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Nachtbus-Reportage: Eine Fahrt mit der Linie N74

Am Wochenende bringen Busse die Nachtschwärmer von Böblingen in die umliegenden Dörfer

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    Gut gelaunte Truppe: Die Busse in den frühen Morgenstunden ermöglichen es Nachtschwärmern, wohlbehalten nach Hause zu kommen - oder auf die nächste Party Fotos: Mareike Andert

"Jetzt nicht so einen Aufstand", herrscht der Fahrer des Nachtbusses N74 einen Typ mit blonden, halblangen Haaren an. Er trägt Lederjacke, modische Löcher-Jeans und versucht, mit 100 Euro das Ticket für 2,90 zu zahlen - nur eine von vielen speziellen Szenen auf der Nachtbusfahrt von Böblingen auf die Schönbuchlichtung.

Artikel vom 11. Oktober 2018 - 15:00

Von Mareike Andert

KREIS BÖBLINGEN. Mit 100 Euro zahlen geht nicht im Bus - weder nachts noch tagsüber. Kurze Diskussion. Auch dass sein Kumpel längst für ihn gezahlt hat, hält die blonde Lederjacke nicht davon ab. "Mach nicht rum, setzt dich hin", befiehlt ihm sein Kumpan. Der Bus schüttelt sich, schließt die Türen und beschleunigt wieder.

2.32 Uhr: "Nach Hildrizhausen bitte", sagt Denny, als er in den N74-Bus steigt. Der 21-Jährige trägt ein rotkariertes Hemd, passend dazu rot glänzende Kopfhörer. Mit Kumpel Stefan setzt er sich in die vordere Vierersitzgruppe: "Wir nehmen den Bus eigentlich wöchentlich. Wenn es den nicht geben würde, würden wir wahrscheinlich weniger weggehen."

Nachts sind alle Katzen grau, sagt ein Sprichwort. Und tatsächlich: Ein wesentlicher Unterschied zur Fahrtzeit tagsüber liegt auf der Hand. "Man sieht alles nicht so deutlich wie bei Tag", sagt der Busfahrer, der anonym bleiben möchte. Und auch die Fahrgäste sind anders: "Junge Leute kennen teilweise ihre Grenzen mit dem Alkohol nicht. Da kotzt auch mal einer in den Bus. Ist mir zum Glück eher selten passiert", erzählt der Fahrer, der seit neuneinhalb Jahren hinter dem Steuer sitzt.

Dunkle lange Haare umrahmen Vanesas zartes Gesicht. Die 20-Jährige nutzt den Nachtbus in letzter Zeit selten, weiß aber aus Erfahrung: "Der Nachtbus rettet manchmal Leben." Vanessa grinst: "Zum Beispiel jetzt. Draußen ist es arschkalt. Jetzt nach Hause laufen zu müssen, wäre eine Katastrophe." Die junge Frau fühlt sich auch sicherer mit dem Bus; ihre Mutter sei trotzdem besorgt.

In der hinteren linken Vierersitzgruppe hängt ein schmaler Typ auf dem Sitz. Seine Augenlider klappen zu. Bis er einschläft. Blonde Strähnen fallen ihm ins Gesicht, kabellose Kopfhörer stecken in seinen Ohren, und die aufgeplusterte Jacke lässt ihn breiter wirken. Seine Plüsch-Bauchtasche im Leopardenfellmuster ist ein Hingucker. Gegenüber sitzt sein Kumpel Samed - schwarzer Wuschellockenkopf mit Bart, schwarze Daunenjacke, weiße Turnschuhe, blaue Sporthose. Locker legt der 17-Jährige den Arm um den leeren Nebensitz und hört Techno. Auch ohne Kopfhörer können die Umsitzenden mithören. Klack, klack, klack macht der Blinker ebenfalls deutlich hörbar an der Kreuzung am Ortsausgang. Auch die laut brummende Lüftungsanlage unterstützt Sameds Techno-Beat.

Aus der Reihe fällt Tufan. Er kommt nicht vom Feiern, sondern vom Arbeiten: "Super, dass es den Bus gibt. Früher wusste ich das nicht und musste 20-30 Euro für ein Taxi zahlen. Jetzt zahle ich 2,90", lacht der 35-Jährige freundlich. Er hat sein Haar kurzrasiert, oben etwas länger und einen gepflegten Bart. "Manchmal machen die Besoffenen aus der Disco in Stuttgart Stress", zuckt er mit den Achseln.

Unbeachtet preist die Apothekenwerbung hinter dem Fahrer Cremes und Grippenmittelchen an. Etwas gegen Kopfweh würde den meisten im Bus eher helfen. Alex steigt verkatert in Holzgerlingen zu: "Mein Kopf tut übelst weh", stöhnt der 15-Jährige. Als erstes checkt er mit den Fingern seine Frisur in der spiegelnden Fensterscheibe. "Meine Eltern wissen nicht, dass ich so spät heim komme, da werd ich zuhause angeschnauzt", beschleicht ihn eine Vorahnung.

Denny stellt derweil ein Bein auf die Lüftungsvorrichtung, lehnt sich nach hinten und gähnt herzhaft, bevor er in Hildrizhausen aussteigt. Auch Zeit für Isabella, den Bus zu verlassen: "Normalerweise bin ich früh zuhause oder fahr mit dem Auto", sagt die 20-Jährige, "mir ist nicht so wohl, nachts Bus zu fahren und dann heimzulaufen." Trotzdem: "Könnten eigentlich noch mehr Nachtbusse fahren, stellt man immer wieder fest."

