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Strotmann: Zaubertheater auf dem Flugfeld hätte Chefsache sein müssen

Zauberkünstler verwirft nach monatelangen ergebnislosen Verhandlungen mit Zweckverband Investitionspläne in Millionenhöhe

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    Ideenvorschlag für ein Zaubertheater auf dem Flugfeld: Gestaltung: Hulverscheidt + Kindler
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    Mann für zündende Ideen: Thorsten Strotmann verzaubert sein Publikum mit Close-up-Magie
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    Baufeld 38 (rot eingekreist) liegt am Ende des Langen Sees, direkt neben Festplatz und Motorworld

Thorsten Strotmann kann Dinge vor den Augen seines staunenden Publikums einfach verschwinden zu lassen. Zuletzt musste der Magier lernen, dass die Politik diesen Trick offenbar genau so gut drauf hat: Seine Pläne, auf dem Flugfeld einen Nachfolger für seine Magic Lounge zu bauen, haben sich wohl in Luft aufgelöst.

Artikel vom 12. Oktober 2018 - 22:36

Von Eddie Langner

BÖBLINGEN/SINDELFINGEN. "Was ist der Unterschied zwischen einem Politiker und einem Zauberer? Ein Zauberer macht das Unmögliche möglich, ein Politiker das Mögliche unmöglich." Mit diesem sarkastischen Bonmot beendet Thorsten Strotmann einen Facebookpost, der seit Beginn dieser Woche hohe Wellen schlägt. Der Zauberkünstler und Unternehmer macht darin seinem Ärger Luft über die aus seiner Sicht gescheiterten Verhandlungen mit den Verantwortlichen der Städte Böblingen und Sindelfingen sowie dem Zweckverband Flugfeld über ein Zaubertheater am Rand des Langen Sees in direkter Nachbarschaft zur Motorworld.

"Unglaublich, was in den letzten sieben Monaten nicht zustande gekommen ist und wie eine NICHT-Kommunikation abläuft", schreibt Strotmann auf seiner Facebook-Seite. In den Kommentarzeilen entladen sich Spott, Häme und Unverständnis darüber, wie die Entscheidungsträger sich eine solche Chance entgehen lassen konnten.

Wer Strotmanns Frust verstehen will, muss die Vorgeschichte kennen. Die beginnt im Februar 2018, beziehungsweise sogar noch einige Monate vorher, denn schon seit längerer Zeit trägt sich der Entertainer und Unternehmer mit dem Gedanken, seiner Magic Lounge im Römerkastell nach neun Jahren den Rücken zu kehren. Mit seiner Close-up-Magie hatte der 46-Jährige nach eigenen Angaben schon mehr als 220 000 Zuschauer an den versteckten Standort in Bad Cannstatt gelockt. Sein Ziel: An einem neuen Standort ein größeres und vielfältiger nutzbares Theater bauen.

Gemeinsam mit seiner Frau Claudia hat er ein Konzept erarbeitet, das ein erweitertes Gastronomie-Angebot, Tagungsräume, VIP-Lounges und einen Theaterraum mit Platz für 250 statt wie bisher 180 Zuschauern vorsieht. Zum Konzept gehört auch, dass Nachwuchszauberer in dem neuen Theater eine Bühne bekommen sollen - mit dem langfristigen Ziel, einen Nachfolger für Strotmann aufzubauen. Pro Jahr würde der Zauberer - wie schon in Stuttgart - rund 230 Shows spielen. An den restlichen Terminen könnten in dem Theater auch andere Veranstaltungen über die Bühne gehen, zum Beispiel im Bereich Kleinkunst und Comedy.

"Zauberer sucht neues Zuhause", titelte die Kulturredaktion deshalb am 15. Juni, nachdem Thorsten Strotmann der Kreiszeitung seine Pläne verraten hatte. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht öffentlich machen wollte: Er hatte dafür bereits einen ganz bestimmten Standort im Auge, nämlich das Baufeld 38 - eine Grünfläche direkt neben der Treppe am Langen See.

Es war Gerhard Gamp, Theaterleiter im Alten Amtsgericht und langjähriger Freund Strotmanns, der den Zauberkünstler auf das Flugfeld gebracht hatte. Bereits Anfang des Jahres hatte Gamp den Kontakt zum damaligen Oberbürgermeister Wolfgang Lützner hergestellt. Der schlug Strotmann zunächst zwei Grundstücke auf dem eher gewerbelastigen Teil des Flugfeld nahe der Autobahn vor. "Die waren uns aber zu weit weg vom Schuss", erzählt der in Leonberg aufgewachsene Bühnenkünstler. Also vermittelte Gerhard Gamp den Kontakt zu Peter Brenner, Geschäftsführer des Zweckverbands Flugfeld. Der schlug das Baufeld am Langen See vor, das später, nach abgeschlossenem Umbau der A 81, eine absolute Spitzenlage bedeuten würde: Jeder, der von der Autobahn abfährt, hätte als erstes dieses Gebäude im Blick. Strotmann und sein Team waren sofort begeistert.

