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Böblinger Kulisse-Ensemble: neues Stück im Feierraum

Kulisse-Ensemble der Böblinger DAT-Kunstschule spielt ab 19. Januar "Die besseren Wälder" im Städtischen Feierraum

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    In trauter Zweisamkeit: Wolf im Schafspelz Ferdinand (Peter Harders) mit seiner Schafsfreundin Melanie (Heidi Sippl-Held) Fotos: Bischof

Das Böblinger Theaterjahr startet vielversprechend: Die Kulisse spielt Martin Baltscheidts preisgekrönte Geschichte "Die besseren Wälder". Erstmals führt DAT-Kunstschulleiterin Prisca Maier-Nieden Regie bei dem im Jahr 1982 gegründeten Erwachsenenensemble.

Artikel vom 11. Januar 2019 - 18:24

Von Kevin Hummel

BÖBLINGEN. Mit lautem Poltern stolpert Ferdinand auf die Bühne. Sein verwirrter Blick durchdringt den stillen Raum. Zahlreiche Tieraugen starren ihn an. Dann bricht er sein Schweigen: "Es war einmal ein Wolf, er wuchs unter Schafen auf . . ."

Was nach den ersten Worten an eine Geschichte der Gebrüder Grimm erinnert, leitet in Wahrheit die aufregende Suche des Ferdinands nach seiner Herkunft ein. Keine einfache Aufgabe für einen Wolf im Schafspelz. Auf der Reise verlässt er sein sicheres Zuhause, landet durch den Tod seiner Geliebten im Gefängnis und sucht nach Antworten in seinen Erinnerungen.

Der Hase, der mit dem Schwein tanzt, ein Hund, der sich für eine Biene hält oder auch ein Schaf mit einer Gitarre - es geht tierisch lebhaft zu an diesem Dienstagabend im Böblinger Feierraum. Regisseurin Prisca Maier-Nieden und ihr Kulisse-Ensemble haben zu einer Presseprobe der neuen Produktion geladen.

Zum Nachdenken anregen

Mit viel Spaß und Freude wird hier ein ernstes Thema aufgearbeitet. In Martin Baltscheits moderner Fabel geht es um weit mehr als die Rivalität zwischen Wölfen und Schafen. Das Stück, für das er den Deutschen Jugendtheaterpreis erhielt, beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen und hält damit den Zuschauern den Spiegel vor die Nase. Woher komme ich? Wer bin ich? Und wo führt mich mein Schicksal hin? Eine wahre Identitätssuche im Dschungel der Gesellschaft. Doch zwischen all der Verzweiflung und dem Ärger soll auch die Freude nicht fehlen. Deshalb sorgt die Theatergruppe für reichlich Aufmunterung zwischen den Zeilen. Lebhafte Tänze, abwechslungsreiche Musik und ein durchaus skurriler Humor ergänzen die Inszenierung.

"Toll wäre es, wenn die Leute nach Hause gehen und ihre eigene Ideen entwickeln zu der Bedeutung der Inszenierung", sagt Peter Harder, der die Rolle des Ferdinands spielt, auf die Frage, was er sich von der Aufführung erhofft. "Mich fasziniert an dem Stück, dass es jede Menge Freiraum für verschiedene Interpretationen zulässt", findet der Hauptdarsteller.

Die Inszenierung stellte die Mitwirkenden vor einige knifflige Fragen: Wieviel verraten wir dem Publikum und wieviel lassen wir ungesagt? "Das war einer der größten Herausforderungen", findet Maier-Nieden und erntet zustimmendes Nicken von Seiten der Darsteller.

Immer wieder springt die Handlung zwischen den Zeiten. Ferdinand, der betrübt in seiner Zelle nach Antworten sucht, findet sich auf einmal im Tanz mit seiner verstorbenen Schafsfreundin Melanie (Heidi Sippl-Held) wieder. Diese Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit sind auf einer Theaterbühne nur schwer darzustellen. "Das ist hier nicht so einfach wie im Film", weiß Sabine Bornmann, die sich als Erzählerin und Maus einbringt. Dass dies dennoch gelingt, ist ein Verdienst der cleveren Inszenierung.

