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Große Gesten und scharfe Kontraste

Klavierkonzert in Dätzingen

Artikel vom 27. November 2018 - 15:06

DÄTZINGEN (red). Es war wieder ein packendes Musikereignis, zu dem das Künstlerehepaar Gudrun Achterberg und Peter Neubert am Wochenende in ihr "Atelier-Atelier" in Dätzingen geladen hatten. Zu Gast war der aus der Ukraine stammende Pianist Artem Yasynskyy. "Ein kraftvoller wie sensibler Musiker, der seine Interpretationen überzeugend und hochemotional gestaltete", befand Peter Neubert im Anschluss an das Konzert.

Das Programm sollte zunächst die Appassionata von Beethoven und den Carnaval von Schumann umfassen, wurde dann aber um vier Scarlatti-Sonaten am Anfang erweitert, um das Publikum nicht ohne "dezente Vorankündigung" unmittelbar mit dem gewaltigen Schicksalsdrama Beethovens zu konfrontieren.

Schon zum Auftakt bei Scarlatti zeigte Yasynskyy seine musikalische Eigenwilligkeit. Er spielte diese meist sehr sensiblen Miniaturen so, als seien sie für das große Hammerklavier unserer Tage und nicht für das Chembalo des 18. Jahrhunderts komponiert. "Man konnte das kritisch betrachten, aber auch einfach genießen", so Gastgeber Peter Neubert.

Der Vortrag bereitete bestens auf Beethoven vor - wenngleich auch nur akustisch. Denn der Schritt von der höfischen Unterhaltungsmusik - die Scarlatti-Sonaten sind ganz überwiegend an den Höfen in Portugal und Spanien entstanden - zur Bekenntnismusik eines Beethoven ist gewaltig. Hinzu kommt die Einzigartigkeit der Appassionata im Zyklus der 32 Klaviersonaten Beethovens. Sie ist ein Höhepunkt und ein Wendepunkt im Schaffen des Komponisten. In diesem Werk wird sein Lebensschicksal zur Musik. Ein deutlicher Schritt in Richtung Romantik. Der Zuhörer erlebt scharfe Kontraste, die besonders im ersten Satz zwischen Hoffnung und Verzweiflung alternieren.

Yasynskyy wusste diese Hochspannung treffend, markant, trotzig zu gestalten. Mit äußerster Kraft meißelte er am Ende der Coda die wilden Akkordtriolen über drei Oktaven in die Tastatur, um danach in völliger Ermattung eines dreifachen Piano den Satz zu beenden. Hier konnte man Beethovenschen Furor nicht nur ahnen, sondern hautnah erleben.

Musikalische Eigenwilligkeit

Der zweite Satz, ein Choralthema mit vier Variationen, verbreitet zunächst Ruhe und friedliche Gelassenheit, die aber dann zunehmend durch unerwartete Betonungen, Steigerung der Tempi und Lautstärke bis zum Fortissimo bedrohliche Entwicklungen befürchten lässt. So wirkt der dritte Satz denn auch - untypisch für Beethoven - wie eine manische Fluchtbewegung, die sich am Ende des Satzes in einem Presto zum atemlosen Teufelstanz steigert, ehe die gebrochenen f-moll-Akkorde rasend in die Tiefe stürzen. Ende eines Dramas.

Yasynskyy gelang es zweifellos, diese Dramatik packend zu vermitteln. Auch hier demonstrierte er seine Eigenwilligkeit, indem er im 2. Satz das Choralthema in die Bassstimme verlegte und so die beängstigenden Momente, besonders in der Schlussvariation, deutlich werden ließ. Hinsichtlich der Tempi im 3. Satz folgte er klar den Vorgaben Beethovens: Allegro, ma non troppo um danach die Presto-Steigerung besonders forcieren zu können. Außergewöhnlich an seiner Interpretation, insbesondere im Schlusssatz, war der Verzicht auf gebundenes Spiel, kein Pedal, wodurch das Geschehen noch unerbittlicher, zwingender wirkte.

Die folgende Erholungspause war unverzichtbar. Im zweiten Teil dann Schumanns Carnaval. Der bunte Zyklus besteht aus 22 Charakterstücken, die es rhythmisch und thematisch mit Witz, Ironie und nicht selten auch Sarkasmus in sich haben. Hier zeigt sich Schumanns sprühende Fantasie. Eine ausgelassene Maskerade versteckter lebender und verstorbener Figuren setzt sich in Bewegung. Musikalisch begegnen wir zum Beispiel Paganini und Chopin, Schumanns Geliebter und späteren Frau Clara als Ciarina, seiner ehemals Verlobten Ernestine als Estrella und seinem Alter Ego, das er in den Figuren Florestan und Eusebius vorstellt.

Ein herrlicher Reigen, bei dem Übermut und Nachdenklichkeit oft völlig unvermittelt aufeinandertreffen oder der Rhythmus von banaler Walzerseligkeit in widerspenstige Synkopen umschlägt. Es herrscht Karnevalsstimmung mit unberechenbaren Wendungen. Hier war Yasanskyy offensichtlich in seinem Element. Spielfreude bis zum Übermut für die so oft grotesken Momente in Schumanns Komposition begeisterte die Hörer. Da war Seelenverwandtschaft im Spiel, denn man ahnte die Neigung des Pianisten zum Jazz und zur Improvisation. Die spontanen Kontraste von kraftvollem Zupacken und zärtlichen, kaum hörbaren Momenten waren verblüffend und reizvoll zugleich.

Der Beifall ermunterte Yasynskyy dann noch zu einer nachdenklich stimmenden Invention von Johann Sebastian Bach und einem hochvirtuosen Werk des Pianisten und Komponisten Heinrich Hofmann. "Ein Abend, der in Erinnerung bleiben wird", so Peter Neuberts Fazit.

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