Installation im Schauwerk zu sehen sein. Die Ausstellung kann dienstags und donnerstags von 15 bis 16.30 Uhr sowie am Wochenende von 11 bis 17 Uhr besichtigt werden.
Verwandte Artikel