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Junge Bühne Sindelfingen spielt Rentiermonologe

Bitter-böse und anklagend: Die Junge Bühne Sindelfingen inszeniert mit "Die Acht" ein Stück, das garantiert nichts für Kinder ist

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Auf den ersten Blick klingt die Geschichte nach einem typischen Weihnachtsstück: Die acht Rentiere im Dienste von Santa Claus plaudern ein bisschen aus dem Nähkästchen über ihren Chef. In Wahrheit wagt sich die Jungen Bühne Sindelfingen hier aber an bitterernste Themen wie Missbrauch und sexuelle Gewalt.

Artikel vom 23. November 2018

Von Eddie Langner

SINDELFINGEN. "Pass lieber auf, heul lieber nicht rum [. . .], der Weihnachtsmann kommt in die Stadt". In der deutschen Übersetzung klingen die Anfangszeilen aus dem amerikanischen Weihnachtslied "Santa Claus is coming to town" geradezu unheimlich. Maike Meyer singt den Song auf Englisch. Die junge Frau trägt ein rotes Glitzerkleid und sitzt - die langen Beine lasziv übereinandergeschlagen - auf einem Hocker neben Keyboarder Jan Pfingsten. Zuvor hat sie bereits weitere englische Weihnachtslieder gesungen, darunter das doppeldeutige "Santa Baby", das in ihrer sinnlich-verführerischen Interpretation stark an Marylin Monroes legendäres "Happy Birthday"-Ständchen für John F. Kennedy erinnert.

Dieses letzte Lied - "Santa Claus is coming to town" - singt die 25-Jährige, die bei der Biennale 2015 die Sindline gespielt hat, dagegen ganz anders: Begleitet von düster-dissonantem Klavierspiel schlägt ihre Stimme einen dunklen und bedrohlichen Tonfall an. Eine sehr passende Untermalung, denn gleich wird Maike Meyer auf die Bühne treten und darüber sprechen, was ihr angetan wurde. Täter ist ein vermeintlicher Wohltäter, eine Ikone der Adventszeit: der Weihnachtsmann.

"Grotesk", "sarkastisch", "bitterböse" - so klingt es, wenn Ingo Sika und sein Ensemble der Jungen Bühne Sindelfingen das Stück "Die Acht" beschreiben, das seit Freitagabend im VHS-Saal am Stiftsgymnasium zu sehen ist (siehe unten). Die Kreiszeitung war bei der Hauptprobe zu Gast. Die von US-Autor Jeff Goode geschriebenen Monologe stehen in denkbar krassem Gegensatz zum weihnachtlichen Bühnenbild und den Kostümen der jungen Darsteller. Diese schlüpfen nämlich in die Rolle von Dasher, Dancer, Donner, Comet, Cupid, Hollywood, Blitzen und Vixen. So heißen im Stück die Rentiere von Santa Claus, dem amerikanischen Weihnachtsmann, der sein rauschebärtiges Äußeres angeblich einer "Coca Cola"-Werbekampagne verdankt.

Mit dem europäischen Nikolaus im Bischofsgewand und mit goldenem Hirtenstab hat der US-Weihnachtsmann nichts zu tun. Auf diese Feststellung legt Ingo Sika, Initiator und Gesamtleiter der Jungen Bühne, Wert. Schließlich gehe es hier nicht darum, eine religiöse Ikone zu verunglimpfen - höchstens eine Werbe- und Kommerz-Ikone.

Ohnehin tritt der Weihnachtsmann im Stück gar nicht in Erscheinung. Er bleibt quasi die rote Eminenz im Hintergrund und steht stellvertretend für all jene unantastbaren Täter und Institutionen, die anderen sexuelle Gewalt antun, am Ende aber ungeschoren davonkommen. Es fallen Sätze, die in Zeiten des Missbrauchsskandals in der katholischen Kirche, der #MeeToo-Debatte im Zusammenhang mit Filmproduzent Harvey Weinstein oder der Ernennung eines möglichen Vergewaltigers als Obersten US-Bundesrichter beklemmend aktuell klingen.

