Gewächse aus Stahl wuchern im Dätzinger Schloss

Die Galerie Schlichtenmaier zeigt Kunst von Manuela Tirler - Die Bildhauerin setzt bei Bedarf sogar Bagger und Sprengstoff ein

Artikel vom 14. Dezember 2018 - 17:36

DÄTZINGEN (red/edi). In der Galerie Schlichtenmaier im Schloss Dätzingen ist derzeit die Ausstellung "Gewächse aus Stahl" mit Arbeiten von Manuela Tirler aus Wiernsheim im Enzkreis zu sehen. Markenzeichen der Künstlerin sind metallische Gebilde, die lebendige Formen aus der Natur aufgreifen.

Wer den Dätzinger Schlossgarten kennt, oder schon einmal auf dem "Sculptoura"-Radweg unterwegs war, kennt die rostrot rankenden Stahlstreben, die aus einer flachen Schale senkrecht in Richtung Himmel zu wuchern scheinen. In der Galerie Schlichtenmaier sind die Arbeiten noch bis 26. Januar zu sehen.

Im Werk der Stahlbildhauerin Manuela Tirler trifft die Härte von Eisen und Stahl auf die gedeihende Vielgestaltigkeit der Natur. Sie schafft, so Günter Baumann, eine "Erz-Natur". Es gehe der Künstlerin darum, so der Kurator der Galerie Schlichtenmaier, "den Stahl als naturhaft zu gestalten und zugleich den strukturellen Bauplan der Natur zu ergründen."

Mit Schmieden und Walzen gibt sich Tirler allerdings nicht zufrieden. "Es bedarf zuweilen schon eines schweren Baggerfahrzeugs, der aus wuchtigen Eisenträgern zweigartige Knäuel formt", gab Baummann bei seiner Eröffnungsrede spannende Einblicke in den Schaffensprozess der Künstlerin. Manchmal greife die 1977 in Stuttgart geborene Bildhauerin sogar zu Sprengstoff. Damit, so Baumann, erschafft sie rissige Öffnungen in gewaltsam malträtierte Metallplatten. "Diese erinnern uns an vor Hitze und Beben zerfurchte Erdoberflächen.

"Eigentlich", so sagt Manuela Tirler selbst, "interessiert mich gerade der Widerspruch und der Widerstand des Materials, da diese naturnahen Formen dem harten Material fremd sind." Der Stahl biete zugleich aber auch "die Möglichkeit der Vereinfachung und Klärung der Form auf das Wesentliche", formuliert sie.

Die Bildhauerin fand übrigens erst über Umwege zu ihrem Lieblingsmaterial. Über filigrane Zeichnungen und skulpturale Wachsarbeiten in verzweigten Erdbohrungen entdeckte sie für sich den Bronzeabguss. "Zum Stahl kam ich recht schnell, da das Material noch schneller und flexibler bearbeitet werden kann."

Manuela Tirler bringt im Schloss Dätzingen zentnerweise Eisengezweig zum Sprießen, hier in krud-roter Rostblüte, da in verzinktem Glanz oder dort im Verborgenen einer schwarzen Brünierschicht. Die "Erz-Natur" ihrer Arbeiten ist laut Baumann auch im Sinne von Eigenart zu verstehen. Manuela Tirler gehe nicht zimperlich mit ihren Objekten um, stellt der Kunstexperte fest, aber sie respektiere die "Natur" des Materials. Die Bildhauerin bevorzugt Industriestahl, dem nur noch schwer beizukommen ist. Auch er lässt sich modellieren, plastisch bearbeiten - doch kann man ihm nicht einfach seinen Willen aufzwingen wie bei Stein oder Holz.

Nach Vorbildern sucht man bei der Künstlerin vergebens

"Nach Vorbildern sucht man bei Tirler vergebens", meint Baumann, "und wenn man unbedingt welche finden will, müsste man beim Material ansetzen." Die Tochter eines Maschinenbauingenieurs entdeckte schon früh ihre Liebe zum sperrigen Stahl.

Der Galerie Schlichtenmaier ist Tirler spätestens seit der Verleihung des Gerlinde-Beck-Preises für Skulptur im Jahre 2009 verbunden - das Jahr, nachdem sie ihr Studium an der Stuttgarter Akademie Stuttgart beendet hat. Sie war die erste Preisträgerin der Stiftung.

Die Ausstellung "Manuela Tirler: Gewächse aus Stahl" ist noch bis zum 26. Januar in der Galerie Schlichtenmaier im Schloss Dätzingen zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag von 11 bis 18.30 Uhr, Samstag von 11 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung. Zudem können die Werke unter http://www.schlichtenmaier.de auch online besichtigt werden.
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