Hinter der jungen Frau mit den rot lackierte Nägeln und feuerrotem Haar schließen sich die Bustüren schnaufend, und der Bus fliegt weiter durch die dunklen Straßen. Der Innenraum reflektiert sich selbst in den Fensterscheiben. Draußen ziehen friedlich dunkle Felder, ein beleuchteter Supermarkt, Fachwerkhäuser und Betonmauer mit Graffiti vorbei. Die Gehwege sind leergefegt. Nur in wenigen Wohnhäusern brennt noch Licht hinter den Gardinen.

Mühsam schwenkt der Bus um den Kreisel und gleitet dann geschmeidig über die Landstraße. Prustend und schnaubend öffnen sich die Türen. Tufan steigt an der hinteren Tür in Weil im Schönbuch aus. Wenige Sekunden später klopft er vorne an die Scheibe: Er hat sein Handy im Bus vergessen. Der Fahrer öffnet nochmal. Endlich kann Tufan in seinen Feierabend am frühen Morgen gehen.

"Die Nachtschichten bringen den Schlafrhythmus komplett durcheinander", seufzt der Busfahrer. "Für mich ist der Sonntag gelaufen." Alle sechs bis acht Wochen muss er ran, wie alle seine Kollegen - außer den weiblichen. Das finde er aber auch richtig so. "Natürlich hat man so die Gewissheit, dass die Leute nach Hause kommen, aber eigentlich bin ich der Meinung, dass man den Nachtbus abschaffen könnte. Da stehen so viele Taxis, die wollen auch ihr Geschäft machen."

"Nächste Station: Neuweiler Abzweig", klingt es aus den Lautsprechern. Keiner will aus- oder einsteigen, deshalb fährt der Bus ohne Halt vorbei. Es ruckelt. Der Typ mit der Plüsch-Bauchtasche im Leopardenmuster schlägt gequält die Augen auf. Kumpel Samed schaut aufs Handy: "Ich nutze den Bus nicht so oft. Und bald bin ich 18, dann wird eh nur noch Karre gefahren", sagt er cool und stellt seine Füße auf den gegenüberliegenden Sitz.

Ganz hinten im Bus ist der blonde Held in Lederjacke am Philosophieren: "Was wäre gewesen, wenn mein Kumpel nicht gezahlt hätte? Warum kann ich nicht mit 100 Euro zahlen?", fragt er sich und fährt mit gespreizten Fingern durch seine Mähne. Einer aus seiner Gruppe hat eine Wodkaflasche dabei, die von Mund zu Mund wandert. In Schönaich kommen fünf weitere Jugendliche dazu, die nach Böblingen wollen. Mit ihnen eine leichte Bierfahne.

Darunter ist John. Der 18-Jährige zieht eine Tüte mit gerösteten Sonnenblumenkernen aus der Tasche. Dabei fallen viele auf den Boden, die anderen landen in seinem Mund. Sein Kumpel blickt klug durch eine schicke schwarze Brille: "Wir sind alle am Arsch, aber alle lieben sich!" Leichte Partystimmung kommt im Nachtbus auf. Der eine ruft dem andern zu: "Hör auf zu trinken" und nimmt sich die Wodkaflasche selbst. "Der ist doch seit zehn komplett hacke", schreit ein anderer. Die Wodkaflasche leert sich zusehends. "Wenn ich kotze, dann in die Box da vorne", lallt der nächste.

Um kurz vor halb vier ist der N74-Bus wieder zurück in Böblingen. Kurze Verschnaufpause für Motor und Fahrer: "Verrückte Jungs waren das heute. Mit 100 Euro wollen sie zahlen? Da denke ich nur: Benehmt euch doch einfach", sagt der Chauffeur und schiebt seine Brille zurecht. Dann steht die nächste Runde an.

Ein Rest Erbrochenes liegt auf Bussteig 6, die nächsten Fahrgäste stehen parat. 3.32 Uhr: Der Bus entschwindet erneut in die dunkle Herbstnacht.

    Nachtbusfahrten im Landkreis Böblingen
    Am Wochenende und vor Feiertagen fahren die S-Bahnen seit geraumer Zeit im Stundentakt durch. Das Umland bedienen dann die Nachtbusse (N62, N70, N74, N75, N76, N77). Sie fahren im Auftrag des Landkreis Böblingens zwischen 2.30 und 5.30 Uhr jeweils viermal.
 
    Über 30 000 Fahrgäste transportieren diese Linien jährlich. "Die Nachtbuslinien werden insgesamt sehr gut angenommen", meint Landrat Roland Bernhard. Anfang dieser Woche beschloss der Kreistag, alle vier Fahrten auf allen Linien fortzusetzen.
 
    Die Linie N74 wird mit 7000 Fahrgästen jährlich am meisten genutzt. Sie fährt von Böblingen aus eine Schleife über Holzgerlingen, Altdorf, Hildrizhausen, Weil im Schönbuch, Breitenstein und Schönaich.
 
    Dass Alex, Tufan und Isabella bequem und sicher nach Hause kommen, kostet im Landkreis Böbingen jährlich rund 88 000 Euro. Davon zahlt der Landkreis selbst 58 000 Euro, den Rest finanzieren Erlöse und Zuschüsse. "Unsere Nachtbuslinien tragen nicht nur dazu bei, umweltschädliche Emissionen oder Fahrten unter Alkoholeinfluss zu vermeiden. Sie sind ein auch wichtiger frühmorgendlicher Zubringer zum Flughafen", so Landrat Roland Bernhard über die Bedeutung des nächtlichen Sonderverkehrs. (ma)

 

 

 

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