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Großes Kino für die Ohren

Die Böblinger Jazztime würdigte am Freitag die Musik von Leonard Bernstein

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    Vielfalt ist Trumpf: Sonja Lachenmayr (Posaune, links) und Maximilian Höcherl (Horn, Mitte) glänzten nicht nur mit ihren Gesangsleistungen, sondern auch mit ihrem Instrumentenspiel
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    Tilman Jäger (links) und Co. zauberten Musical-Atmosphäre in die Kongresshalle Fotos: Bischof

Artikel vom 26. November 2018 - 18:54

BÖBLINGEN (red/edi). Er verlagerte die Liebesgeschichte von "Romeo und Julia" mit seiner "West Side Story" ins New York der 50er-Jahre. Die Jazzanklänge in dieser und anderen Kompositionen Leonard Bernsteins inspirierten Tilman Jäger und seine Musiker-Kollegen zu einem Konzertabend, der ganz im Zeichen des amerikanischen Musical-Komponisten und Dirigenten stand.

"Er war im besten Sinne ein Cross-Over-Mensch", beschreibt Konzertveranstalter Ralf Püpcke den bereits im Jahr 1990 verstorbenen Bernstein, der in seinen Werken verschiedene Musikstile von Jazz über Latin bis Klassik virtuos miteinander verbunden hat. Der Pianist Tilman Jäger hat sich nicht zuletzt wegen der starken Jazz-Einflüsse in den Werken der Musical-Legende dafür entschieden, Bernstein für diesen Konzertabend in den Mittelpunkt zu rücken.

"Im Wesentlichen haben wir sieben Bernstein-Stücke arrangiert und uns auf den Leib geschrieben", erklärt der künstlerische Leiter der Jazztime. Neben einigen weniger bekannten Kompositionen wie "Lucky to be me" aus "On the Town", "Spring will come again" (ursprünglich geschrieben für Thronton Wilders Bühnenstück "Wir sind gerade noch einmal davongekommen") oder "A little bit in love" aus "Wonderful town" waren die meisten davon aus "West Side Story" - darunter die romantische Ballade "Tonight" und das quirlige und in seine sozialkritischen Untertönen zugleich scharf akzentuierte "America".

In dieses Konzert haben der Professor an der Münchner Musikhochschule und seine Studenten viel Arbeit gesteckt. "Es kommt nicht bei jeder Jazztime vor, dass wir 30 Stunden in die Arrangements stecken", berichtet Jäger. Auch die Probezeit war länger als gewohnt - was daran lag, dass Jäger und seine Musiker bereits in München Gelegenheit zum gemeinsamen Üben hatten.

Dreifacher Bandscheibenvorfall stoppt Saxofonist Langmann nicht

Der Aufwand hat sich offenbar gelohnt: Alle Musiker riefen starke Leistungen ab und harmonierten hervorragend. Die beiden Gesangssolisten Sarah Lachenmayr und Maximilian Höcherl sprühten geradezu vor Spielfreude. Dabei überzeugten sie nicht nur mit ihren Stimmen. Auch instrumental setzte Lachenmayr mit der Posaune und Höcherl mit schwebenden und weichen Hornklängen Akzente und erzeugten so nebenbei den Hintergrund für Jägers Klaviersoli.

Nachhaltigen Eindruck hinterließ auch der Saxofonist Joachim Langmann. Der sorgte mit einem merkwürdigen Instrumentenständer für verwunderte Blicke. Statt es in den Händen zu halten, hatte Langmann sein Saxofon in einer Halterung vor sich positioniert. Die Erklärung dafür lieferte Tilman Jäger in einer seiner Zwischenmoderationen: "Er hatte einen dreifachen Bandscheibenvorfall." Die Schmerzen hielten sich aber wohl in Grenzen. "Bemerkt hat er den Bandscheibenvorfall vor allem wegen Taubheitsgefühlen", berichtet Tilman Jäger. Ob mit oder ohne Schmerzen - das Publikum bedachte den Saxofonisten für seinen Einsatz jedenfalls mit einem Sonderapplaus.

Die Zuhörer bekamen bei diesem jazzigen Musical-Abend großes Kino für die Ohren geboten. Wie es sich für so ein hochkarätiges Konzert gehört, war der Württembergsaal der Kongresshalle praktisch bis auf den letzten Platz ausgebucht. "Mit der Besucherresonanz sind wir sehr zufrieden", freut sich Jazztime-Veranstalter Ralf Püpcke. "Wir hatten sogar rund 15 Leute, die draußen warten mussten, ob sie noch einen Platz bekommen", berichtet der Konzertmacher. Das habe zum Glück geklappt, so dass die Mitarbeiter an der Kasse niemand wieder nach Hause schicken mussten.

Sonst hätten die Zuhörer einen denkwürdigen Abend verpasst. "Wahnsinn, was diese Schulmusiker für eine Qualität haben", schwärmt Ralf Püpcke noch immer, wenn er an den Abend zurückdenkt. "Die sind als Solisten schon so weit, dass einige wohl gar nicht in den Schuldienst gehen werden", sieht er für manche eine glänzende Profi-Karriere als Konzertmusiker voraus.

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