Pfiffig ist auch die eigens für das Stück konzipierte Raumaufteilung. Die Zuschauer nehmen hier nämlich nicht auf der gewohnten Tribüne Platz, sondern werden links und rechts neben der Bühne platziert. Fleischfresser gegen Pflanzenfresser. Wölfe gegen Schafe. Der Zuschauer wird im Voraus einer Gruppe zugeteilt und damit unmittelbar ins Geschehen eingebunden.

Auch die Requisiten hat das Ensemble bedacht ausgewählt. Ein paar alte Feldbetten aus den 60iger Jahren bilden dabei den Hauptbestandteil. Ob als Weidezaun oder Gefängnisgitter - die Betten leisten übergreifende Arbeit.

Prisca Maier-Nieden arbeitet zum ersten Mal zusammen mit der von Hildegard Plattner vor fast 37 Jahren gegründeten Erwachsenengruppe. Die Chemie stimmt zwischen den in Schafsweiß gekleideten Schauspielern und der Regisseurin. "Es ist sehr schön, sich zu finden im Laufe der Zusammenarbeit", erklärt die Chefin der Böblinger DAT-Kunstschule und Gesamtleiterin der dort beheimateten Theaterensembles. Wie unterscheidet sich die Probenarbeit im Vergleich zu den Kinder- und Jugendensembles? "Erwachsene muss man nicht so oft zum Zuhören ermahnen", lacht Maider-Nieden, "allerdings hinterfragen sie mehr als Kinder und Jugendliche. Das kann manchmal anstrengend sein, bringt häufiger aber gute Anregungen mit sich."

"Es ist sehr schön, sich zu finden"

Das Zusammenspiel zwischen Regisseurin und Ensemble lebt von Kommunikation. "Die eigenen Gedanken und die Gedanken der anderen bilden eine einzelne Rolle", erklärt Julia Kadauke, die den Wolfsbruder Jano verkörpert. Prisca Maier-Nieden versucht dabei, so viel Freiraum wie möglich zu gewähren: "Ich gebe anfangs nur die Form vor und die verknüpfen wir dann mit der Vorstellung des Darstellenden." Eine Arbeitsweise, die sich sichtlich bewährt. Anweisungen werden bei einer Unterbrechung des Schauspiels schnell angenommen, ergänzt und umgesetzt.

Seit Herbst probt die Gruppe an dem Stück im Städtischen Feierraum. Vor allem in der Schlussphase kann die Probe schon einmal zwischen sieben und acht Stunden dauern. Um die Motivation und Konzentration hochzuhalten, hat die Truppe eine Geheimwaffe: "Es gibt immer wieder jemand, der etwas zu Essen mitbringt für die Pausen. Das ist ein wahrer Motivationsschub", offenbart Cornelius Nieden ein bewährtes Ritual. Der Ehemann spielt unter anderem den Schafvater von Ferdinand.

Das Kulisse Erwachsenen-Ensemble will mit dem Stück "Die besseren Wälder" eine möglichst breite Zielgruppe erreichen. "Es wäre super, wenn jede Menge junge Menschen zur Vorstellung kommen", hofft Maier-Nieden. Sie wolle mit der Produktion über Altersgrenzen hinaus Leute erreichen und fürs Theater begeistern. Das Stück ist laut der DAT-Kunstschule für Jugendliche ab 14 Jahren geeignet.

  Premiere von "Die besseren Wälder" ist am Samstag, 19. Januar, um 20 Uhr im Städtischen Freiraum. Es spielen Peter Harders, Brigitte Scheltendorff-Dettlinger, Cornelius Nieden, Heidi Sippl-Held, Dominik Döbele, Reinhilde Kynast, Julia Kadauke, Shazia Beckers, Viktoria Fritz, Dietrich Gnass, Sabine Bornmann und Cornelia Maurer. Regie: Prisca Maier-Nieden. Weitere Aufführungstermine sind am 20. Januar um 19 Uhr, sowie am 25. und 26. Januar um 20 Uhr, außerdem am 1. und 2. Februar jeweils um 20 Uhr sowie am 3. Februar um 19 Uhr. Für Schulklassen gibt es eine Sondervorstellung am Mittwoch, 30. Januar, um 10.30 Uhr. Der Eintritt beträgt zwölf, ermäßigt acht Euro, der Gruppenpreis sechs Euro. Reservierungen sind möglich unter Telefon (0 70 31) 6 69 16 32 und per E-Mail an KiJuTheater@boeblingen.de oder über den Ticketservice auf der DAT-Homepage (http://www.kunstschule-boeblingen.de).
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