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Club Esperanto: neues Stück im Sindelfinger Theaterkeller

Das Sindelfinger Ensemble Club Esperanto präsentiert das Stück "Killing Kismet" im Theaterkeller - Premiere am Sonntag

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    Regisseurin Annette von der Mülbe (rechts): Textarbeit mit Alexa Wolff und Ghulam Ali-Hebraimi Fotos: Langner/Bischof

"Wir sind die Multikulti-Sozial-Truppe der Sindelfinger Theaterszene" - so beschreibt Annette von der Mülbe das von ihr und Anke Marx gemeinsam geleitete Ensemble Club Esperanto. Die Gruppe rekrutiert sich aus einer Vielzahl von Bühnenprojekten, die alle eins gemeinsam haben: Sie machen Lebensgeschichten erlebbar.

Artikel vom 01. Dezember 2018

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Geburtsort, Alter, Muttersprache, . . ." Mit leiser Stimme und vor Konzentration fest zusammengekniffenen Augen liest der junge Mann auf der Bühne die Felder eines Formulars vom Blatt ab. Seit er in Deutschland lebt, hat Ghulam Ali-Hebraimi vermutlich schon viele solcher Fragebögen ausgefüllt. Die unpersönliche Abfrage von Lebensdaten ist für einen 19-Jährigen, der aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet ist, gar nicht so einfach zu beantworten.

Sein Geburtsort liegt 6000 Kilometer entfernt. Das von jahrzehntelangem Krieg geprägte Afghanistan ist das Land, in das Gott einem Buchtitel nach nur noch zum Weinen kommt. Die Muttersprache? Ghulam Alis Mutter und Vater haben jeweils unterschiedliche Sprachen gesprochen. Das Alter? "Wie alt jemand bei uns wird, hängt davon ab, ob man ein paar Sekunden früher oder später sein Haus verlässt und deswegen von einer Bombe getötet wird, oder nicht", sagt der 19-Jährige.

Seine Geschichte erzählt er auf Persisch. Neben ihm steht Alexa Wolff und liest im Wechsel mit ihm die deutsche Übersetzung vor. Die Tragik und Tragweite seines Berichts will nicht so recht zum leisen, undifferenzierten Vortrag des jungen Mannes passen. "Du musst lauter sprechen. Sonst merken die Leute gar nicht, dass du in einer anderen Sprache sprichst", schaltet sich Annette von der Mülbe deshalb ein. Es ist Dienstagabend. Im Sindelfinger Theaterkeller haben sich einige Mitglieder des Ensembles Club Esperanto zum Proben getroffen. Noch ein paar Abende Feilen an Textsicherheit, Aussprache und Ausdruck, dann steht am Sonntag die Premiere der neuen Produktion bevor. "Killing Kismet" heißt das Stück, bei dem eine knapp umrissene Rahmenhandlung den Ausgangspunkt für viele kleine Einzelszenen liefert.

Darin bewerben sich die Akteure um ein Elite-Stipendium bei der fiktiven "Europäischen Stiftung für nachhaltiges Zusammenleben". Wer später einmal ganz oben mitspielen will, braucht unbedingt dieses Stipendium. "Kismet" meint übrigens im Arabischen ein dem Menschen zugedachtes Los, das er selbst nicht beeinflussen kann - genau diesem Denken stellt sich dieses Stück aber entgegen: Hier geht es nämlich darum, wie junge Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und die Welt so vielleicht eines Tages zu einem besseren Ort machen.

In Aufbau, Konzeption und Besetzung erinnert die Inszenierung an "Chillen in Somalia", die erste Produktion des Esperanto-Ensembles, das im Sommer im Rahmen der Schultheatertage und später an der Gottlieb-Daimler-Schule 2 (GDS 2) aufgeführt wurde (wir berichteten). In beiden Inszenierungen stehen zum Teil sehr erfahrene Laiendarsteller gemeinsam mit jungen Nachwuchsspielern auf der Bühne. Hier wie da rekrutiert sich das Ensemble aus Menschen, mit und ohne Migrationshintergrund, aus Geflüchteten und aus Kindern oder Enkelkindern von Gastarbeiterfamilien.

Wichtigste Gemeinsamkeit der beiden Inszenierungen und - wenn man so will - Markenkern der Truppe sind die biografischen Elemente. In den Einzelszenen, die Anke Marx und Annette von der Mülbe als Regisseurinnen zu einem Ganzen zusammenführen, erzählen die Darsteller aus ihrem eigenen Leben. Genau das macht die Arbeit des Club Esperanto so spannend: Das Geschehen auf der Bühne ist nicht ausschließlich Fiktion, sondern beinhaltet immer auch gelebtes und erlebbar gemachtes Leben.