Im März kam es zu einem ersten Treffen. Auch Brenner sei sehr angetan gewesen - zumal ihm Strotmann als studierter Wirtschaftsingenieur und Betriebswirt auch die finanziellen Vorzüge seines Vorhabens schmackhaft machte: Genau wie im Römerkastell würde er die Investitionskosten für sein Theater selbst aufbringen und das Geschäft ohne Fördergelder eigenständig betreiben.

Zudem würde er nach seiner Kalkulation über den Zeitraum von zehn Jahren rund fünf Millionen Gewerbesteuer in die beiden Stadtkassen spülen. Mit Blick auf die Magic Lounge scheinen diese Zahlen nicht so weit hergeholt: "Die Auslastung dort liegt seit sechs Jahren bei 90 Prozent, das Theater finanziert sich ohne Subventionen und wirft jedes Jahr 400 000 Euro Gewerbesteuer ab", erzählt der Unternehmer.

Strotmann würde also nicht nur sein eigenes Geld investieren, sondern Böblingen und Sindelfingen zudem voraussichtlich auch noch eine ordentliche Menge an Steuereinnahmen bescheren. Dafür drängte er bei Brenner allerdings darauf, möglichst schnell mit dem Bauen anfangen zu dürfen. "Wir wollten Gas geben", erklärt Strotmann, warum er am liebsten schon im Oktober 2019 - zum zehnjährigen Bestehen der Magic Lounge - die Bagger anrollen lassen wollte.

Aus dem "Gas geben" wurde dann aber nichts: "Wir hatten extra im April schon eine Broschüre im Schnelldruck machen lassen, die unter anderem für den Gemeinderat bestimmt war", erzählt Strotmann. Die 100 aufwendig produzierten Mappen seien aber bis heute nicht verteilt worden. Stattdessen sei ab da die Kommunikation mit Brenner "komplett zäh" geworden.

In einer Art Salamitaktik kommen immer neue Bedingung ins Spiel

Auch auf ein Treffen mit den Oberbürgermeistern Stefan Belz und Bernd Vöhringer musste Strotmann lange warten. Die hätten sich zwar ebenfalls begeistert von der Idee gezeigt, danach sei aber außer zahlreichen Telefonaten mit Brenner nicht mehr viel passiert.

Stattdessen, so Strotmann, habe der Zweckverbandsgeschäftsführer in einer Art "Salamitaktik" immer neue Bedingungen ins Spiel gebracht. "Auf einmal hieß es, ich soll eine Tiefgarage bauen", zählt Strotmann auf. Die hätte ihn aber weitere zwei bis drei Millionen zusätzlich gekostet, rechnet er vor - mal ganz abgesehen von der Gefahr, beim Buddeln auf eine Fliegerbombe zu stoßen - was auf dem Flugfeld ja nicht gänzlich auszuschließen ist.

Ursprünglich war eine Investition von sieben Millionen Euro geplant

Dann habe man auf den regulären Wohnbau-Quadratmeterpreis von 1000 Euro bestanden (anstatt ihm als Kulturmacher günstigere Gewerbekonditionen anzubieten) und als Krönung sei dann auch noch ein Architektenwettbewerb ins Spiel gekommen. All dies führte dazu, dass der Unternehmer seine ursprüngliche Kalkulation über den Haufen werfen musste. "Ich wollte sieben Millionen investieren", erklärt Strotmann. Als ihm klar wurde, dass ihn allein die Infrastruktur schon einen Großteil davon kosten würde, schraubte er das geplante Volumen auf fünf Millionen Euro zurück.

"Hätte man mir das am Anfang klar gesagt, hätte ich das akzeptiert und dankend abgelehnt", macht Strotmann deutlich, dass er weniger über die Auflagen, sondern vielmehr über die schlechte und seiner Ansicht nach unaufrichtige Kommunikation verärgert sei. "Was mich stört, ist das immer wieder Dinge umgedreht wurden, obwohl sie schon anders besprochen waren."

Am Ende sollte es vier Monate dauern, bis Strotmann, seine Frau Claudia, sein Projektleiter Benjamin Kiss und seine beiden Planer Thomas Kindler und Horst Domke am 17. September endlich ein Treffen mit Peter Brenner sowie Christine Kraayvanger und Corinna Clemens, den Baubürgermeisterinnen der Städte Böblingen und Sindelfingen, bekommen sollten.

Bei dem Treffen kamen sämtlich Punkte, die er längst für geklärt hielt, wieder auf den Tisch: Tiefgarage, Architektenwettbewerb (der ihm erst jetzt als obligatorische Bedingung geschildert wurde), die schon in der Broschüre beantwortete Frage nach der Drittnutzung und auch der Vorschlag einer Erbpacht, um den Kaufpreis zu drücken.

