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Rendezvous mit der Königin der Instrumente

Die Orgeltage in der Stadtkirche Böblingen gingen mit einem seltenen Klangerlebnis zu Ende: Die Orgel traf auf ein Orchester

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    So etwas war zu Mozarts Zeiten noch undenkbar: Orgel mit Orchester Foto: Bernd Epple

Artikel vom 12. November 2018 - 18:24

Von Bernd Epple

BÖBLINGEN. Die Orgel, als Königin der Instrumente, verfügt selbst über ein riesiges Klangspektrum, so dass sie selten gemeinsam in großen Besetzungen zu hören ist. Anders am vergangenen Sonntagabend in der Böblinger Stadtkirche. Zum krönenden Abschluss der Orgeltage musizierten knapp 30 Musiker des Hay Quartetts und der Sinfonietta Vaihingen unter der Leitung von Rainer Bohm gemeinsam mit Eckhard Böhm an der Orgel.

Im Gegensatz zu den üblichen Orgelkonzerten punktet die Stadtkirche mit einem Besucherrang im Chor, der den Blick auf die Empore freigibt. Somit kann die Musik nicht nur gehört werden, sondern erlaubt den Musikfreunden auch, das Geschehen mit den Augen zu verfolgen. Das ist besonders reizvoll, wenn der Organist, wie an diesem Sonntag, von zahlreichen Streichern und einigen wenigen Bläsern umgeben ist.

Die knapp 80 Besucher konnten so das Dargebotene mit allen Sinnen erfassen. Auf dem Programm des Abschlusskonzertes standen Kompositionen von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791), zu einem Konzert für Orgel und Orchester zusammengefügt, eine Orgelimprovisation von Eckhart Böhm sowie das Konzert für Orgel und Orchester Nr. 1 F-Dur op.137 von Joseph Gabriel Rheinberger (1839-1901).

Mozart konnte nie ein Konzert für Orgel und Orchester aufführen

Mozart selbst hatte nie Gelegenheit, ein Konzert für Orgel und Orchester aufzuführen. Zwar wirkte die Orgel magische Anziehungskraft auf ihn aus, doch war es im katholischen Österreich des mittleren 18. Jahrhunderts nicht möglich, die Orgel als Konzertinstrument zu "missbrauchen". Sie hatte ausschließlich als Dienerin der Liturgie zu fungieren. Dass dennoch ein komplettes Orchester/Orgel- Konzert mit den Sätzen Allegro, Adagio, Menuett und Allegro für diese Besetzung entstand, ist dem Vaihinger Kirchenmusikdirektor Rainer Bohm zu verdanken. Er fügte einzelne Mozartsche Kirchensonaten mit dem Klavierkonzert C-Dur KV 246 zum großen Ganzen zusammen. Dabei waren formale Eingriffe Bohms im ersten und dritten Satz unausweichlich.

Ein furioser Auftakt leitete in das fröhliche Allegro über, das unschwer umgehend als typischer Mozart erkennbar war. Die Orgel blieb zunächst tunlichst im Hintergrund und füllte somit auch hier ihre dienende Rolle der damaligen Zeit aus, als sie zunächst fast glockenspielartig in Erscheinung trat. Zart und leicht, wie auf Vogelschwingen verschaffte sie sich im Adagio etwas mehr Gehör.

Ein Orgelsolo erinnerte an eine blühende Sommerwiese, auf der die Insekten emsig auf Blütennahrungssuche sind. Das Orchester steigerte sich langsam zum finalen Tutti des zweiten Satzes. Das Menuett im Dreiertakt begann zunächst mit einer fulminanten Orgel und majestätischer Orchesterbegleitung voller Eleganz und Anmut. Im abschließenden Allegro fühlte man sich wieder umgehend in die Natur zurückgeführt. Eine verspielte Orgel, die gleich einem Gebirgsbach durch saftige Wiesen mäandernd, das orchestrale Felsmassiv umspielt. Und es wäre nicht Mozart, wenn da nicht immer wieder dessen Ideenreichtum mit seiner verspielten Leichtigkeit und überraschenden Wendungen das Geschehen auflockerte.

Nun durfte das Orchester pausieren. Eine Orgelimprovisation des Kantors der evangelischen Gesamtkirchengemeine erfüllte den Kirchenraum. Eckhart Böhm präsentierte die Mächtigkeit dieses Instrumentes. Kraftvolle Register, leise Töne, sich jagende Figuren, Durchatmen, Dramatik, Leichtigkeit, zarte Dur- und schwere Moll-Stimmungen; alles war dabei und somit eine gelungene Demonstration von Böhms musikalischer Klasse.

Akribisch ausgearbeitete Sätze mit romantischem Empfinden gepaart

Das abschließende Werk Rheinbergers wirkte im Vergleich zur spielerischen Leichtigkeit Mozarts fast brachial. Der Professor für Orgel und Komposition an der königlichen Musikschule in München war ein Freund klarer Architektur. Akribisch ausgearbeitete Sätze, gepaart mit romantischem, gefühlsbetontem Empfinden bestimmen sein musikalisches Schaffen. Während im ersten Satz seines Werkes mit Orgel und Waldhörnern noch eine enorme Klangdichte erzeugt wird, wechseln im zweiten Satz süßliche Streicherpassagen mit gewaltigen Tutti ab.

Im dritten Satz dominieren wiederum die strahlenden Hörner und die Orgel, die meist als integriertes "Blasinstrument" den Gesamtklang mitbestimmt. Im Finale zieht die Orgel schließlich alle Register und findet zu guter Letzt mit einzelnen zaghaften Noten wieder in ihre sakrale Rolle. Ein gelungenes Abschlusskonzert, das die Vielseitigkeit der Orgel, mit verschiedensten Begleitungen innerhalb der Orgeltage, noch einmal mit neuen Aspekten erscheinen ließ.

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