Kaderschmiede für junge Talente

Wie kommt man denn darauf, so etwas auf die Bühne zu bringen? "Ich habe das Stück vor ein paar Jahren in London gesehen und war sehr beeindruckt", erzählt Ingo Sika, der für den Erwerb der Aufführungsrechte erst einmal Überzeugungsarbeit bei Autor Jeff Goode leisten musste. Dem vielbeschäftigten Theater- und Biennale-Macher gefiel nicht nur das Stück, er sah darin auch eine Chance: Als "ultimativ grenzwertig" beschreibt er nämlich die andauernde Belastung durch seine zahlreichen Engagements in der Sindelfinger Kultur- und Theaterszene. Die Junge Bühne soll hier mittel- bis langfristig Entlastung bringen. "Wir wollen ein Team aufbauen", erklärt Sika. Die mittlerweile rund 40-köpfige Truppe soll dabei als eine Art Kaderschmiede für Schauspiel, Regie, Ton- und Lichttechnik, Bühnenbild sowie all die anderen Aufgaben rund ums Theatermachen dienen. "Dieses Stück ist dafür perfekt", erklärt Sika. Die acht einzelnen Monologe ermöglichen gleich mehreren Mitwirkenden, sich einmal im Regiestuhl oder auf anderen neuen Aufgabenfeldern zu beweisen.

Den Mitwirkenden hat der Rollentausch offenbar viel Spaß gemacht. Nils Weber, der als exaltiert-tuntiger Cupid wohl so manchem Zuschauer die Schamesröte ins Gesicht treiben wird, ließ sich zum Beispiel von Maike Meyer anleiten. "Ich bin einfach immer davon ausgegangen, dass was Maike sagt, richtig ist", bringt er die Zusammenarbeit auf den Punkt. Weber selbst übernahm wiederum die Regie beim Monolog von Cristiana Anghel. "Es war eher ein Miteinander, auch wenn Nils am Ende natürlich immer das letzte Wort hatte", lächelt sie.

Während einige Doppelfunktionen übernahmen, konzentrierte sich die erfahrene Schauspielerin Katrin von Hochmeister auf die Regiearbeit. Sie betreute Maike Meyer, die im Stück wegen der schieren Bandbreite an Emotionen - von leiser Scham über rasende Wut bis hin zu nagenden Selbstzweifeln - die wohl anspruchsvollste Rolle hat. "Wir haben Rotz und Wasser geheult", berichtet Kathrin von Hochmeister von der "sehr intensiven Probenarbeit".

Gesamtleiter Ingo Sika ist mit dem Ergebnis sehr zufrieden. "Ich bin wirklich erstaunt, wie präzise und dezidiert die Monologe geworden sind. Da musste ich - wenn überhaupt - nur noch minimal korrigieren", lobt er seine Mannschaft.

    Junge Bühne Sindelfingen
    Ingo Sika und Siegfried Barth haben im Nachgang zur Biennale 2017 nach einer Möglichkeit gesucht, junge Talente dauerhaft für sämtliche Aufgabenfelder rund um die Bühnenarbeit ans heimische Kulturleben zu binden. So entstand die "Junge Bühne Sindelfingen", die im Juni mit dem Musical "Next to Normal" im Theaterkeller Premiere feierte. Organisatorisch ist das Ensemble beim Verein Biennale Co. angesiedelt, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit rund um das Sindelfinger Kulturfestival kümmert.
    Ab heute wird die aktuelle Produktion "Die Acht: die Rentiermonologe" an vier Abenden im VHS-Saal am Stiftsgymnasium gespielt. Karten für die Aufführungen am 23., 24. und 30. November sowie am 1. Dezember (Beginn jeweils um 20 Uhr) sind im i-Punkt am Sindelfinger Marktplatz, Telefon (0 70 31) 9 43 25 erhältlich. Das Stück ist für Zuschauer ab etwa 16 Jahren geeignet. Im Anschluss sind Fragerunden geplant.
    Bis 2020 plant die Junge Bühne drei weitere Projekte: ein Kleinkunstfestival im Rahmen der Biennale 2019 sowie im Jahr 2020 eine Adaption von Falk Richters Tanztheater "Small Town Boy" und eine Musical-Gala mit namhaften Künstlern in der Stadthalle Sindelfingen - darunter der Opernsänger Nico Müller, der bereits beim Musical "Next to Normal" den Darstellern als Gesangs-Coach zur Seite stand.
 
    Mehr Infos unter biennale.co/junge-buehne/ im Internet.

 

 

 

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