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Der "Augen-Blick" verweilt noch etwas länger

Ausstellung zur Inklusion von Menschen mit Sehbehinderung im Döffinger Rathaus ist noch bis Weihnachten zu sehen

Artikel vom 07. Dezember 2018 - 16:30

DÖFFINGEN (red). Seit Juni ist im neuen Rathaus im Grafenauer Ortsteil Döffingen die Ausstellung "Augen-Blick-mal" zur Inklusion sehbehinderter und blinder Menschen zu betrachten. Die Präsentation großformatiger Textilbilder mit Personenporträts, ihren Schatten und Lebensbeschreibungen in der Blindenschrift Braille sollte eigentlich am 10. Oktober zu Ende gehen. "Doch aufgrund großer Nachfrage bleibt sie nun bis Weihnachten erhalten", teilt die Künstlerin Gudrun Achterberg mit. Auch ein Workshop zur "Geheimschrift Braille" wird für Interessierte angeboten.

Der Ausstellungstitel "Augen-Blick-mal" ist durchaus wörtlich zu verstehen: Es geht um Augenblicke der Aufmerksamkeit für Menschen, die nicht das Glück der uneingeschränkten Sehwahrnehmung haben und es geht auch um Augenblicke, die den Betrachter mit Bildern und Texten in eine andere Welt entführen. Fast 30 Textilbilder - teils mit Blindenschrift - sprechen aus dem Leben der Betroffenen, die durch die Ausstellungsführung geradezu lebendig werden. Weitere Erläuterungen gibt eine bebilderte Begleitbroschüre mit Originaltexten in Braille und Großschrift.

Die Ausstellung ist das Ergebnis eines zweijährigen Projekts, das die Künstlerin Gudrun Achterberg mit sehbehinderten und blinden Erwachsenen durchgeführt hat (die Kreiszeitung berichtete). Ziel ist die Begegnung von Menschen mit und ohne Behinderung. Über 20 Ausstellungsführungen fan-den bislang statt - unter anderem für Interessierte der Hochschule für Musik und Dar-stellende Kunst Stuttgart, für Lehrende verschiedener Schularten, für beruflich Auszubildende der Stiftung Nikolauspflege, für Gruppen des Seniorenzentrums und des Gesprächskreises "Odyssee 21" vor Ort und viele weitere, Junge und Ältere, regional und überregional nahmen daran teil.

Für die Sehbehinderten selbst waren es große Ereignisse, bei denen sie Aufmerksamkeit erleben durften. Der erblindete Mequiades meinte: "Wenn ich sonst auf meine Blindheit zu sprechen komme, weiß mein sehendes Gegenüber nicht mehr, wie es mir begegnen soll und bricht den Kontakt ab. Aber hier hörten mir endlich einmal Menschen zu. Das finde ich cool."

Anliegen war es, Behinderte aus der Unsichtbarkeit zu befreien

"Mein Anliegen ist es, Einblicke in das Leben der Behinderten zu ermöglichen, sie aus der Unsichtbarkeit zu befreien und ihnen ein Podium für das Miteinander zu geben", erklärt Gudrun Achterberg. So greift sie auch die punktartige Brailleschrift in ihren Bildkompositionen auf.

In ihrer Textilkunst verwendet sie digitale Medien wie Fotografie, Bildbearbeitung und E-Druck-Techniken, die sie mit grafischen Mitteln und reliefartiger Punktschrift ergänzt. "Künstlerische Dokumentation" nennt sie die Bildwerke. Ein Besucher der Ausstellung kommentierte: "Blindheit und Sehen in dieser Kunstform zusammenzuführen, ist für mich berührend und einzigartig." So kann die Ausstellung der Personenporträts und Schattenbilder noch bis zu den Festtagen besucht werden.

Und wie geht es danach weiter? Der Gemeindetag Baden-Württemberg wird als Einladung an alle Gemeinden und Städte in seiner Broschüre diese Ausstellung veröffentlichen und damit unter gegebenen Umständen eine Wanderausstellung anregen. Darüber freut sich Bürgermeister Martin Thüringer und ebenso über den Zuspruch in der Bevölkerung. "Das Rathaus als Mittel-punkt der Gemeinde möchte für alle da sein", sagt er und dankt gleichzeitig der Künstlerin Gudrun Achterberg für ihre bisherigen, vielfältigen, künstlerischen und sozialen Aktivitäten. Und diesmal: "Dank für diese glänzende Anregung und Ausgestaltung unseres neuen Rathauses."

Die Ausstellung kann während der Rathausöffnungszeiten besichtigt werden. Diese sind montags bis mittwochs von 8 bis 12 Uhr, donnerstags von 16 bis 18 Uhr sowie freitags von 7.30 bis 12 Uhr. Führungen können unter Telefon (0 70 33) 4 50 71 gebucht werden.
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