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Kindesmissbrauch: Vom Gerichtssaal direkt ins Gefängnis

Schöffengericht verurteilt 38-Jährigen wegen Missbrauchs der eigenen Tochter und Kinderpornografie

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    Symbolbild: Archiv

Artikel vom 29. November 2018 - 17:36

Von Werner Held

KREIS BÖBLINGEN. Arnold S. (Name von der Redaktion geändert) betritt das Böblinger Amtsgericht am Donnerstagvormittag als freier Mann. Vier Stunden später warten zwei Polizeibeamte auf den 38-Jährigen, um umgehend den Haftbefehl zu vollstrecken, den das Schöffengericht gerade erlassen hat. Zuvor hat es S. wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie Beschaffung, Besitzes und Verbreitung kinderpornografischer Bilder zu einer Haftstrafe von drei Jahren und drei Monaten verurteilt.

Das Bundeskriminalamt hat die Polizei in Böblingen auf Arnold S. aufmerksam gemacht. Die IP-Adresse von dessen Computer war auf Web-Seiten aufgetaucht, auf denen sich Liebhaber von Kinderpornografie tummeln. Bei einer Durchsuchung von S.' Wohnung entdeckten die Polizisten einen Computer und Datenträger, auf denen fast 100 000 Bilder und über 20 000 Videofilme gespeichert waren, die sexuelle Handlungen mit Kindern in allen Variationen bis hin zu Zweijährigen zeigten. Einen Teil der Bilder hat S. per E-Mail an andere verschickt.

Später stieß die Polizei noch auf ein Laptop. Dort waren fein säuberlich beschriftet fünf Videos abgelegt, die zeigten, wie Arnold S. an seiner eigenen Tochter herummachte; sie war zum Zeitpunkt der Aufnahmen zwischen elf und 13 Jahren alt. Immer wieder wusch der Vater dem nackt vor ihm stehenden oder sitzenden Mädchen die Achsenhöhlen, streichelte seine Brüste. Zu sehen ist auch, wie der Vater die Brust der Tochter küsst und eine ihrer Brustwarzen in den Mund nimmt.

Der Angeklagte hat für alles, was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, "Erklärungen". Er kümmert sich allein um die Tochter, seit sie fünf ist. Die Beziehung zur Mutter ist schnell in die Brüche gegangen. Die Frau sei mit der Tochter überfordert gewesen, sagt S. aus. Das Kind kommt in eine Pflegefamilie. Als er eine neue Partnerin hat, darf er es zu sich nehmen. Doch auch diese Liasion ist bald beendet. Fortan ist S. alleinerziehender Vater. Die Brüste seiner Tochter seien in der Pubertät schnell gewachsen, erzählt er dem Gericht. Weil das weh getan habe, habe er dem Kind durch Massagen helfen wollen. Die Waschungen unter den Armen erklärt der Angeklagte damit, dass das Mädchen "extrem stark geschwitzt hat". Ein sexuelles Motiv bei diesen Handlungen streitet er ab. "Ich hätte ihr auch den Fuß massiert, wenn's ihr geholfen hätte", sagt S.

Dass Waschungen, Massagen und was sonst noch zwischen Vater und Tochter vorgefallen ist, auf Videos zu sehen sind, schildert Arnold S. als Zufall. "Sie wurden nicht absichtlich erstellt. Meine Tochter hat die Kamera ausgelöst, als sie nebenher am PC herumgespielt hat", sagt er aus.

Die Festplatte, auf der der überwiegende Teil der Kinderporno-Fotos und -Filme abgelegt war, will S. gegen seinen Willen von einem ihm Unbekannten per Post zugeschickt bekommen haben. Die eine oder andere Datei habe er auf seinen PC überspielt. Warum einige von diesen Bildern dann von dort aus per E-Mail verschickt worden sind, könne nur daran liegen, dass sein E-Mail-Account gehackt worden sei, will Arnold S. das Gericht glauben machen. Der Staatsanwalt hatte minutiös aufgelistet, wann und wohin die Lieferungen gegangen sind. Viele E-Mails wurden zu nachtschlafener Zeit verschickt. "Ich muss morgens um sieben zur Arbeit. Dann kann ich nicht nachts um drei am Computer sitzen", sagt S.

Das Gericht wirkt ob dieser "Erklärungen" einigermaßen konsterniert. "Erachten Sie sich als unproblematisch? Oder spüren Sie gewisse Neigungen?", fragt Richter Werner Kömpf den Angeklagten. So ein bisschen lässt dieser durchblicken, dass sein Verhalten über väterliche Fürsorge hinausgehen könnte. "Ich würde ja auch eine Therapie machen", schiebt er nach. "Ich bin auch schon bei einer Beratungsstelle gewesen."

"Die Masse an kinderpornografischen Bildern, die bei Ihnen gefunden wurden, erschlägt einen ja fast. Damit sind Sie Spitzenreiter im Kreis und vielleicht in ganz Baden-Württemberg. Und Sie wollen das alles ohne eigenes Zutun geschickt bekommen haben?!", redet der Richter auf Arnold S. ein. Der bleibt bei seiner Version. Was die Kripobeamtin aussagt, die den Inhalt der Computer und Datenträger des Angeklagten gesichtet hat, passt mit dem nicht zusammen. Sie hat E-Mails sichergestellt, in denen S. munter mit Gleichgesinnten über einschlägige Themen plaudert. In anderen verschickt er Bilder aus seinem Fundus; ab und an ordert der Kommunikationspartner einen Nachschlag. Dafür, dass Fremde auf Arnold S.' IP-Adresse oder E-Mail-Konto zugegriffen hätten, fand die Polizei keinen Hinweis.

Der Verteidiger unternimmt den Versuch, dass sein Mandant mit einer Bewährungsstrafe davonkommt. Das ginge nur, wenn das Strafmaß zwei Jahre nicht übersteigt. Doch daran ist nicht zu denken. Drei Jahre und drei Monate schickt das Schöffengericht Arnold S. hinter Gitter. Für das ist klar, dass er sexuelle Handlungen an seiner Tochter vollzogen hat. Und dass die Filmdokumente von den Missbrauchsfällen versehentlich aufgezeichnet worden sein sollen, tut der Richter wie auch die Auslassungen des Angeklagten zu den Kinderporno-Dateien als Schutzbehauptung ab. "Die Folgen Ihrer sexuellen Übergriffe für Ihre Tochter sind heute noch unabsehbar", redet Werner Kömpf Arnold S. ins Gewissen. Und an vielen Tausend Kindern, deren Missbrauch auf den von der Polizei sichergestellten Dateien zu sehen ist, sagt der Richter, trage S. eine Mitschuld. Dann schließt er die Verhandlung und lässt die Polizisten den Haftbefehl vollstrecken.

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