Als Brenner später auch noch die Einhaltung des Baubeginns im Oktober 2019 anzweifelte, war Strotmann bedient. "Ich muss das erstmal sacken lassen", sagte er nach dem Gespräch. Brenner habe ihm daraufhin zugesichert, sich bei ihm zu melden. Eine Woche verging, dann zwei, dann drei, bis Strotmann schließlich vergangenen Sonntag eine Mail vom Zweckverbands-Chef bekommen habe. "Sie wollten sich doch melden", habe Brenner darin geschrieben.

Als Standort wird Leonberg jetzt sehr wahrscheinlich

An diesem Punkt hatte der ausgebildete Kommunikations-Coach genug von monatelanger "Nicht-Kommunikation" und "Nicht-Handeln". Er teilte Brenner mit, dass sich das Projekt für ihn erledigt habe er und dass er jetzt einen anderen Standort suchen werde. Dieser dürfte - wenn der Zauberkünstler nicht doch noch im Römerkastell bleibt - wahrscheinlich in Leonberg liegen, wo er das Theater auch für fünf Millionen bauen könne. In Leonberg, so Strotmannm, lege man Unternehmern keine Steine in den Weg, sondern mache ihnen - wie zuletzt beim Multiplexkino Traumpalast - in kürzester Zeit den Weg frei.

"Ich verstehe das nicht", muss Strotmann immer noch den Kopf schütteln, "wenn ich so etwas will, dann muss ich es doch zur Chefsache machen." Aber das sei eben nicht passiert. Stattdessen habe es immer nur Lippenbekenntnisse und die bereits erwähnte zähe Kommunikation gegeben.

Für eine mangelhafte Kommunikation sprechen auch die beiden Pressemitteilungen, die gestern auf Anfrage der Kreiszeitung in kurzer Folge die Redaktion erreichten. In einer ersten Mitteilung der Stadt Böblingen hieß es noch, man "sei gerade dabei, die Voraussetzungen für die Bebauung weiter zu klären und vorzubereiten." Man sei auf einem gutem Weg, habe weiter "großes Interesse an der Realisierung dieses Vorhabens" und zudem liege dem Rathaus bislang keine förmliche Absage vor.

Drei Stunden später landete dann aber eine offenbar zwischen beiden Städten abgestimmte Mitteilung des Zweckverbands Flugfeld im Posteingang, in der von Bedauern über die Absage die Rede ist. "Bezüglich des Projekts waren alle Akteure in enger Abstimmung mit Herrn Strotmann. Die Entwicklung eines Projekts auf einem Gelände, das bisher nicht für die Bebauung vorgesehen war, ist sicherlich eine Herausforderung. Vor diesem Hintergrund haben der Zweckverband und die Städte Herrn Strotmann Lösungsmöglichkeiten angeboten und ihn gebeten, jederzeit auf uns zuzukommen, wenn es Schwierigkeiten im Verfahren gibt", heißt es in der Mitteilung.

Dafür dürfte es wohl zu spät sein. Mit seinem Facebook-Post hat Strotmann die Brücke zu Rathäusern und Zweckverband aber vermutlich abgebrannt. Eine Einigung dürfte jedenfalls eher unwahrscheinlich geworden sein. Von Seiten der Städte ist diese Außenwirkung ärgerlich - zumal es eben Vorschriften, Richtlinien und Abläufe gibt, an denen eine Verwaltung nicht vorbeikommt. Dazu gehören ein geregeltes Bebauungsplanverfahren, Gleichbehandlung und Bürgerbeteiligung. Deswegen wäre es anderen Bauinteressenten auch nur schwer zu vermitteln, warum ein Zauberkünstler - so erfolgreich er auch sein mag - an einem Architektenwettbewerb beziehungsweise einer Mehrfachbeauftragung vorbei kommen soll, während anderen dieses Recht nicht gewährt wird.

Hat sich die Vision von einem Zaubertheater auf dem Flugfeld damit also endgültig in Luft aufgelöst? "Es müsste gehörig etwas passieren (ein kleines Wunder) und in Fluss kommen: Zeit, Geld, Garantien", schreibt Strotmann auf Nachfrage. "Es ist fünf vor zwölf", meint Gerhard Gamp, der im Hintergrund immer wieder versucht hat, das Projekt voranzubringen. Die Karten werden neu gemischt und Böblingen müsse jetzt "den Joker ziehen", formuliert der Kleinkunstveranstalter.

 

[Klargestellt: Im ursprünglichen Text war die Rede davon dass Wolfgang Lützner Strotmann auf das Baufeld 38 aufmerksam gemacht habe. Tatsächlich war dies aber Peter Brenner. Außerdem hatte Strotmann für den Bau einer Tiefgarage eher zwei bis drei Millionen, nicht 1,5 Millionen Euro kalkuliert. Auch beim Zeitpunkt des Treffens mit den Bürgermeistern hat sich eine Ungenauigkeit eingeschlichen. Diese Stellen wurden korrigiert. Die Redaktion]

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