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Bärbel Stolz trat als Prenzlschwäbin in Maichingen auf

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Seit knapp zwei Jahren ist die Kabarettistin Bärbel Stolz mit ihrem Programm "Isch des bio?" auf Tour durch die Republik. Dabei erzählt sie von ihrem Leben als Schwäbin in Berlin. In Maichingen trat sie am Freitag im Kreise ihrer süddeutschen Landsleute auf. Verständigungsprobleme gab es trotzdem. Das lag aber nicht am Dialekt.

Artikel vom 19. November 2018 - 16:06

Von Florian Ladenburger

MAICHINGEN. Das Licht im fast ausverkauften Maichinger Bürgerhaus geht aus, Musik ertönt - doch die Bühne bleibt leer. Dann erklingt eine Stimme: "Bärbel, du musst auf die Bühne!" Doch Bärbel Stolz isst gerade noch genüsslich in ihrer Garderobe ihren Kartoffelsalat. Das Mikrofon ist aber schon an und so hört das Publikum alles mit. Auch die Diskussion mit ihrem Agenten darüber, ob das Mikrofon nun tatsächlich an ist oder nicht, währenddessen der Ton immer wieder abbricht. Dann kommt Bärbel Stolz als "Prenzlschwäbin" im roten Kleid mit weißen Punkten unter großen Applaus auf die Bühne gerannt. Sie spricht; das Mikrofon ist an und funktioniert - die vermeintliche Panne gehört zum Programm.

Was sie allerdings nicht weiß, ist, dass ihr scherzhaftes Intro wahr geworden ist: Der linke Bühnen-Lautsprecher, der die eine Seite des Bürgerhauses beschallt, ist nämlich aus. So haben manche Zuschauer Probleme, alles zu verstehen. Die Techniker versuchen, den Fehler in der Pause zu beheben, aber erst während des zweiten Teils tönt es plötzlich aus beiden Lautsprechern. Ein erfreutes "Aaah" geht durch den Saal, Applaus brandet auf. Bärbel Stolz nimmt es locker und sagt zu ihrem Publikum, das die erste Hälfte mehr gesehen als gehört hat: "Zum Glück sehe ich so gut aus."

Desensibilisierungs-Programm für angehende Berliner

Nun hören also alle, was die Kabarettistin so zu erzählen hat. Und das ist eine ganze Menge, immerhin ist sie ausgewandert. Von der Schwäbischen Alb nach Berlin, genau dorthin "wo der Schwabenhass erfunden wurde": in den Stadtteil Prenzlauer Berg. Dort hat sie anfangs mit den einfachsten Dingen zu kämpfen. Beim Bäcker bestellt sie einen Berliner und bekommt als Antwort: "Wir sind doch keene Partnervermittlung". Die Berliner sagen schließlich Pfannkuchen. Seitdem bestellt sie lieber Brot, denn das heißt überall einfach nur Brot.

Einem Ausländer erklärt sie die Mülltrennung - "Sis is Mehrweg!" - und dem Publikum bringt sie das "Desensibilisierungs-Programm" bei, um so zu werden wie die Berliner, nämlich unfreundlich - Lektion 1: Mit einem Döner in die volle Tram setzen.

Ihre Kunstfigur, die Prenzlschwäbin, macht natürlich jeden Trend mit: "Trinken ist das neue Essen!" So macht sie ihren Kindern namens Bruno-Hugo-Luis und Wikipedia einen Smoothie aus dem Vesperbrot, später gibt's im Restaurant den Linsen-und-Spätzle-Smoothie.

Was Bärbel Stolz erzählt, ist lustig, aber nicht der Brüller und vor allem oft nicht neu. Abgedrehte Kindernamen, Deutsch-Englischer-Mischmasch und hipper Hipster-Neusprech - "Das ist kein altes Bauernbrot, das ist ein Vintage Farmers Bread!" - diese Klischees haben schon viele Comedians vor ihr gebracht und auch Weisheiten wie "In Berlin ist jeder willkommen. Dem Berliner sind alle gleich wurscht", kennt man schon.

Einzelne Pointen sitzen gut, etwa wenn es um die Dating-App Tinder geht, bei der man Fotos der potentiellen Partner/innen mit dem Finger auf dem Smartphone-Display zur Seite "wischen" muss. Die App sei wie für den Schwaben geschaffen, immerhin "liegt ihm Wischen im Blut."

Als die Prenzlschwäbin bei einem Date sich kurz auf die Toilette entschuldigt, hört sie, wie ihr Dating-Partner einen Kumpel anruft und sagt: "Wenn die den Mund aufmacht, die verwandelt sich in Wolfgang Schäuble!" Der Gag kommt am Ende besser, als die eigentlich Pointe der Geschichte: Sie sagt ihrem Tischpartner ab, weil der zu krassen Dialekt spreche: Hochdeutsch.

Geschichten mit kritischer Aussage gehen im Meer der Klischee-Reiterei unter. Die Partnersuche sei nichts im Vergleich zur Berliner Wohnungssuche. Zur Wohnungsbesichtigung brauche man "ein polizeiliches Führungszeugnis, einen Schufa-Auszug, ein Seepferdchen. . ." Dabei haben die Wohnungssuchenden in Berlin, ähnlich wie in Stuttgart, nichts zu lachen. "Haben die alle keine Eigentumswohnung? Denken Sie mal über einen Bausparvertrag nach!", rät die Prenzlschwäbin. Nur um kurz darauf die Frage, wo ihr Auto denn stehe, zu beantworten mit: "Schon wieder in Flammen." Sie kann eben auch mal ein bisschen böse sein. Aber wie sagt sie so schön? "Ich gehöre nicht zu den Bösen. Ich mache Yoga."

Was auf Youtube geht, funktioniert nicht unbedingt auch auf der Bühne

Dass Bärbel Stolz die Schauspielerei gelernt hat, merkt man ihrem Auftritt an: Sie wechselt problemlos die Dialekte und schafft es leicht, Dialoge alleine zu spielen. Doch trotzdem wirkt sie auf der großen Bühne etwas verloren. Es ist eben doch ein anderes Format als ihre Youtube-Videos im Internet. Das gilt auch für ihre kurzen Erzählungen an sich. Im Internet sind diese kurz und auf den Punkt gebracht. Für eine abendfüllende Show reichen sie aber nicht.

                                      "Grüß Gott! Einen Berliner, bitte!" --- "Wir sind eine Bäckerei, keene Partnervermittlung!"

 

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