Einzelne Schicksale werden so nachvollziehbar und nachfühlbar. Ging es in "Chillen in Somalia" noch um Fluchtgeschichten, dreht sich in "Killing Kismet" vieles um die eigene Herkunft und wie diese vermeintlich das eigene Schicksal bestimmt. Eindrucksvoll verständlich wird dies am Beispiel von Tülün Bakacs. Die Sindelfingerin spielt eine Helikopter-Mama, die ihre Tochter vor lauter erzieherischem Eifer und Fürsorge zu erdrücken droht. In einem Monolog zeigt sich die Darstellerin plötzlich von einer sehr verletzlichen Seite. Hier erzählt sie von eigenen Lebenserfahrungen - zum Beispiel, wie ein ausländischer Name einem von der Schulzeit bis zur Berufssuche den Weg verbauen kann.

Es gibt Parallelen zwischen Spielern und Bühnenfiguren

Zwischen Tülün Bakacs und ihrer Bühnenfigur gibt es Parallelen. Bei der hellhäutigen Frau mit den blonden Haaren und dem Berliner Zungenschlag würde man kaum auf türkisch-ungarische Wurzeln tippen. Wegen ihres Namens hat sie in ihrem Leben dennoch schon häufig Diskriminierungen erlebt. "Ich habe mich siebenmal schriftlich beworben und bin jedes Mal abgelehnt worden. Wenn ich persönlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde, hat es dagegen immer geklappt", berichtet sie von eigenen Erfahrungen bei der Jobsuche.

Für Tülün Bakacs ist die Rolle der Helikopter-Mama nicht ihre erste Schauspielerfahrung. Bereits vor sechs Jahren stand sie bei der preisgekrönten deutsch-türkischen Inszenierung "Alte Koffer - Neue Träume" der Bürgerstiftung Sindelfingen auf der Bühne. Neben ihr ist bei der aktuellen Produktion auch ihre damalige Bühnenkollegin Türkan Karakus wieder mit dabei.

Es ist kein Zufall, dass sich das Ensemble des Club Esperanto aus dieser und anderen Produktionen rekrutiert, bei denen meist das Duo Marx und Mülbe Regie führte. Dazu zählen "Briefe von Müttern und Töchtern", "Futur 2", "All you need is love", die interkulturellen Jugendtheaterprojekte der Initiative Städtepartnerschaften Sindelfingen (ISPAS) im Rahmen von Erasmus+, oder zuletzt "Chillen in Somalia" als Projekt der GDS-Vorbereitungsklassen.

Über die Projekte an der Gottlieb-Daimler-Schule 2 hat Alexa Wolff zum Theaterspielen gefunden. Bei "Chillen in Somalia" spielte die Schülerin eine herzlose Heimleiterin, die ihrer Mannschaft ein straffes Zeitmanagement diktierte. "Mir macht das Theaterspielen wirklich sehr viel Spaß", erklärt Alexa mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht. Ihr Berufswunsch für die Zeit nach der Schule steht daher schon fest. "Ich will Schauspiel studieren", kündigt sie an.

Damit erübrigt sich im Grunde die ketzerische Frage an Anke Marx und Annette von der Mülbe, ob Sindelfingen denn wirklich ein weiteres Theaterensemble braucht. "Die wollen alle weitermachen", erklärt Anke Marx, warum der Club Esperanto all jenen eine Heimat gibt, die sich bei ihren bisherigen Inszenierungen mit dem Bühnenfieber angesteckt haben. Zumal das Esperanto-Theater inmitten all der bereits bestehenden Laientruppen mit teils semi-professionellem Anspruch eine wichtige Lücke schließt: Bei der "Multikulti-sozial-Truppe", wie Annette von der Mülbe das Ensemble flapsig nennt, bekommen neben alten Bühnenhasen (darunter zum Beispiel die lokale Theater-Legende Ulrich von der Mülbe) auch Anfänger eine Plattform. Von letzteren sind vielleicht nicht unbedingt schauspielerische Glanzleistungen zu erwarten. Dieser Mangel wird durch die authentischen Einblicke in spannende Lebensgeschichten aber mehr als wettgemacht. Nicht umsonst wurde der Club Esperanto für sein interkulturelles Engagement dieses Jahr bereits von der die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) mit dem Martinspreis geehrt.

Uraufführung ist am Sonntag, 2. Dezember, im Theaterkeller. Weitere Aufführungen sind am 6., 7. und 8. Dezember. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Kartenvorverkauf beim i-Punkt Sindelfingen, Telefon (0 70 31) 9 43 25. Die Produktion wird gefördert von der Bürgerstiftung Sindelfingen und dem Kulturamt der Stadt Sindelfingen.
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