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Pianistin spielt sich in kontrollierten Rausch

Klavierkonzert mit Aleksandra Mikulska in der Sindelfinger Stadthalle anlässlich des 20-jährigen Bestehens von Piano Hölzle

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    Aleksandra Mikulska

Artikel vom 01. November 2018 - 13:18

Von Jan Renz

SINDELFINGEN. Zum 20. Geburtstag seines Pianohauses hat Wilhelm Hölzle sich und den Klavierfans der Region ein Geschenk gemacht: Er lud die polnische Ausnahmepianistin Aleksandra Mikulska in die Sindelfinger Stadthalle, und diese verzauberte ihr Publikum. Anfang 2017 war sie zu Gast beim Pianistenfestival in Böblingen. Auch dort hinterließ sie einen starken Eindruck.

Es gibt nicht viele Komponisten, mit denen man ein ganzes Programm bestreiten kann: Ludwig van Beethoven gehört dazu, ganz sicher auch Frédéric Chopin. Seine Musik ist so nobel und vielgestaltig, so aufregend farbig und reizvoll virtuos, dass man ihn Stunden hören kann. So war es auch bei diesem Recital in der sehr gut gefüllten Stadthalle. 90 Minuten lang hörte man Chopin, dazwischen zwei kleine Präludien von Karol Szymanowski. Die 36-jährige Pianistin ist für Chopin geradezu prädestiniert: Beim 15. Chopin-Wettbewerb in Warschau, einem der wichtigsten Klavierwettbewerbe, erhielt sie den Sonderpreis für die beste polnische Pianistin. Außerdem ist sie seit einigen Jahren Präsidentin der "Chopin-Gesellschaft" in Darmstadt.

Im Foyer der Stadthalle standen Flügel und Klaviere, man sah das Innenleben eines Bösendorfers. Ein ganz wertvoller stand auf der Bühne der Stadthalle, ein Bösendorfer 280 Vienna Concert. Die Künstlerin hatte das Instrument selbst ausgesucht. Es ist eine Neuentwicklung. Kostenpunkt: 160 000 Euro. Das Pianohaus Hölzle ist ein "Bösendorfer Center". 2007/08 wurde die Wiener Traditionsfirma Bösendorfer von Yamaha aufgekauft. Gemeinsam entwickelt man in enger Zusammenarbeit mit bedeutenden Pianisten unserer Zeit moderne Konzertflügel: Sir András Schiff ist nur einer von vielen. Sein individueller Bösendorfer begleitet ihn auf seinen Konzerttourneen. Auch ein Jazzgigant wie Oscar Peterson setzte auf Bösendorfer.

Am Anfang wurde etwas Werbung gemacht: Durchs Programm führte schwungvoll und eloquent Holger Huhn, früher Mitarbeiter von Bösendorfer, heute selbständiger Handelsvertreter für Klaviere. Eine Dame war aus Wien angereist und übermittelte Wilhelm Hölzle Glückwünsche zum runden Geburtstag: Sabine Grubmüller, Geschäftsführerin von Bösendorfer. Sie bewertet das Zusammengehen von Yamaha und Bösendorfer natürlich positiv. Sie betonte: "Die Musiker sind das Wichtigste." Deshalb die enge Kooperation mit ihnen. Im Namen aller Mitarbeiter gratulierte sie dem Klavierhaus zum 20-jährigen Bestehen und überreichte Geschenke. Der Inhaber wurde vom Moderator auf die Bühne gebeten. "Ich bin überwältigt", sagte er angesichts gut gefüllter Stuhlreihen in der Stadthalle. Sein Erfolgsrezept wurde angedeutet: engagierte Mitarbeiter, gute Marken. "Der Markt ist brutal, es ist nicht einfach", gestand er ein.

Hölzle: "Der Markt ist brutal"

Wie bereits erwähnt: Mikulska hatte den Flügel für das Konzert ausgesucht. Sie erzählte vorab eine Geschichte. Nach einem Klavierabend in München rief sie ein Freund an. "Was ist das für ein Instrument? Es klingt ja wie ein ganzes Orchester."

Chopin tönt auf diesem Instrument prächtig. Das gilt besonders für das Pianissimo, es klingt magisch und tragfähig zugleich. Bei den einleitenden Mazurken deutete sich das an. Die Qualitäten des Flügels wurden dann im Scherzo b-Moll deutlich: kraftvolle Bässe, leuchtende Kantilenen, satte vollgriffige Akkorde. Auch hier dehnte Mikulska einzelne Melodien und verlieh ihnen kostbaren Glanz.

Ganz unterschiedliche Charaktere formte die Pianistin. Zuvor hatte sie den biographischen Hintergrund des Werks ausgeleuchtet: Chopins Heiratsantrag wurde von der aristokratischen Familie der Angebeteten abgelehnt: Chopin sei zu krank, außerdem zu arm. Leiden und Leidenschaft spiegeln sich in diesem zweiten Scherzo wieder. Wenn der Anfang wieder aufgenommen wird, klingt er ganz anders, bereichert. Diese Musik ist spektakulär und poetisch zugleich.

Natürlich musste das Instrument in der Pause nachgestimmt werden. Nach der Pause hörte man zwei dunkel funkelnde Präludien von Szymanowski: Nr. 1 und 7 aus Opus 1. Er denkt Chopin in der Moderne weiter, auch seine Harmonik ist ungewöhnlich, aber der Spätromantik und dem Impressionismus verpflichtet.

Chopins Hauptwerk ist die h-Moll-Sonate. Beim Böblinger Pianistenfestival 2017 beendete die Pianistin mit diesem kapitalen Werk ihren ersten Konzertteil. In Sindelfingen stand es ganz am Schluss. Spät ist es entstanden und besitzt für die Pianistin resümierenden Charakter. Holger Huhn fragte, ob dieses Werk tatsächlich die Krönung des Chopinschen Oeuvres sei. In ihr sei alles enthalten, erklärte Mikulska. In der Durchführung des ersten Satzes entdeckt sie Bach, sie hebt die "meisterliche Konstruktion" hervor, die Sonate sei ein "musikalisches Wunder an Farben und Ausdruck".

Was sofort auffällt: Mikulska bietet viel Klang auf. Im dritten Satz gibt es wieder wunderbar leise Momente, mit einem schwebenden leichten Ton. Besonders das Finale zeichnet sich durch große Klangfülle auf. Die Technik der in Deutschland lebenden Pianistin ist geschmeidig. Das Entscheidende: Sie spielt immer mit Leidenschaft. Im Finale überlässt sie sich einem kontrollierten Rausch.

Nach diesem aufregenden Programm zwei Zugaben: die Sarabande aus der sechsten Partita von Johann Sebastian Bach und von Franz Liszt die "11. Ungarische Rhapsodie" (diese hat Mikulska im letzten Jahr in Böblingen gespielt), wirklich elektrisierend dargeboten. Das löste einen Bravosturm aus. Nach dem Konzert signierte die Künstlerin im Foyer der Stadthalle ihre CDs.

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